Weniger Philosophie? | Aber hart am Leben

In einer der besten Episoden von »Star Trek – Die nächste Generation« mit dem Titel »Chain of Command« (1992) wird Captain Jean-Luc Picard brutalster Folter ausgesetzt. Die Szene beinhaltet – in dem damals im TV-Business noch üblichen Versuch, sich einen literarischen Anstrich zu geben – eine versteckte Hommage an George Orwells »Ninteen Eighty-Four«. Denn Picard wird von seinem Peiniger aufgefordert zu behaupten, er sehe fünf Lichter, obwohl es tatsächlich nur vier gibt. Wir erinnern uns: Bei Orwell sollte der Antiheld Wilson behaupten, dass zwei plus zwei nicht vier, sondern fünf ergebe. Sein Folterknecht O’Brian gab sich erst zufrieden, als Wilson wirklich von der Richtigkeit der neuen Gleichung überzeugt war. Auch Picard wird nach seiner Rettung am Ende der Folge zugeben, fünf und nicht vier Lichter gesehen zu haben. Dennoch trotzt er der Folter, er schweigt, und die Geschichte nimmt ein glückliches Ende. Keine Überraschung – Star Trek ist halt eine amerikanische Fernsehserie und kein dystopischer Weltroman eines desillusionierten Sozialisten.

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Die Standfestigkeit von Picard erscheint noch viel heroischer, wenn man erfährt, dass er kurz vor dem Ende seiner Qual eine unmögliche Wahl treffen muss. Er erhält die Chance, der Folter zu entfliehen und sich auf einem zurückgezogenen Landsitz ganz seinen philosophischen Studien zu widmen. Dafür muss er viel weniger tun als Wilson. Er muss gar nicht wirklich glauben, sondern nur ein einziges Mal aussprechen, dass er fünf und nicht nur vier Lichter sehe. Doch trotz der Aussicht auf die ungestörte Fortsetzung seiner philosophischen Studien beugt er sich nicht. Wie es sein kann, dass der Captain der Enterprise, immerhin Flagschiff der Starfleet, in der Vergangenheit genug Zeit für philosophische Studien gefunden hat, bleibt einigermaßen unklar. Wichtiger ist ohnehin, dass nicht einmal die Aussicht auf ein ausschließlich der Philosophie gewidmetes Leben unseren Helden genug ins Wanken bringt. Picard schweigt beharrlich weiter – und wird befreit.

Zwei Formen von Philosophie

Doch die Sache war eine knappe Kiste. Fast hätte Picard sich und seine Ideale verraten und seinem Folterer nachgegeben. Man sieht es ihm in der Szene deutlich ins Gesicht geschrieben. Der Captain stand kurz davor aufzugeben, weil er sich mit zwei Formen der Philosophie konfrontiert sah, die sich plötzlich unversöhnlich gegenüber stehen: Einerseits bedeutet Philosophie die sehr spezifische Lebensform des Buchgelehrten. Auf der anderen Seite steht Philosophie für die reflexive Bejahung der eigenen Lebensform und ihrer konstitutiven Prinzipien. Für Picard ist die Aussicht auf das Leben eines Scholaren verführerisch. Aber es will auch seine Prinzipien nicht verraten. Er kann nicht wählen. Also schweigt er.

Das mit dem Schweigen hat spätestens seit Wittgensteins berühmtem Diktum »Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man Schweigen« philosophische Tradition. Dennoch steckt in dieser kleinen Fernsehgeschichte auch eine echte Lektion. Picard will oder kann sich das beschauliche Leben eines Philosophen nicht durch eine mit Folterqualen erzwungene Unwahrhaftigkeit erkaufen. Denn zumindest für ihn wird die akademische Philosophie zu einer ganz schalen Angelegenheit, wenn sie jeden Kontakt zu seiner gelebten Philosophie verloren hat. Das liegt nicht nur daran, dass sich Buchgelehrte in faustischer Manier gern über die angebliche Seichtigkeit des alltäglichen Lebens erheben. Zwar besteht akademische Philosophie in der Beschäftigung mit philosophischen Texten und der Konstruktion philosophischer Argumente. Aber das ist kein bloßes Spiel um seiner selbst willen. Das Gelehrtentum soll dabei helfen, gut zu leben und besser zusammenzuleben.

