Unverantwortlich | Murksismus

Im hippen Neukölln grassiert ein T-Shirt, dessen Motto das post-perfektionistische Lebensgefühl vieler Hauptstädter auf den Punkt bringt: »Is mir egal, ich lass das jetzt so«. Dies ist kein ironischer Kommentar zur benachbarten Flughafenruine, sondern ein Statement für das Leben auf dem permanenten Richtfest der jeweils eigenen biografischen Langzeitbaustelle. In diesen Shirts stecken Vorkämpfer eines expressiven Anti-Finalismus, mit denen kein Großprojekt zu terminieren und schon gar kein Kapitalismus mehr zu machen ist. Sie sind Kombattanten einer neuen Politik der Entspannung, und sie weigern sich, »entfremdenden« Qualitätsstandards nachzujagen; Helden des Provisoriums, die tocotronisch zur Kapitulation bereit sind und im Scheitern – völlig unironisch, aber total authentisch – eine kreative Chance sehen.

Das Leben als Richtfest

Man mag dieses Ethos der Halbheiten sympathisch finden, weil es trotzig mit dem Ehrgeiz bricht. Man kann aber auch beunruhigt sein, da sich diese Heroen des Provisoriums nicht nur in den gentrifizierten Problemzonen der Hauptstadt tummeln. Die Kritische Theorie würde sagen: Die Murkserei hat sich längst zu einer sozialen »Pathologie« entwickelt, die Spätmoderne insgesamt ist in einen monströsen Pfuschereizusammenhang umgeschlagen. Kaum jemand, der sich noch dafür verantwortlich fühlt, gute Qualität abzuliefern. Auf den ersten Blick sind das Kleinigkeiten, aber sie summieren sich beliebig: Auf Verpackungen steht »Hier öffnen«, aber genau das erweist sich als unmöglich. Die neuen Turnschuhe lösen sich nach wenigen Wochen auf. Der defekte Akku ist fest verbaut. MP3s sind praktisch, klingen aber grottig. Der Handmixer gibt einen Sound von sich, als wolle er das eigene Getriebe zermahlen, noch bevor die Sahne steif ist. Die »Ehre« des Handwerks zeigt sich heute oft erst beim Abarbeiten der Mängelliste (die Facebook-Seite »Pfusch am Bau« hat über 400.000 Follower). Und wer traut sich noch in ein Krankenhaus? Die AOK spricht von jährlich 19.000 Todesfällen in der Folge von Behandlungsfehlern.

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Natürlich, dies alles gab es immer schon. Aber auch derart massenhaft? Zeigt sich hier nicht eine spätmoderne »Krise der Verantwortung« in der Gestalt einer schleichenden Erosion qualitätsorientierter Verlässlichkeit? Der Verdacht kommt auf, sobald man wieder einmal in irgendeiner Hotline festhängt, deren Konjunktur ein untrüglicher Beweis für obige These ist. Denn in einer Hotline geht es um nichts anderes als um den oft verzweifelten Versuch einer Beseitigung vermeidbarer Mängel. Deshalb hat Kollege Hoffmann völlig Recht, wenn er in seinem jüngsten Beitrag zu diesem Magazin feststellt, nicht das »Lager« (Agamben), sondern das Call-Center sei das Paradigma der Spätmoderne. All die scheuen Rehe, die für den besagten Murks persönlich verantwortlich sind, bekommt man immer seltener zu fassen. Kein Wunder, dass sich »Husch« auf »Pfusch« reimt.

Gedenkstätte protestantischer Ethik

Zurück zum Berliner Flughafen, dem wohl symbolträchtigsten Großmonument expressiver Pfuscherei. Die Verantwortlichen scheinen zu hoffen, dass er einfach in Vergessenheit gerät. Dann könnte man ihn zu einer Gedenkstätte »protestantischer Ethik« (Weber) umfunktionieren, denn hier wurde sie zu Grabe getragen: die einst als »preußisch« gepriesene, aber oft auch als reaktionär verworfene Bereitschaft, angefangene Dinge zu Ende zu bringen. Übrig geblieben ist ein Stelenfeld verabschiedeter Ambitionen, das einem Offenbarungseid gleichkommt. Die Firma Imtech übrigens steht derzeit in Verruf, sich ausgerechnet mit der gezielten Verschleppung dortiger Baumaßnahmen, d.h. mit intentionalem Murks, die Taschen zu füllen. Auf diese lukrative Idee, die auch aus der Haushaltselektronik bekannt ist (»geplante Obsolenz«), muss man erst einmal kommen. Um es mit Horkheimer und Adorno zu sagen: Schon der Kapitalismus ist Murksismus, und der Murksismus schlägt in Kapitalismus zurück!

Je suis l’aéroport

Für das Schönefelder Milliardengrab der Murkserei werden dereinst auch all die hippen Nerds aus dem benachbarten Neukölln bezahlen. »Is mir egal, ich lass das jetzt so«? Realisieren all diese Flickschuster nicht, dass ihre anti-kapitalistische Weigerung, sich dem schnöden Mammon zu unterwerfen, einem allgemeinen nihilistischen Trend folgt, der das Gegenteil von Nachhaltigkeit ist? Der Kapitalismus soll unterminiert werden, am Ende aber wird lediglich Müll produziert und die persönliche Verwertbarkeit auf Null gesetzt. Wie schon gesagt: Das mag sympathisch sein, ist aber trotzdem unklug. Denn hier zeigt sich ein autodestruktiver Hang, sich durch tatkräftigen Pfusch entbehrlich zu machen. Murkser entsorgen sich selbst – wie Elektroschrott, der sein digitales Verfallsdatum bereits beim Kauf einprogrammiert hat. Ich selbst lebe übrigens auch in Neukölln, deshalb habe ich mir gestern ein ganz anderes T-Shirt bestellt: »Das kannste schon so machen, aber dann ist es halt Kacke«.

Foto: Quelle unbekannt

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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