Weniger Philosophie? | Sloppery Slips

Zum Beispiel letztes Jahr im Sommer: Da waren an Haltestellenhäuschen, Littfaßsäulen und Hauswänden Plakate angebracht, mittels derer ein so genanntes Biermischgetränk beworben wurde. Um dies möglichst effektiv zu tun, behalf man sich damit, das durchaus wohlgeformte, jedoch nur mit einem Schlüpfer bedeckte Gesäß einer jungen Frau abzubilden, die auf einem Skatebord dem Sonnenuntergang entgegenrollt. Dabei war es natürlich beileibe kein Zufall, dass das »Girl« (wie es auf Neudeutsch hier wohl korrekt heißen muss) eher luftigen Schrittes war. Derlei könnten nur allzu bildungsferne Schichten oder allzu schöne Seelen ernsthaft vermuten. Denn »Sex sells« ist nicht nur die neudeutsche Formulierung einer Regel, die die Porno- und Werbeindustrie seit langem kennt. Es ist auch eben jene Regel, an die sich der durchschnittliche Hopfen-und-Malz-Konsument mit deutscher Gründlichkeit hält.

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Vermutlich könnte man nun auch darüber eine gediegene sozialkritische Abhandlung in mindestens vier Bänden verfassen. Aber anstatt dem bedauerlichen Umstand Aufmerksamkeit zu zollen, dass die deutsche Bierkulturindustrie offenbar noch immer nicht ihre anale Phase überwunden hat, möchte ich jetzt vielmehr an das Sprüchlein (neudeutsch: Claim) erinnern, das neben der zumindest unten rum recht libertären Rollbrettfahrerin zu lesen stand. Es lautete nämlich: »Meine Lebensphilosophie? Weniger philosophieren«. Das hört sich zunächst einmal nach einem nicht sehr libertären, sondern doch eher zwanghaften Anti-Intellektualismus an, wie er uns auch aus den dunkelsten Ecken deutscher Hofbräuhäuser und damit deutscher Geschichte entgegenschlagen könnte.

Ist das noch schiefe Ebene oder schon Halfpipe?

Es wäre dennoch etwas vorschnell, würde man nun meinen, mit diesem Claim solle einfach nur gesagt sein: Sucht Euer Glück in der Verköstigung von Biermischgetränken, denn Philosophie ist eh für´n Arsch! Bei genauerem Hinsehen fällt nämlich nicht nur Folgendes auf: Wenn dem tatsächlich so wäre, dann wäre Philosophie zumindest nur etwas für wohlgeformte Ärsche. Und das schmeichelt natürlich den Betreibern dieses Magazins ungemein. Bei noch genauerem Hinsehen wird allerdings schnell klar, dass dieser Claim in Wirklichkeit keineswegs eine anti-intellektualistische Absage an die Philosophie darstellt, sondern selbst Ausdruck des Philosophierens ist. Es ist nämlich der Hilfeschrei der Philosophie selbst, den sie schon ausstieß, lange bevor der Mensch das Biermischgetränk erfand. Was uns nämlich die nur wenig auf Taft und Tüll gebende Sophia, die direkt aus Platons Höhle der Sonne entgegen rollt, eigentlich sagen möchte, ist dies: Die Philosophie darf nicht im Gefängnis bloßer Theorie gefangen bleiben; sie muss praktisch werden! Denn nur so kann sie uns zu eben jenen luftigen Höhen der Freiheit führen, die für gedankenlose Wesen nicht einmal dadurch erreichbar sind, dass sie sich zwei, drei Träger Biermischgetränke einpfeifen, sich auf´s Bord stellen und sich den Fahrtwind um´s Höschen wehen lassen.

Der neue Imperativ

Denke also so, als ob dein Schließen im Geiste zum Skaten in Unterwäsche werden könne! Dies soll uns Befehl und Auftrag sein!

Foto: © 2014 Brauerei C.& A. VELTINS GmbH & Co. KG

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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