Unverantwortlich | La responsabilité différante

Vor einiger Zeit bestellte ich im Internet eine Saftpresse. Denn ich dachte mir, jeden Tag ein Glas frisch gepressten Saft zu trinken, müsse wohltuend und vitalisierend sein. Und sicherlich wäre es auch recht gesund. Und da ich ja jetzt wohl auch in das Alter käme, in welchem man verstärkt auf seine Gesundheit zu achten habe, sollte ich mich vielleicht wenigstens um frisch gepressten Saft bemühen. Und so weiter, und so fort.

Keine Pakete in Krisenregionen

Nun ja, nachträglich lässt sich kaum bestreiten, dass ich dem etwas peinlichen Phänomen der so genannten Midlife-Crisis erlegen war. Dies ist natürlich schon schlimm genug. Noch schlimmer wird es allerdings, wenn das krisenbedingte Objekt der Begierde mittels eines Paketdienstes ins traute Heim gebracht werden soll. Denn dann kann nur allzu leicht eintreten, was man ohnehin von Anfang an befürchtet hat, da Schwarzmalerei und Sinnlosigkeitsverdacht vertraute Begleiter der schwierigen mittelalterlichen Lebensphase sind: Die herbeigesehnte Saftpresse kann vom Versandweg abkommen!

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Begibt sich der krisengeschüttelte Mann mittleren Alters, ob des Ausbleibens seiner sehnsüchtig erwarteten Warensendung, daraufhin – halb mürrisch, halb panisch, aber insgesamt folgerichtig – zum Telefonapparat, um fernmündlich Auskunft über ihren Verbleib einzuholen, so sollte er nun damit rechnen, unausweichlich in die kafkaeske Welt des Servicecenters hinabgezogen zu werden. Jene Welt der schwer fassbaren telefonischen Beschwerdestellen also, die uns heutzutage schon so normal und sogar hilfreich erscheint, dass wir uns eigentlich auch nicht darüber wundern dürften, erwachten wir morgen als Käfer. Denn naturgemäß sind derartige Einrichtungen so ziemlich alles, nur nicht hilfreich. Aber das sollen sie auch gar nicht sein!

Das Servicecenter des Gegenwartskapitalismus

Obgleich ich keineswegs zu der Ansicht neige, dass JFK von Außerirdischen erschossen wurde und Kurt Cobain gar nicht Selbstmord beging, scheint mir hinter der endlosen Weiterleitung von einem Servicecenter-Agenten zum nächsten zweifelsohne ein System zu stecken, das unseren Begriff der Verantwortlichkeit und somit unser gegenwärtiges Zusammenleben grundlegend umkrempelt. Während Giorgio Agamben das Lager für den Nomos der Moderne halten mag, stellt sich für mich das Servicecenter als das Gesetz der Verantwortung im post-fordistischen Gegenwartskapitalismus dar. Dass man stets mit dem nächsten freiwerdenden Mitarbeiter verbunden wird, aber kein einziger Mitarbeiter verlässliche Auskünfte geben kann, ist nämlich keineswegs ein Fehler im System oder Ausweis persönlicher Unfähigkeit oder Ausdruck individueller Bosheit. Noch viel weniger ist der höfliche Hinweis des jeweiligen Servicecenter-Agenten unzutreffend, dass er für das Abhandenkommen von Saftpressen und sonstiger dringlichst erwarteter Waren nicht verantwortlich sei, sondern ja nur helfen wolle, jedoch im Moment leider auch nichts tun könne, da ihm die Sendungsdaten momentan nicht vorlägen. Und ebenso wenig ist es ein bloß subjektiv zu begreifendes Phänomen, dass man sofort Scham empfindet, nachdem man auf den zehnten höflichen Hinweis dieser Art etwas lauter reagierte und Unflätiges in den Telefonhörer grunzte. Denn bei aller Aufregung, Empörung, