Weniger Philosophie? | Raus auf die Straße

Wie kann ein Philosoph nur dermaßen arrogant sein? Gemeint ist John Stuart Mill, der einst die Parole ausgab: »Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.« Ist es nicht eher peinlich, wenn Intellektuelle derart verächtlich über den vermeintlichen Niederungen des Alltags schweben – dort wo »normale« Menschen ihr Glück versuchen? Es gibt ja sehr wohl Menschen, die auch ohne allzu viel Reflektieren und Disputieren, die auch ohne die Lektüre von Platon, Aristoteles oder Epikur glücklich sind. Wird hier nicht bloß das materielle und sinnliche Darben eines vergeistigten Philosophen zur ethischen Lebensmaxime „hochsterilisiert“ (wie der Fußballer und Lebemann, Bruno Labbadia, gesagt hätte)?

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Nun, abgesehen davon, dass Mill damals vor allem an einem theorieinternen Bruch mit Jeremy Bentham, seinem utilitaristischen Vordenker, interessiert gewesen ist, der ja bekanntlich davon ausgegangen war, dass wir Menschen gar nichts anderes als nur Spaß haben wollen: Indem Mill den historischen Sokrates zum wichtigsten Gewährsmann seiner Ethik auserkoren hat – wobei er anzunehmen scheint, dass dieser eine zwar intellektuell vitale, aber letztlich doch übellaunige Pestbeule gewesen ist –, so wird hier lediglich dokumentiert, dass die Philosophie und all die Mühen, die mit ihr verbunden sein mögen, auf ganz andere Weise »satt« machen als die Befriedigung schweinischer Gelüste. Denn die Philosophie verleiht dem Leben so etwas wie einen höheren Sinn.

Macht Philosophie glücklich?

Man kann von der tendenziell lustfeindlichen Auffassung Mills halten, was man will. Und man mag das auch tierethisch gegenüber dem Schwein ungerecht finden: Wichtig ist, dass der Versuch, den Menschen ethisch vom domestizierten Rüsseltier zu unterscheiden, auf einen Denker zurückgreift, dessen vermeintliche Unzufriedenheit direkt mit dem zu tun hatte, was Sokrates den ganzen Tag gemacht haben soll, will man der Überlieferung glauben: herumsitzen und grübeln, diskutieren und streiten, die Zuhörer belehren und wildfremde Menschen auf der Straße anquatschen, um sie ungefragt von theoretischen oder lebenspraktischen Irrtümern zu befreien. Sokrates ist deshalb ein übellauniger Mensch gewesen, weil er eben Sokrates war und ein philosophisches Gemüt hatte. Er nahm eine gewisse – die profanen Dinge des Lebens betreffende – Frustration in Kauf, weil ihm die philosophische Praxis eine ganz andere Art von geistiger Erfüllung versprach. Oder anders: Sokrates war nicht etwa trotz, sondern wegen der Philosophie schlecht drauf.

Philosophie zum Trotz

Ist es aber nicht gerade die abendländische Ethik gewesen, als dessen Begründer uns Sokrates heute gilt, die uns gegen das Misslingen des Lebens wappnen sollte? Erweist sich dessen Philosophie so nicht als überaus kontraproduktiv? Tatsächlich ist für die Ethik seit Sokrates die Überzeugung leitend, dass ein ungeprüftes Leben niemals ein gutes Leben sein kann. Nur die selbstkritische Durchdringung schwieriger lebenspraktischer Probleme schützt uns vor folgenschweren Verwirrungen und biografischen Fehlentscheidungen. Und doch wird meistens übersehen: Das ethisch Gute, um das es hier geht, ist nicht etwa das »Glück«, sondern der »Sinn« des Lebens. Und genau an dieser Stelle unterscheiden sich philosophische von nicht-philosophischen Gemütern: Angesichts der Sinnlosigkeit lebensweltlichen Treibens kann einem das eigene Unglück vergleichsweise egal sein. Zugleich aber ist die Philosophie keine monologische Selbstbeschäftigungstherapie. Vielmehr ist die wichtigste Lektion des Sokrates noch eine andere: »Raus auf die Straße!«, und zwar in einem doppelten Sinn. Das Licht am Ende des Tunnels, auf das die Philosophie seit Platons Höhlengleichnis zusteuert, ist nicht etwa das Sparlampenlicht der akademischen Schreibstube (und auch nicht die Abendsonne der luftig bekleideten Skateboardfahrerin). Es ist das beizeiten geradezu strahlende Licht einer öffentlichen »Besinnung« auf Probleme, die unmittelbar vor uns auf der Straße liegen.

Foto: Lisa Larsen / www.pixabay.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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