Alltagsphilosophien und die Gelehrtenrepublik

Die Haltung von Picard ist radikal und deswegen bewunderungswürdig. Er ist ja auch ein Fernsehheld. Trotzdem gilt das im kleineren Maßstab auch für uns. Wenn die akademische Philosophie in ihrem Snobismus gar nicht mehr auf die Menschen und ihre ach so seichten alltagsphilosophischen Überlegungen und Grundsätze zugeht, dann hat sie nichts beizutragen. Dann hat sie aber auch nichts mehr zu melden. Philosophie muss die Menschen bei ihren Alltagsphilosophien abholen, wenn sie einen echten Beitrag leisten und nicht zu einer neomonastischen Kuriosität verkommen möchte. Das jedenfalls lehrt uns Picard. Philosophie muss uns gegen die Foltern des Lebens wappnen können. Weniger Elfenbeinturmphilosophie und mehr Philosophie hart am Leben. Das ist dann wohl die Moral unserer kleinen Star-Trek-Geschicht’.

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

2 Kommentare

  1. andrej · Februar 3, 2015

    ja, und nun? Wo findet man die Philosophie hart am Leben? Muss man dafür an die TU nach Dortmund reisen und sich immatrikulieren?

  2. Daniel-Pascal Zorn · Februar 3, 2015

    „Fast hätte Picard sich und seine Ideale verraten und seinem Folterer nachgegeben.“ – Das ist ein Problem an solchen utilitaristisch angehauchten Pseudo-Dilemmata: Um überhaupt als Dilemma funktionieren zu können, müssen sie die Situation eigentümlich verkehren und den Kontext so weit ausblenden, dass das Dilemma erscheinen kann (das Ausblenden des Kontextes haben sie mit Paradoxien gemeinsam). Das ist eben die Crux an Gedankenexperimenten in der Ethik: Man verlangt vom Leser, dass er die Voraussetzungen des Experimentes akzeptiert. Aber diese Voraussetzungen muss man natürlich nicht akzeptieren. Das heißt: Nein, natürlich hätte Picard gar nichts „verraten“, ebenso wenig, wie der Straßenbahnfahrer im Trolley-Problem (oder ich selbst an der Weiche) moralische Schuld auf sich lädt. Weil beide in einer Zwangssituation handeln, einer Situation also, wo ihnen von woanders her Alternativen vorgegeben werden. Und zugleich versuchen solche Gedankenexperimente, ihren künstlichen Charakter dogmatisch auszuwischen, mit dem Verweis darauf, man könne doch denken, was man will und es sei doch eine ganz alltägliche Situation. Was derjenige, der solche Experimente entwirft, dann nicht begreift, das ist der Umstand, dass er es ist, der dogmatische Gewaltsituationen herstellt, um an die Menschen, in solchen Situationen dann zynische Fragen nach besserer oder schlechterer Wahl zu stellen. Er handelt irreflexiv; das Gedankenexperiment selbst ist operativ korrumpiert, durch die Entscheidung, eine Zwangssitation „moralisches Dilemma“ zu nennen und es als Annäherung an alltägliche Situationen auszugeben. Ebenso zynisch ist dann die heroische Auszeichnung des „Schweigens“ und „Ertragens“ als Bewahren von Idealen – anstatt zu reflektieren, dass solche Zwangssituationen der falsche Weg sind, um über Ethiken nachzudenken. Aber ich wundere mich nicht sehr, denn wer einen logischen Schlussfehler allen Ernstes als „akademische Hasenfüßigkeit“ bezeichnen muss, um die Motive eines Blogs darzulegen, der bewegt sich bereits in sophistischen Gefilden.