Verschwörungstheorien | Voll auf die Presse

Fakt ist: Donald Trump, der auf »alternative facts« abonnierte Held unseres postfaktischen Zeitalters, attackiert nun seinerseits die Mainstream-Presse mit dem Vorwurf, sie verbreite nichts als »fake news« über ihn. Das ist mehr als bloß dialektische Ironie, mit der an das berühmte Lügner-Paradox erinnert wäre (»Epimenides, der Kreter, sagte: Alle Kreter sind Lügner«). Mit diesem kackfrechen Konter dringt der rechtspopulistische Vorwurf »Lügenpresse« in eine neue verschwörerische »Wahrheitsdimension« vor: Wenn mich der Lügner einen Lügner nennt, muss das, was ich Euch zu sagen habe, begriffsnotwendig wahr sein! Und all die mir vorgeworfenen Verschwörungstheorien – über den von Barack Obama zu verantwortenden Abhörskandal etwa oder den Besucherandrang auf der präsidialen Inaugurationsfeier – sind damit automatisch verifiziert.

Vor uns die Sintflut

Es liegt in der Logik von Verschwörungstheorien, selbst offenkundige Gegenbeweise in aussichtslose Rückzugsmanöver des jeweils durchschauten Komplotts umzudeuten. Hier offenbart sich ein paradoxer Doppelcharakter jeder elaborierten Verschwörungstheorie: Nicht nur diagnostiziert man eine unheilvolle Verschwörung auf der Gegenseite, nein, man zählt sich damit selbst zu einer verschworenen Gruppe, die im Gegensatz zur irregeleiteten Masse das besagte Komplott bereits durchschaut hat: »Wie, bitte? Sie lesen immer noch den Spiegel, die FAZ und die New York Times?« Hüstel, hüstel…

Dabei zeigt sich, dass besonders Menschen, die kaum noch das Haus verlassen, weil sie tatsächlich den ganzen Tag Zeitung lesen bzw. einen hohen Medienkonsum aufweisen, in ganz besonderem Maße anfällig für Verschwörungstheorien sind. Psycholog*innen aus Princeton haben das getestet. Zunächst baten sie ihre Probanden, das Ausmaß ihrer eigenen sozialen Anbindung bzw. Isolation zu ermessen. Dann legten sie ihnen Verschwörungstheorien vor: »Pharmaunternehmen halten aufgrund von Profitinteressen lebensrettende Medikamente zurück« usw. Die Probanden sollten sagen, wie sehr sie diesen Aussagen zustimmen. Und tatsächlich stellte sich heraus: Je stärker sich eine Person gesellschaftlich isoliert fühlt, umso empfänglicher ist sie für verschwörerische Weltdeutungen. Offenbar suchen unfreiwillig solitär lebende Menschen gern nach einer Erklärung für ihre fehlende Anbindung, und die Mitgliedschaft zu einer eingeschworenen Truppe, die ihrerseits einer unheilvollen Verschwörung auf der Spur ist, verspricht nicht bloß schützenden Zuspruch durch Gleichgesinnte, sondern auch eine gewisse »Arche Noah«-Hoffnung: Wir sind die Auserwählten, die entkommen werden!

Splendid Isolation

Dass der biblische Zorn vieler Wutbürger_innen derzeit vor allem die traditionellen Medien trifft, ist daher kaum verwunderlich. Die »gesteuerte« Tagespresse und das öffentlich-rechtlich manipulierte Fernsehen sind schließlich mitschuldig daran, dass wir immer tiefer in die Matrix einer gelenkten Phantasiewelt eintauchen, die täglich ein völlig »falsches Bewusstsein« reproduziert (an diesem verschwörerischen Punkt berühren sich übrigens rechte und linke Extreme). Der Vorwurf »Lügenpresse« dient somit – ganz so wie alle übrigen rechtspopulistischen Strategien auch – einer rabiaten Komplexitätsreduktion: »Warum bin ich eigentlich so verdammt unglücklich und wütend? Das muss ganz einfach an diesem scheiß Fernsehen liegen, vor dem ich den ganzen Tag sitze«. (Die betreffende Logik erinnert mich an die morgendliche Diagnose nach einer rauschenden Party-Nacht: »Ich glaube, ich habe eine Leder-Allergie. Immer, wenn ich morgens aufwache, und ich habe meine Schuhe noch an, habe ich totale Kopfschmerzen«.)

Es ist halt kompliziert

Und doch verfangen Verschwörungstheorien meist nur dann, wenn auch in ihnen ein Körnchen Wahrheit steckt. Für die Debatte um die traditionellen Medien gilt das allemal. Was aber fehlt, ist eine klare Unterscheidung zwischen den Vorwürfen »Lügenpresse«, »Lückenpresse« und »Leichtsinnspresse«. Erstere verbreitet gezielt und vorsätzlich fake news. Dieser Vorwurf mag mit Blick auf Fox News oder Russia Today berechtigt sein, kaum aber mit Blick auf jene Medien, die als Mainstream-Presse verschrien sind. Ernster schon wäre der Vorwurf »Leichtsinnspresse« zu nehmen: Immer wieder diskreditieren sich auch seriöse Medien dadurch, dass sie aus Kosten‑ oder Zeitgründen weniger verlässlich als früher recherchieren und so ungewollt, aber doch fahrlässig unzureichend geprüfte Informationen verbreiten. Umso problematischer wird das journalistische Tagesgeschäft, wenn es zu einer bloß einseitigen Berichterstattung kommt, die gewollt »Lücken« lässt: Man mag selbst ein bestimmtes politisches Interesse haben und lässt daher unpassende Informationen bzw. Meinungen weg. Ob mit Blick auf die medialen Lobpreisungen von Merkels Flüchtlingspolitik, die Nicht-Nennung von Migrationshintergründen bei Straftaten, im Zuge der linksliberal geeinten Verachtung gegenüber jedem einzelnen Dekret der Trump-Regierung oder zuletzt mit Blick auf die geradezu hysterischen Heilserwartungen, die dem neuen SPD-Kanzlerkandidaten gewidmet sind: Die Presse tut sich selbst keinen Gefallen, wenn sie gelegentlich einfach weglässt, was der Rechten weiteren Schwung geben könnte. Den Vorwurf »Lügenpresse« rechtfertigt das nicht, aber Anlass zur journalistischen Selbstkritik besteht schon. Vielmehr wäre die richtige Antwort auf verschwörungstheoretische Bedürfnisse nach rechtspopulistischen Vereinfachungen ein neues journalistisches Ethos selbstbewusster Komplexitätsproduktion.

Foto: Szymon Kochański, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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