Zynismus | Wer zuletzt lacht, lacht allein

Wir alle kennen ja diese Bemerkungen, die besagen, dass auch Hitler Vegetarier war oder dass schließlich auch Hitler einen Schäferhund hatte. Solche Bemerkungen machen manche Menschen gegenüber mit ihnen befreundeten Vegetariern und Schäferhundhaltern augenzwinkernd. Ich hingegen warte inständig darauf, dass sich endlich jemand aus meinem sozialen Nahbereich als begeisterter Wohnmobilist entpuppt. Denn bereits seit 2011 trachte ich danach, eine meiner zeitgemäßen Weiterentwicklungen der Hitler-Bemerkungen zum Besten zu geben, in welcher der Verweis auf das bevorzugte Fluchtfahrzeug zweier serienmordender Nazis aus Jena keine ganz unwesentliche Rolle spielt. Da ich jedoch schon recht lange darauf warte, blieb mir auch etwas Zeit, darüber nachzudenken, ob eine solche Bemerkung nicht bloß meine durchaus distanzierte Haltung gegenüber der Freizeitaktivität des sogenannten Campings pointiert zum Ausdruck brächte, sondern überdies von einem Humor zeugte, der gemeinhin als »zynisch« empfunden werden könnte. Dies warf dann natürlich nicht nur umgehend die begriffliche Frage auf, ob es so etwas wie einen »zynischen Humor« überhaupt geben kann. Vor allem harrte die recht persönliche und daher vorrangige Frage, ob ich womöglich ein Zyniker sei, ihrer baldigen Antwort.

Spott

Sucht man die Frage zu beantworten, ob man ein Zyniker sei, so mag es nicht von Nachteil sein, sich erst einmal darüber Aufschluss zu verschaffen, was man denn nun unter einem Zyniker zu verstehen habe. Ohne jetzt alte griechische Hunde zu wecken und allerlei historische Bedeutungsverschiebungen zu bemühen, lässt sich leicht herausfinden, dass Konrad Dudens Erben die Bedeutung von »zynisch« heutzutage wie folgt erklären: »1. auf grausame, den Anstand beleidigende Weise spöttisch; 2. eine gefühllose, mitleidlose, menschenverachtende Haltung zum Ausdruck bringend, die besonders in bestimmten Angelegenheiten, Situationen als konträr, paradox und als jemandes Gefühle verachtend und verletzend empfunden wird«.

Menschenfreund

Ein gefühlloser, mitleidloser, grausamer und gar menschenverachtender Mensch bin ich hoffentlich nicht. Auch ich kann durchaus die glückliche Unbeschwertheit befreundeter Urlauber nachempfinden, die aus jenen Selfies spricht, welche mir unaugefordert von den Stränden Andalusiens zugesandt werden. Zudem helfe ich immer wieder gerne dabei, die Kinderwägen mir völlig unbekannter, aber bedauernswerter Eltern durch die frei flottierende Drehtüren unansehnlicher Bürgerämter zu bugsieren. Über voyeuristische Best-of-Filmchen, die die größten Epic Fails der vergangenen Dekade zeigen, konnte ich hingegen noch nie lachen, da ich mich stets unmittelbar fragte, wie es nun wohl um die Gesundheit der Gescheiterten bestellt sein mag. Und die schaustellerische Attraktion des Zwergenweitwurfs lehne ich ebenso entschieden ab wie Zwangsprostitution, Zwangsernährung und Zwangsräumungen. Obgleich mir die Emotionen nicht ohne Unterlass expressiv aus dem Knopfloch quillen mögen, kann ich also dennoch mit reinem Gewissen und den Worten einer nach einem älteren Junggesellen benannten Band aus Hamburg zumindest dies bekunden: Ich habe nichts gegen Menschen als solche, meine besten Freunde sind welche!

Auf eine »den Anstand beleidigende Weise spöttisch« zu sein, halte ich indes für nicht unbedingt verkehrt, sofern mit »Anstand« lediglich solche Umgangsformen gemeint sind, die durchweg Ausdruck blinder Tradition, unreflektierter Folklore, unhinterfragter Dogmen und undurchsichtiger Ressentiments sind. Gleiches gilt für Haltungen und Handlungen, die »in bestimmten Angelegenheiten« und »Situationen« als »konträr« und »paradox« empfunden werden. Denn ich kann partout nichts Schlechtes daran erkennen, sich konträr zu verhalten gegenüber den kritikwürdigen Gepflogenheiten der in die Verblödung und Verrohung galloppierenden Mehrheitsgesellschaft des Gegenwartskapitalismus. Und wird etwas als paradox empfunden, weil es sich von dem bereits zutiefst paradoxalen Unfug abhebt, den der Mainstream als Ausweis einer gelungenen Lebensführung missversteht, so möchte ich fast Hegels doppelte Negation verwursten und erschreckend undifferenziert sowie ein wenig pubertär die Ansicht vertreten, dass das, was gemeinhin als paradox empfunden wird, eben genau deshalb begrüßenswert sein muss.

Wohl kaum

Kann es falsch sein, einem Zeitgeist entgegenzustehen, in dem die Dogmen der oberflächlichen Effizienz und der peinlichen Selbstvermarktung dominieren und in dem daher das Klappern nicht mehr zum Handwerk gehört, sondern inzwischen das alleinige Handwerk ist? Kann es irgendwie fehlerhaft sein, sich der narzisstischen Hoppla-jetzt-komm-ich-Haltung neureicher Vollprolls zu verschließen, die vom Ottonormalverbraucher tagtäglich auf RTL2 bewundert und von Figuren wie Robert Geiss, Boris Becker, Dieter Bohlen, Silvio Berlusconi oder Donald Trump auf kleiner oder größerer Bühne manifestiert wird? Kann es verkehrt sein, auf nationale Zugehörigkeit und familiäre Abstammung zu pfeifen, in einem Land, in dem man mit einem nicht deutsch klingenden Namen schwerlicher eine Anstellung oder eine Mietwohnung findet? Kann es schlecht sein, sich konträr zu jenen schon lange nicht mehr nur anschwellenden Bocksgesängen breiter Bevölkerungsschichten zu verhalten, in denen vom sogenannten südländischen Aussehen eines Menschen eo ipso auf dessen geringe Vertrauenswürdigkeit, mangelnde Reinlichkeit und kriminelle Neigung fehlgeschlossen wird? Wohl kaum.

Ehrenwort

Da mein Vorrat an Hoffnung leider notorisch knapp ist und ich deshalb auch nur wenig Zuversicht verspüre, dass die meisten Menschen die gegenwärtigen Holzwege in absehbarer Zeit verlassen werden, bleibt mir nicht sehr viel mehr als zu versuchen, mein Leben auf eine ethisch halbwegs gute Weise zu führen und ansonsten auf den mich umgebenden Bullshit mit gelegentlich auch anstandsverletzendem Spott zu reagieren. Schön ist das nicht unbedingt, aber wenn derlei bedeutet, ein Zyniker zu sein, dann bin ich wohl ein Zyniker. Ein Zyniker, der sich beim Spotten zuweilen der humorigen Mittel bedient, die in der Ironie und im Sarkasmus stecken — und der sich niemals, wirklich niemals, ein Wohnmobil zulegen wird. Ehrenwort!

Bild: Thomas Hoffmann

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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