Unverantwortlich | Schiefgehen

Meine kleine Enkelin singt: »Stups, der kleine Osterhase, fällt immer wieder auf die Nase, ganz egal wohin er auch lief, immer ging was schief.« Es gibt Zeiten, da läuft alles gut, und es gibt Zeiten, da läuft tatsächlich alles schief. Und dann merkt man, wie sehr unser Alltag vom anonymen Funktionieren eigenverantwortlicher Institutionen gestützt und abhängig ist. Neulich war ich auf einer Tagung, das Abendessen entspannt mit netten Kollegen. Aber dann! Stups, das Knie schwoll an, tat weh, und zur Vorsicht fahre ich mit dem Taxi ins Hotel zurück. Schonen. Wird schon besser werden, denke ich. Am nächsten Morgen bugsiert mich ein Taxi zur Unfallnotaufnahme der Uniklinik. Natürlich ist Samstag. Nur eine unerfahrene, junge Ärztin ist da, die heute zum ersten Mal Notdienst hat. Sie kann nichts feststellen und machen. Ein eilig herbeitelefonierter Kollege sieht das anders: punktieren (sehr schmerzhaft!) und »fahren sie doch am besten nach Hause!«.

ICE, EC und LMAA

Als ich dann wenig später im Zug, den ich gerade noch erreiche, den Fahrschein vorzeigen will… ist mir doch am Bahnhof das Portemonnaie geklaut worden! Stups. Den nächsten Halt steige ich aus, versuche die EC-Kartenverluststimme davon zu überzeugen, dass, weil mir meine EC-Karte gerade geklaut worden ist, ich auch die Nummer der Karte nicht weiß. Wir verlieren Zeit, die Sperrung kommt zu spät: Die Diebe haben mich um weitere 500 € erleichtert.

Elend_Sorge

Nun beginnt die Odyssee auf Ämtern und an Schaltern. Wenn Sie in Berlin einen verlorenen Personalausweis oder Führerschein neu beantragen wollen, kann man nur über das Internet einen Termin buchen, und der ist dann in zwei Monaten. Außer – stups – Du stellst dich mit hundert mürrischen Menschen in einer Einkaufspassage bei dem bürgerfreundlichen Behördenschalter an, der so aussieht wie das daneben liegende Nagelstudio, und versuchst, einen Notfalltermin zu bekommen. Ich sage »du«, denn in einer Notfallsituation sind alle, und alle sind gleich. Beim ersten Mal gebe ich nach einer Stunde auf. Das Knie. Am nächsten Tag bin ich früh dran und die Nr. 6 in der Warteschlange. Stubs. Ich erfahre, dass ich doch kein Notfall bin, da ich noch den Reisepass habe, und dass ein neuer Führerschein erst in zehn Wochen zu bekommen ist. Wenn ich einen vorläufigen Führerschein möchte, muss ich – stups – in die Puttkammerstraße gehen. Dort stehe ich nun wieder in der Notfallschlange. – Das ausgestellte Dokument zeigt ein mürrisches Passfoto – ich kann der Welt zurzeit nur mein wahres Inneres zeigen.

Erklärungen des Unerklärlichen

Was aber kann bei EC-Kartenersatzbemühungen alles schief gehen? Alles! Die freundliche Bankangestellte erweist sich, als die neu bestellte Karte nach einer Woche noch nicht da ist, als doch nicht so kompetent, und die dann erneut bestellte und dann auch endlich eine Woche später erhaltene Karte wird beim ersten Gebrauch vom Automaten einbehalten: »Es ist uns unerklärlich, aber wir klären das!«. Stups. Mit einer befristet entsperrten Karte (ja, das gibt’s) warte ich nun auf eine reguläre neue Karte. Ein ähnliches Spiel mit gutwilligem Service-Personal, das dann aber doch nicht das macht, was es sagt, erlebe ich beim Versuch, die Bahncard wiederzubekommen. Und ich habe ja längst noch nicht alle geklauten Karten ersetzt.

Mein Name ist Hase

In funktional ausdifferenzierten Gesellschaften kann zwar jeder überall dabei sein und teilnehmen – als Kunde, Klient oder Publikum. Wenn dann aber mal etwas schiefgeht, bemerkt man gleich die Asymmetrie der Rollenverteilungen und die eigene Abhängigkeit von eigenverantwortlichen Institutionen. Als Soziologe bin ich versucht, induktiv zu verallgemeinern, und denke, ob Hartmut Rosa mit seiner – bei der Hermeneutik geklauten – »Resonanz«-Theorie nicht doch Recht hat: Wir sind, gegenüber den medial vermittelten Zuständigkeitsverwaltungen und dienstbaren Organisationen nur Quellen für »Rauschen«, das auf der anderen Seite eine unverständige oder eigensinnige Resonanz bewirkt. Zwar wird uns stets etwas mitgeteilt oder angekündigt, aber ob dann auch Entsprechendes geschieht oder gemacht wird, ob jemand verantwortlich handelt, das kann nur in einer neuen Schleife eigensinniger Resonanzen festgestellt werden. Als Philosoph hingegen spekuliere ich, ob es nicht zu Cass Sunsteins Theorie des »Nudging«, nach der man durch Stupsereien zum vorgeblich Guten bewegt wird, auch eine fatalistische Variante gibt: Es bedarf nur eines Stupses, und alles geht schief. Damit aber beide Theorien Realität werden können, so sage ich mir und summe das Kinderlied meiner Enkelin, müssen die traditionell auf wechselseitiger Verantwortung basierenden sozialen Verhältnisse auf mediale, allein durch Internetportale und Telefonschleifen betretbare Reiche strukturierter Eigen(un-)verantwortlichkeiten umgestellt worden sein – das wäre dann »Verantwortung 4.0« oder so. Oder hat einfach meine Enkelin mit Stups, dem Osterhasen, Recht?

Grafik: https://maps.google.com

 

Zur Person Georg Lohmann

Georg Lohmann hat seiner Abschiedsvorlesung an der Universität Magdeburg den Titel „Endlich!“ gegeben. Nun liest und forscht er in Ruhe weiter zu den Themen Menschenrechte, Menschenwürde und Moral.

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