Zynismus | Was erlauben Türke!?

Zynismus ist keine Tugend. Mag er als Haltung oder als Denkungsart verstanden werden: Eine Beleidigung von Anstand und Sitte, die Missachtung von allem, was uns lieb und teuer geworden ist, ist ihm eigen. Zynische Kommentare sind spöttisch, bis es weh tut, und lassen es bewusst an Gefühl und Sensibilität für Situationen und Personen fehlen. Zynismus ist trotzig, bissig, rücksichtslos. Kein Zufall, dass der philosophische Kynismus einen Hund (alt.-griech. kyon) im Namen trägt. Kein Wunder, dass Diogenes (geboren in Sinope, heute: Türkiye) dem Platon als »rasend gewordener Sokrates« gilt. Letzterem, der ja auch nicht ohne war, konnte man immerhin einen Prozess machen (s.u., »Nubbel«). Aber wie soll man mit so einem abgerissenen Bettelphilosophen umgehen, der nichts besitzt und nichts begehrt, außer dass man (Alexander der Große) ihm (im Fass rumlungernd) »nur ein wenig aus der Sonne« gehen möge? Nur nebenbei: Was hätte Diogenes wohl dem hochseriösen Hegel – wortwörtlich – an den Kopf geworfen, dem zufolge der Zynismus »unwichtige Dinge zu wichtig nehme«?

Wer hat Schuld?

Mir persönlich jedenfalls ist bzw. war Zynismus lange fremd. Mehr noch: von Herzen zuwider, denn der zynische Mensch liebt und lebt nicht auf die richtige Weise. Es heißt, Diogenes habe, um seine Bedürfnisse und Sinne zu härten, eisige Statuen umarmt. Ich umarme für gewöhnlich eher meine Liebsten – und ab und an mal einen Baum. Bis zu diesem Sommer. Denn in diesem Sommer ging tatsächlich ein »Ruck« durch Deutschland. Rechts von der vielbeschworenen Mitte war unerwartet viel Platz – und jetzt ist es da irre voll, und unsereins wird nun ganz unheimlich um das Kanakenherz zumute…

Übrigens: Kennen Sie den Nubbel? Höhepunkt rheinischer Leitkultur, wo eine Strohpuppe zum Ende des Karnevals öffentlich verbrannt wird. Natürlich nicht, ohne ihr zuvor einen ordentlichen Prozess zu machen, denn schließlich sind wir in Deutschland: »Wer hat Schuld, dass wir so betrunken, so einsam, untreu, hässlich oder doof sind?«. Und die Menge grölt: »Dat wor der Nubbeeeel!«. Ab ins Feuer mit dem Kerl, dass er hell lodernd verreckt und wir dann morgen Buße tun können in seiner Asche.

Alles ist vorbei

Heuer ist Karneval im Sommer gewesen, und der Nubbel ist natürlich der Özil Mesut, weil, der hat schlichtweg alles verbockt: die WM (»Alles ist vorbei«, De Telegraaf); den deutschen Fußball (»Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt«, Würschtl-Ulli); das Sommermärchen, denn 2006 haben wir der Welt noch gezeigt, wie locker, liebenswert und Nicht-Nazi wir sind, 2018 hingegen mussten wir unsere eigenen Spieler ausbuhen wegen unserer Werte – und wegen eines Fotos; die Integration, denn Özil will partout die Nationalhymne nicht singen, dabei ist die super: »brüderlich-blühendes-glüühendes-Glück« (August von Fallersleben/Sarah Connor); und nicht zuletzt die Toleranz. Özil hat Staatsbürgerschaft, Stammplatz und Integrationsbambi bekommen. Wir wissen seit zwei, drei Jahren sogar, wie man seinen blöden Namen ausspricht. Und dann wirft der (!) uns (!) Rassismus vor. Frei nach Giovanni Trappatoni: »Was erlauben Türke?!« oder eben: »Wer hat Schuld, dass wir so wütend, so enttäuscht, verlacht und verschwitzt sind?«. Und die Menge grölt: »Das war der Öziiil!« Der ewige Kanake.

