Zynismus | Nicht zum Lachen

Zynismus ist nicht lustig. Wirklich nicht. Zynismus ist nicht einmal zu was nütze, denn mit der für ihn typischen Haltung einer gedankenlosen Ver- und Missachtung von Menschen (sich selbst eingeschlossen) hilft er niemandem ‒ nicht einmal dem/r Zyniker*in selbst. Trotz dessen oder gerade deshalb ist der Zynismus in den Regionen dieser Welt, die sich eine solche Haltung leisten können, erfolgreich in Mode gekommen. Schauen wir der Wahrheit ruhig und schonungslos ins Gesicht: Wir alle sind Zyniker*innen.

Wider besseren Wissens

Wir wissen um die verheerenden Wirkungen unseres hedonistischen Lebensstils, der mit einem immensen und immer weiter steigenden Hunger auf endliche Ressourcen auch noch die letzten nicht ausgebeuteten Gegenden der Welt überfällt und in absehbarer Zeit die verbliebenen Grundlagen menschlichen Lebens auf der Erde zerstören wird. Wir wissen mit einem Rest an gesundem Menschenverstand, dass der Reichtum weniger Glücklicher stets mit der mörderischen Armut vieler Unglücklicher zu bezahlen ist und sich daran so lange nichts ändern kann, wie einem das eigene Hemd näher als die Hose des anderen bleibt und dem liberalen Credo zufolge jede/r des eigenen Glückes Schmied zu sein hat – ohne mit Marx danach zu fragen, wem denn bitteschön der Hammer und der Amboss gehört, mit denen hier dem eigenen Wohlergehen Gestalt gegeben werden soll. Wir wissen, wenn wir in Schulen und an Universitäten über uns und unser Verhältnis zur Welt nachdenken, sehr wohl, welche Folgen unsere Handlungen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene haben – die entsprechenden Informationen und Erklärungen sind mit hinreichend komplexen Theorien und einem in der Menschheitsgeschichte bislang nie erreichten Maß an wissenschaftlicher Reflexion untermauert. Wir wissen das alles – und wir tun dagegen … nichts!

Und sehenden Auges

Stattdessen verreisen wir Jahr um Jahr und gern auch mal spontan über ein verlängertes Wochenende mit Flugzeug, Schiff, Zug oder Automobil in alle Herren Länder und kommen zuweilen zwischen Australien und Spitzbergen schon mal ganz durcheinander, welcher Kontinent uns eigentlich gerade als Destination einer Stippvisite dient. Dabei verbrauchen wir in nur wenigen Tagen so viel Energie wie unsere Altvorderen in einem ganzen Leben, wenn das überhaupt reicht. Und wenn wir dann vor Ort sind und mit (bestenfalls) bildungsbürgerlichem Interesse die kulturellen oder natürlichen Highlights des Gastlandes bestaunen, übersehen wir ebenso gekonnt wie zu Hause vor dem heimischen Supermarkt die bettelnden Gestalten und das hinter einigen Straßenecken verborgene Elend derjenigen, denen das Glück der Geburt in gediegene Lebensumstände nicht vergönnt gewesen ist und denen wir natürlich trotzdem in egalitaristischer Gefälligkeitslaune gerne die gleichen Rechte (aber auch Pflichten!) wie allen anderen Menschen zugestehen mögen.

Und obwohl wir auf unzähligen Symposien, Kolloquien, Tagungen und Workshops wunderbar klug und durchdacht die Probleme von Armut, Migration und struktureller Ungerechtigkeit durchdenken und hieraus allerlei Müsste-sollte-könnte-Lösungen erarbeiten, bleibt letztlich alles wie gehabt: Denn wer käme schon auf die Idee, eines dieser nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Anreise zahlreicher Expert*innen aus der ganzen Welt recht kostspieligen Denkvergnügen an herrlich gelegenen Orten mit gastronomischer Vollverpflegung einfach mal komplett ›abzurüsten‹ und das gesparte Budget denjenigen zu geben, die es wirklich gebrauchen können, um ein lebenswertes Leben zu führen?

Auf dem Weg in den zynischen Fatalismus

Und so liegen wir in diesem brüllend heißen Sommer am nach und nach auf Badewannentemperatur aufgeheizten See und fragen uns, wohin das eigentlich alles noch führen soll – die bornierte Dummheit und Ignoranz der anderen. Was sollen wir, die gerade mal gut achtzig Millionen Deutschen, denn schon bewirken können gegen den unvermeidlichen Verlauf dieser sich offenkundig abzeichnenden Katastrophe? Sollen doch erst einmal die vielen Chinesen und Inder was machen, das wäre wesentlich effizienter! Und überhaupt, noch persönlicher gedacht: Wie sollen einige wenige, die es ›gecheckt haben‹ und ›selbstverständlich‹ wissen, was zu tun wäre, etwas gegen die Macht der Staaten und der großen Konzerne und [hier bitte beliebigen Sündenbock einfügen] ausrichten? Das bringt doch nichts! Die Logik des zynischen Fatalisten entschuldigt sich gern selbst für solch ›bedauerliche‹ Unmöglichkeit, nicht handeln zu können – also: nicht handeln zu wollen. Als zynische Fatalisten ver- und missachten wir damit jedoch nicht nur vereinfachend pauschal das, was einmal mit einiger Wertschätzung und ohne bitteren Hohn als »conditio humana« bezeichnet wurde, sondern verwechseln zudem die Tugend im vernünftigen Handeln mit der Erwartung eines möglichst maximalen Ergebnisses. Das Richtige zu tun (Effektivität) hat logisch wie begrifflich einen Vorrang vor der Effizienz, nämlich das Richtige mit Umsicht und in diesem Sinn ›richtig‹ zu tun.

Das falsche Leben richtig leben

Ist dieser Text ein wiederum zynischer Kommentar zum Zynismus, also gewissermaßen ein Meta-Zynismus reloaded? Ja und nein. Denn die Flucht ins Zynische ist ungerecht und blind gegenüber so Vielem, was es eben auch gibt: Menschen, die sich in zahlreichen Initiativen gegen die mannigfaltigen Ungerechtigkeiten und all die menschenverachtenden Ismen engagieren, im kleinen wie im größeren Maß. Menschen, denen es nicht egal ist, was um sie herum passiert, und die dazu beitragen, dass zumindest ein Bewusstseinswandel stattfindet – der natürlich, da mag der Fatalist frohlocken, noch kein Garant für konsequentes Handeln ist. Und die sich damit praktisch vernünftig gegen den vielzitierten Satz: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« von Adorno und Horkheimer stellen, der es sogar schon auf T-Shirts geschafft hat. Was auch immer die Träger derselben uns damit zu verstehen geben wollen.

Foto: Thomas Hawk, www.flickr.com, CC BY-NC 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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