Weniger Philosophie? | Mehr Politik? Sokrates‘ Stachel

Da sitz‘ ich nun und kann nicht anders. Thema des heutigen Seminars ist das Trolley-Problem. Eine außer Kontrolle geratene Straßenbahn droht fünf Menschen zu überfahren. Man könnte eine Weiche umstellen, wodurch aber eine Person auf dem Nebengleis getötet wird. Alternativ könnte ein fetter Mann als fleischgewordener Rammbock dienen, wenn man ihn vor die Bahn stößt. Und was, wenn ich fünf Kranke retten könnte, indem ich einem Gesunden die Organe herausnehme und mit hohem Gesamtnutzen »umverteile«? Darf ich das? Soll ich das? Oder geht das gar nicht? Liebe Studierende: Lasst uns bitte diskutieren, ob Zahlen zählen, wann das Prinzip der Doppelwirkung greift, ob es kategorische Grenzen gibt für das, was Menschen tun dürfen…

Die Frage, welche Zahlen zählen

Es ist übrigens der Montag nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo; 17 Menschen wurden ermordet. Zeitgleich hat die Terrormiliz Boko Haram (die lauthals verkündet, dass das Verschleppen, Versklaven und Vergewaltigen von Kindern und Frauen rechtens sei) in Boga/Nigeria mutmaßlich 2.000 Zivilisten abgeschlachtet (aber das interessiert in Europa heute noch weniger als sonst). Die Frage, ob Zahlen zählen, welche Mittel zu welchen Zwecken legitim sind, was als Paradigma des Unmoralischen betrachtet werden muss, hätte heute eine furchtbare Anschaulichkeit. Aber: Darf ich – moralisch, berufsethisch, politisch, privat motiviert – dieses wahnsinnig öde Glasperlenspiel um Trolley- und sonstige Gedankenexperimente unterbrechen und alldieweil ernst nehmen, was im Genre des »universitären Leitbildes« beschworen wird: (auch) ein Ort der kritischen Reflexion, der Wertevermittlung, des politischen und sozialen Engagements zu sein? Überhaupt: Wie politisch darf oder muss die politische Philosophie sein? Wie politisch darf oder soll ich als Philosophin sein?

Schienenblockade

Die aufmerksamen unter meinen Studierenden wissen ohnehin, wofür ich, gerne auch mit argumentativ ungesicherter Großmäuligkeit, einstehe. Ich bin liberal (aber denke nicht, dass Freiheit darin besteht, seine Haut zu Markte zu tragen), ich bin leidenschaftlich demokratisch (aber überzeugt, dass es, Pluralismus hin oder her, Wahrheiten und nicht nur mehrheitsabhängige Interessenslagen in der Politik gibt), feministisch (aber die #Aufschrei-Debatte ödet mich an) und xenophil (was könnte aufregender sein als die Infragestellung des Selbstverständnisses durch den/das Andere?). Dieses private »ich« ist doch aber nicht deckungsgleich mit dem akademischen »man«, von dem aus moralische Intuitionen zu prüfen, Begriffe zu analysieren, vernünftig zu deliberieren, rational abzuwägen und Argumente zu formulieren wären. Je mehr Leidenschaft, desto weniger Vernunft; je mehr (konkrete) Politik, desto weniger (echte) Philosophie? Andererseits: Wie »privat« sind diese – meine – politischen Haltungen eigentlich und welchen Geltungsanspruch erhebe ich hier (nicht)? Überhaupt: Wer braucht eine politische Philosophie, die sich nicht auch über konkrete Menschenrechtsverletzungen äußert? Welchen Wert hat die normative Theoriebildung, wenn sie sich nicht an dem Elend der Menschen zu konkretisieren weiß, das einen anbrüllt, wenn der Blick eine Tageszeitung auch nur streift?

Für eine Philosophie, die uns im Nacken sitzt

Eindeutige Antworten habe ich nicht. Aber mir gefällt es, dass dem behutsam fürsorgenden Sokrates, der wie eine Hebamme seinem Gegenüber zur Einsicht verhilft, ein anderer Sokrates zur Seite steht, der sich in Platons Apologie als Stachel im trägen Fleisch der Athener beschreibt. Ein solcher Philosoph, der den »ganzen Tag euch überall auf dem Nacken sitzt«, kann doch unmöglich nur im Lehnstuhl sitzend abstrakte Prinzipien und Theoriegebilde aus dem Elfenbeinturm verkünden! Einer solchen Nervensäge sitzt der Stachel doch vermutlich auch im eigenen Fleisch und treibt ihn (ab und an) aus den geordneten Verhältnisses der Academia hinaus auf – nein, nicht den »Marktplatz«, sondern – die Straße, wo man eben nicht nur den Kopf, sondern auch Herz und Kragen riskiert.

Foto: Christian Grodotzki, Creative Commons BY-NC-SA 2.0, www.flickr.com

Zur Person Elif Özmen

Elif Özmen beschäftigt sich vor allem mit Fragen nach dem Zusammenhang von politischen Theorien der Gerechtigkeit und ethischen Konzeptionen guten Lebens. Sie ist Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Gießen.

Ein Kommentar

  1. Valentin Knitsch · Februar 8, 2015

    Für mich ist die Antwort ganz eindeutig. Ein Philosoph der sich nur im inneruniversitären Diskurs aufhalten möchte, handelt höchst fahrlässig. Es mag sicher Zeiten geben, in denen man (!) sich im Selbststudium oder im hochgradig spezialisierten Diskurs nur mit seinesgleichen umgeben muss, um im eigenen Denken voran zu kommen. Wenn man aber nicht will, dass langfristig niemand außer seinesgleichen mehr versteht, was zur Hölle der Philosoph da eigentlich treibt, tun wir (!) gut daran, uns von Zeit zu Zeit in konkrete gesellschaftliche Probleme zu stürzen. Treiben wir diesen Gedanken auf die Spitze, wird philosophisches Denken irgendwann nur noch als hochkulturelles Folikel längst vergangener Zeiten verstanden werden, von dem eigentlich niemand mehr recht weiß, warum es eigentlich noch finanziert werden soll. Akademische Philosophie darf sich daher nicht in seinem eigenem Selbstzweck verlieren. Wer sich privat finanziert, kann meinetwegen sein Leben lang in sich selbst gekehrt vor sich hin vernünfteln. Wer jedoch öffentlich finanziert wird und weiterhin werden will ist dann besonders vernünftig, wenn er der Öffentlichkeit zeigen kann, dass sein Denken einer Finanzierung würdig ist. Denn nur so sichert er sich seine Existenz. Und das kann meiner Ansicht nach nur dann der Fall sein, wenn wir von Zeit zu Zeit und in angemessener Weise (was das auch immer ist…) aktiv werden und den gesellschaftlich geführten Diskurs sorgfältig sortieren und entwirren. Denn wenn ein Philosoph etwas kann, dann ist es Argumente anordnen und auf Validität prüfen. Und was bitte braucht eine Welt voller Klischees und unzulässiger Vereinfachungen mehr?

    Ich würde mir eine Sache wünschen: Konfrontieren wir besonders Stundenten mit diesem Problem. Jeder soll sich wenigstens eine Meinung dazu gebildet haben. Ich habe Fragen dieser Art schmerzlich vermisst und vermisse sie auch im jetzigen Studium. Philosophie ist nicht nur Selbstzweck.