Zynismus | Auf den Hund gekommen

Der wohl berühmteste aller »Kyniker« (alt-griech. kyon, »Hund«) wurde einst von einer Patrouille Soldaten beim pennerhaften Herumlungern auf der Straße aufgegriffen. Zu jener Zeit waren Menschen generell noch sans-papiers, und auf die Frage der Ordnungsmacht hin, wer er denn sei, hätte er sich, wie damals so üblich, mit der Angabe von Namen und Herkunftsort identifizieren müssen: »Diogenes von Synope«. Doch der Kyniker antwortete gewitzt mit einem überaus zukunftsweisenden Akt zivilen Ungehorsams. Er sagte: »Ich bin ein Bürger der Welt«. Mit diesem frechen Affront hat Diogenes nicht nur die Geisteshaltung des »Kosmopolitanismus« (kosmós, »Welt«, und polites, »Bürger«) begründet. Zugleich war damit der frühe Beweis erbracht, dass sich Kynismus und Weltoffenheit keineswegs ausschließen müssen.

Grenzdebiler Grenzschutz

Nach einer wortgeschichtlichen Lautverschiebung spricht man heute von »Zynismus«, und inzwischen scheint dieser selbst vollends auf den Hund gekommen zu sein. In den gesellschaftspolitischen Debatten unserer Tage jedenfalls tritt der Zynismus meist als abgebrühter Gegner einer kosmopolitischen Moral der Weltoffenheit auf. Vorab sollte allerdings darauf hingewiesen werden, dass die Alltagssprache – nicht anders als das Feuilleton – oft den schmalen Grad übersieht, der zwischen den Geisteshaltungen »Zynismus«, »Ironie« und »Sarkasmus« verläuft. Dieser Unterschied ist, wie wir gleich sehen werden, zugleich der Unterschied zwischen »Hähähä«, »Hihihi« und »Höhöhö«.

Dazu ein aktuelles Beispiel: Wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer anlässlich seines 69. Geburtstags feixend erklärt, dass die am selben Tag nach Afghanistan abgeschobenen 69 Asylbewerber »von mir nicht so bestellt« gewesen seien, dann ist das zunächst vermutlich ironisch gemeint: Ein Ironiker sagt gern das Gegenteil dessen, was er tatsächlich denkt (das wäre in diesem Fall: »Ein tolles Geburtstagsgeschenk! Das habe ich mir sehnlichst gewünscht!«), damit die adressierten Eingeweihten für einen Moment irritiert sind und dann darüber schmunzeln müssen (»Hihihi«), dass sie kurz doch das Gegenteil geglaubt haben. Die meisten CSU-Anhänger hingegen dürften den vermeintlichen Gag als sarkastisch empfunden haben: als einen boshaften, hämischen Spott (»Höhöhö«) über 69 Flüchtlinge, deren Abschiebung man der Exzellenz offenbar pünktlich zu seinem 69. Geburtstag hat präsentieren wollen. Wer jedoch humormental einigermaßen gesund ist, wird es als vollends zynisch empfunden haben, einen Geburtstagsgag auf Kosten abgeschobener Flüchtlinge zu platzieren. Das Leben des Zynikers ist emotional teilnahmslos und moralisch verwahrlost, ihm ist das alles einerlei, ja, er verachtet die Ethik der Anständigen. Und so hat er diebische, überhebliche, verächtliche Freude (»Hähähä«) daran, deren Anstand gezielt zu verletzen.

Kritik der zynischen Vernunft

Was also ist aus dem einst so sympathisch anarchischen Kynismus der Antike geworden? Peter Sloterdijk hat in seiner bahnbrechenden Monumentalstudie zum Thema anschaulich gezeigt, dass mit der Lautverschiebung vom K zum Z auch ein gewisser Macht- und Mentalitätswechsel stattgefunden hat: Wir haben es mit einer »Frechheit« zu tun, so Sloterdijk, »die die Seiten gewechselt hat«. Der Kynismus der Antike war ein Widerstand von unten – gegen die Moral, der man sich unterwerfen soll. Heiter, polemisch, subversiv, unverschämt. So war Diogenes einmal von einem vornehmen, reichen Mann, der sich gern mit dem prominenten Gast geschmückt hätte, in dessen Haus eingeladen. Alles dort war blitzblank und extrem luxuriös. Diogenes musst sich räuspern – und spuckte dem Gastgeber mitten ins Gesicht. »Einen passenderen Ort«, entschuldigte er sich, »konnte ich hier nicht finden«. Der Zynismus unserer Tage hingegen ist ein Widerstand von oben – gegen die Moral, die man als Verantwortlicher selbst verkörpern und hochhalten sollte, aber doch bricht. Dieser Zynismus ist, wie Sloterdijk sagt, »das aufgeklärte falsche Bewußtsein«; ein sich zwar progressiv dünkendes Bewusstsein, das jedoch seine machtpolitische Kompetenz und Präpotenz mit einer inneren moralischen Verwahrlosung bezahlt. Anders gesagt: Der Kynismus der Antike ist ein ziviler Ungehorsam der verzweifelt Ohnmächtigen, die sich einen letzten anarchischen Rest an Freiheit gegenüber den Herrschenden bewahren (Diogenes zu Alexander dem Großen: »Geh’ mir nur ein wenig aus der Sonne!«). Der heutige Zynismus hingegen ist, wie Iring Fetscher einmal gesagt hat, ein Dekadenzphänomen des »Mächtigen, der es nicht nötig hat, Rücksicht zu nehmen«.

Insignie der Ohnmacht

Dieser nicht länger bloß unmoralische, sondern amoralische Zynismus ethischer Entrücktheit zeigt sich heute ganz besonders im bürgerlich-konservativen Lager: Flüchtlinge werden als »Asyltouristen« tituliert, Flüchtlingshelfer als »Gutmenschen« oder »Moraldarsteller«, private Seenotretter als »Gesinnungsethiker« und die Kritiker_innen dieses real existierenden Relativismus als »Juste milieu« oder Anhänger einer »Belehrungsdemokratie«. Die Strategie ist offenkundig: Jede Ethik, die einem gefährlich werden könnte, muss verächtlich gemacht werden (»Hähähä«); was freilich im Umkehrschluss nur die Macht einer machtkritischen Ethik beweist. Es handelt sich um einen Zynismus, den man sich machtpolitisch leisten können muss – und doch nicht leisten sollte. Ähnlich wie bei Pelzmänteln, aufgespritzen Lippen, SUVs, dem gesamten Sortiment von Manufactum oder Warteschlangen vor dem Berliner Berghain: Der heutige Zynismus ist eine Insignie elitärer Dekadenz – und, falls er auf Seiten der politischen Führungsriege gepflegt wird, leider auch ein weiterer Nagel im Sargdeckel der repräsentativen Demokratie. Da mag man sich nach einem Personal vom Typ Alexander des Großen zurücksehnen, der einst, von Diogenes verspottet und von seinen eigenen Gefolgsleuten zur Tötung des Kynikers aufgerufen, souverän abwinkte: »Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein«.

Bildmontage: Arnd Pollmann

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Ein Kommentar

  1. Jan Amstutz · August 3

    „Nach einer wortgeschichtlichen Lautverschiebung spricht man heute von »Zynismus«, und inzwischen scheint dieser selbst vollends auf den Hund gekommen zu sein. “
    Toll!

    Eindrückliche Beschreibung der Umdrehung dieses einst kritischen Potentials, vielen Dank.