Verschwörungstheorien | Ein Schelm, wer denkt

In den »gebildeten Kreisen« sind Verschwörungstheorien nicht eben beliebt. Üblicherweise versteigt sich der distinguierte Tenor in ein ariengleiches Lamento über die tumbe Gut- oder Bösgläubigkeit eines ungeschlachten Hanswursts, dem man – so meinte es der feiste Reformator wohl eigentlich – nur aufs völkische Maul schauen müsse, um dessen geistiger Kindshaftigkeit gewärtig zu werden. Dabei haben, von solchen sozialdarwinistischen Petitessen einmal abgesehen, Verschwörungstheorien etwas ungemein Faszinierendes an sich. Und das kommt nicht von ungefähr. Eine Verschwörung ist eine gemeinsame Planung einer Unternehmung, die gegen jemanden oder etwas gerichtet ist. Und nun Hand aufs gebeutelte Herz: Wer möchte nicht Teil eines gemeinsamen Projektes sein? Oder anders gefragt: Wissen wir nicht alle, wie beschissen es sich anfühlt, von einer verschworenen Gemeinschaft – hier mag Beliebiges von der coolen Raucherclique auf dem Schulhof bis zur revolutionären Zelle eingesetzt werden – ausgeschlossen zu sein?

Der Reiz einer Verschwörung liegt ja in der inklusiven Exklusivität einer exklusiven Inklusivität oder schlichter: Weil aufgrund der klandestinen und für den beabsichtigten Zweck der Unternehmung schlechthin notwendigen Verschwiegenheit der Verschwörer nichts ruchbar werden darf, ist die phantasmagorische Neugier der Nicht-Verschworenen auf das von den Verschworenen Bezweckte natürlich umso größer, je undurchsichtiger und deshalb mutmaßlich perfekter sich diese Einschließung für die Ausgeschlossenen darstellt. Vom Reiz der Betrachtung mannigfaltiger Verschwörungsmutmaßungen – nichts Genaues weiß man nicht, doch die Anderen müssen es einfach wissen, wollen/sollen/dürfen es aber nicht sagen – ist es dann nur noch ein kleiner Schritt bis zur Adelung des einem Indizienprozess gleich Gemutmaßten in den Rang einer veritablen Theorie. Und recht besehen, ist das doch vollkommen logisch: Wenn diejenigen, die man für verschworen zu halten geneigt ist, offenbar derart planvoll in der Verdeckung ihrer Verschworenheit vorgehen, dass eine solche kaum zu ahnen ist, muss wohl zwingend etwas dran sein. Und deshalb sollte der um Aufklärung dieses hinterhältigen Zusammenhangs Bemühte weder kombinatorische noch spekulative Mühen scheuen, ihm auf die Spur zu kommen.

Everybody sucks

Ein besonders augenfälliges Beispiel hierfür ist die bislang nur aufmerksamen Beobachtern bekannte SIA-Verschwörung. Auf den in zyklischer Regelmäßigkeit vom akademischen Betrieb abgehaltenen Veranstaltungen begegnet einem verdächtig oft ein bestimmter Typus der Gattung Mensch: Es handelt sich um Gestalten, die sich verklemmt und steif an den Stehtischen des erwartbar immergleichen Buffets festhalten, nicht selten in schlecht sitzende Anzüge gezwängt, die selbst ein minimales Gefühl für den eigenen Körper eklatant vermissen lassen. Dem betont laschem Händedruck korrespondiert ein verunsichert umherschweifender Blick, die leicht vornüber gebeugte Haltung ermöglicht es, das Gegenüber scheinbar unauffällig taxieren zu können, ohne ihm offen und aufrichtig ins Gesicht blicken zu müssen. Die in solcherart Konstitution an den Stehtischen dieser Welt begonnenen Gespräche sind im eigentlichen Sinn keine redlich-vernünftigen Gespräche von Mensch zu Mensch, sondern tentative Explorationen in schwieriger Mission: Jeder dieser Gestalten (sie sind meist männlichen Geschlechts) hat eine mehr oder weniger inferiore Position im akademischen Betrieb inne, die ihn in eine teils prekäre Relation zu den übrigen Anwesenden setzt und die es im Verfahren der checks and balances genauestens auszuloten gilt. Selbst ein bestallter Beamter auf Lebenszeit kann unter diesen Umständen noch seiner eigenen Unzulänglichkeit gewahr werden, denn schließlich weiß jeder: Nobody is perfect! Alle diese Merkmale bedingen ein Erscheinungsbild, welches sich mit einem gut lutherischen Ausdruck als »Stock im Arsch« (SIA) bezeichnen lässt.

Something is rotten

Wer nun meint, es handele sich hierbei um eine zufällige Agglomeration von sozial leicht devianten Personen, die ihr natürliches Habitat bevölkern, irrt sich gewaltig. Denn wenn’s auch Wahnsinn ist, so hat es doch Methode! (Shakespeare – immer gut.) Die SIAs haben nämlich innerhalb ihrer verschworenen Gemeinschaft einen geradezu perfide ausgetüftelten Plan der wechselseitigen peinlichen Kontrolle etabliert, der auf geniale Weise die Mechanismen der Inklusion und Exklusion festlegt. Es kann nicht anders sein: Die müssen sich einfach klammheimlich darauf verständigt haben, spießig, pedantisch und ausgesprochen humorlos zu sein, weil dies eben die perfekten Voraussetzungen sind, um die komplex-hämorrhoidalen Arschbacken weiterhin fest zusammenkneifen zu können und sich als Teil der verschworenen Gemeinschaft zu wissen. Denn kein SIA wird einem anderen den Stock aus dem Spund ziehen – aus schambesetzter Angst, in der Entblößung der Verklemmtheit des Anderen auch das eigene Ungenügen peinlich verspüren zu müssen. Damit wird das musketiersche Motto »Einer für alle, alle für einen« geradezu kongenial umgesetzt: Wohl wissend, dass sie damit schlechte Wissenschaft (und leider auch Philosophie) betreiben, sichert diese exklusive Verschworenheit allen Beteiligten früher oder später den Zugang zu lukrativen Posten und Professuren. Und nun urteilen Sie selbst: Kann es denn ein Zufall sein, dass der griechische Ausdruck für »eine Handlung wider besseren Wissens begehen« ausgerechnet akra-SIA lautet?

Foto: Terry Robinson, www.flickr.com, CC BY-SA 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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