Verschwörungstheorien | Alles – aber einfach

Haben Sie schon einmal versucht, auch nur für einen Tag sämtliche aktuellen Gesetze und Regeln in diesem Land zu befolgen? Den Hausmüll vollumfänglich zu trennen? Schon mal viele kostbare Tage mit der Auswahl des »besten« Mobilfunkvertrags verschleudert? Oder verfolgen Sie gar das hehre Ziel des vorbildlichen Ökokonsums, der Einkäufe und Energieversorger stets nach dem minimalen »Fußabdruck« wählt? Dann ging und geht es Ihnen bei diesen Vorhaben vermutlich so wie all denjenigen, die bereits daran scheitern, auch nur einmal im Leben eine vollkommen richtige Steuererklärung einzureichen: Sie hatten eine durchaus unerfreuliche Begegnung mit der Unübersichtlichkeit und Komplexität des (post-)modernen Lebens.

Postsäkulares Heilsgeschehen

Wem es nicht gegeben ist, sich von Zumutungen dieser Art mit einem Schulterzucken zu befreien und hin und wieder fünf gerade sein zu lassen, greift stattdessen gern zu anderen Strategien der Vereinfachung, um wieder Luft zu bekommen. Die großen historischen Rezepte mögen inzwischen etwas aus der Mode sein. Anstelle des Glaubens an ein »höheres Wesen« und der totalen Ideologien mit ihren verbindlichen Handlungsanweisungen stehen heute etwas andere angesagte Produkte im Theorie-Regal, um den kognitiven Work-Out erfolgreich zu simulieren. Wer nicht, wie die BrinPageGoogle-Trinität, die Energie hat, jahrzehntelang (mit der freiwilligen Unterstützung ihrer unfasslich großen Nutzergemeinde) an einer starken KI zu basteln, die die vakante Stelle des allwissenden, alles zum Guten wendenden, für uns sorgenden und denkenden Schöpfers füllen soll, kann stattdessen einfach zu der Überzeugung greifen, eine mächtige Gruppe finsterer Gesellen steuere heimlich unsere Welt. Denn auch, wer sich auf diesen Gedanken einlässt, für den ordnet sich die Welt sofort.

Selbst die Steuererklärung verliert ihre Schrecken, stellt sie sich doch endlich als das dar, was sie wirklich ist: die Grundlage einer Verschwörung gegen den hart arbeitenden Bürger. Und auch IHRE gebetsmühlenartige Aufforderung zum spaßfreien CO2-Verhalten – Stoßlüftung! Steakverbot! Und fünf hefeextraktgefüllte Sojabratlinge Buße für jeden Kapselkaffee, jeden Einkauf im Netz, jedes Fastfashion-Binge; oder auch nur den Gedanken an die Malediven im Sommer! – relativiert sich sofort, wenn man erst einmal durchschaut hat, dass der »Klimawandel« allein IHRE Erfindung ist. Denn wenn wir alle – als Autofahrer zwar nicht völlig ökokorrekt und deshalb auch mit leicht schlechtem Gewissen – mit Tempo hundert brav im Windschatten der Trucks auf der rechten Spur hängen, haben SIE die linke frei für ihre italienischen Sportwagen.

Postmoderne Entlastung

Haben wir erst einmal angefangen, unsere Welt auf diese Weise zu strukturieren – WIR die Guten, SIE die Bösen – produziert die Reduktion der kognitiven Dissonanzen schnell Erträge: Nicht nur die Erklärungsdiät im 140-Zeichen-Format, mit denen sich nun auf einmal die Welt komplett erschließt, sind wohltuende Kühlung für jeden heiß laufenden Verstand. Auch die Last der Verantwortung für unsere Entscheidungen, unser Leben und auch den Zustand unserer Welt fällt gnädig von uns ab, wenn jetzt SIE (und eben nicht mehr WIR) für all die bösen Dinge verantwortlich sind, die uns und ihr zustoßen. Selbstverständlich müssen wir ihnen dennoch auf die Schliche kommen. Denn so nett es sein mag, von jeder Komplexität befreit durchzuatmen: Ohne jede Gegenwehr eine Marionette böser Buben zu sein, verträgt sich auf die Dauer dann doch nicht so gut mit unserem Selbstbild. Verwenden wir also zunächst einmal unsere Kraft darauf, ihnen auf die Schliche zu kommen, bevor wir uns anderen Dingen zuwenden. Etwas unglücklich zwar, dass diese Kraft uns dann fehlt, um die vielfältigen anderen Missstände unserer Umgebung offensiv anzugehen. Aber bevor die Puppenspieler und Strippenzieher entlarvt und gestoppt sind, lässt sich daran schon gar nichts ändern. Sorry!

Postfaktischer Trotz

Doch was ist, wenn wir mit der Aufdeckung trotz all unserer Anstrengungen nicht weiterkommen? Was, wenn sich keine Beweise dafür finden lassen, dass eine Gruppe finsterer Figuren die Fäden zum Nachteil aller anderen zieht? Was, wenn sich für unsere so überaus nützliche, weil entlastende und einfach alles erklärende Grundannahme partout keine gesicherten Anhaltspunkte finden lassen? Sollten wir sie überdenken? Müssen wir sie gar aufgeben? Auf keinen Fall! Denn schließlich zeigt die Abwesenheit von Beweisen doch nur, wie weit IHR Arm reicht: Wie anders könnten SIE sonst IHR teuflisches Tun so effektiv vernebeln und vertuschen? Mit anderen Worten: Die Abwesenheit von Beweisen ist in Wahrheit der beste Beweis für unsere Grundannahme! Also, nicht den Mut verlieren, wenn es einmal etwas länger dauert, die Schuldigen für alles dingfest zu machen. Das wird schon!

Foto: Michael Kooiman, www.flickr.com, CC BY-SA 2.0

Zur Person Karl Hepfer

Karl Hepfer hat Sympathie für alle, die ihre Bußgeldbescheide für’s Selberdenken ignorieren. Er ist zur Zeit Privatdozent der Uni Erfurt.

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