Richtig trauern oder Zynismus statt Akzeptanz

Das Wort »Kanake« stößt Ihnen übel auf? Das verstehe ich gut, mir hat das auch lange Zeit nicht gefallen. Aber erinnern Sie sich an »Kanak-Sprak»« und »Kanak-Attak»«? An den nur kurz währenden Versuch einer trotzigen Aneignung und Umwertung des kränkenden Wortes, der geile Musik, starke Literatur, wildes Theater, gar eine politische Bewegung hervorgebracht hat, die eine »neue Haltung von Kanaken (Menschen) aller Generationen« ohne jeden identitären »Mültikültüralizm« beschwor? Also, das war in den späten 1990ern. Gewissermaßen in der dritten Phase der Trauer, dem »Verhandeln«, dem sich Anbieten zur Provokation, zum Gespräch, zum Fest. Zuvor, in den 1970ern, gab es erst »Verneinung«, das Alles-schön-Reden und Nicht-wahrhaben-Wollen: »Die Deutschen meinen es nicht so, wenn sie uns Knoblauchfresser nennen«. In den zwanzig Jahren danach »Zorn«, hervorgerufen durch Einsicht und die Morde von Solingen, bei denen zwei Frauen und drei Mädchen im Feuer starben: »Einige Deutschen meinen es ganz genau so!«. Die vierte Phase, vor kurzem erst, »Depression«, denn »Deutschland schafft sich ab« (Thilo Sarrazin) und viele machen mit. Die fünfte Phase wäre, dem psychologischen Standardmodell zufolge, »Akzeptanz«. Aber nicht mit mir! #MeNot«.

Der Sommer, als ich ein zynischer Kanake wurde

Plötzlich nehme ich unwichtige Dinge wichtig und hätte es gerne, dass man mir endlich mal aus der Sonne geht. Deswegen bin ich zum zynischen Kanaken (hawaiisch kanaka: »Mensch«) geworden. Mit dem »Öz« im eigenen Namen trägt man das Stigma des Negativen ohnehin mit sich herum (Wohnungssuche auf ImmoScout daher besser mit dem deutschen Namen des Freundes! Oder nuscheln: »Grüß Gott, hier Dr. Ösemann«). Aber eigentlich fand ich Schland immer ganz gut mit der ganzen Freiheitlichkeit, Demokratie und meinem kosmopolitisch-mega-anerkennungsvoll-neugierigem Akademia+Kultur-Umfeld. Außerdem ist Schland mein Heimatland, und bis vor kurzem war ich halt so eine Deutsche mit MGH (»Migrationshintergrund«). Dann aber kamen Sarrazin, die AfD, der NSU-Prozess, die »Flüchtlingskrise«, die nicht länger schleichende Verrohung von dem, was gesagt, gefragt und getan werden darf, und schließlich die Causa Özil. Das »Deutschland der Vergangenheit«, auf das Özil nicht stolz sein will, hat die endgültige Diagnose gestellt über uns neue Deutsche: MGH ist unheilbar, einmal Kanake, immer Kanake! Deswegen will ich mich auch nicht mehr dagegen wehren. Wenn es der Super-Özil nicht geschafft hat, als Deutscher durchzugehen, was kann sich unsereins da schon erlauben? Diogenes Laertius berichtet übrigens über den Kyniker Diogenes, dass dieser »bei Tage ein Licht anzündete und sagte: Ich suche einen Menschen«. Wir zynischen Kanaken suchen jetzt übrigens auch ganz dringend Menschen, die unwichtige Dinge wichtig nehmen.

Foto: www.faschingskoenig.com/tuerken-kostuem-zubehoer

Zur Person Elif Özmen

Elif Özmen beschäftigt sich vor allem mit Fragen nach dem Zusammenhang von politischen Theorien der Gerechtigkeit und ethischen Konzeptionen guten Lebens. Sie ist Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Gießen.

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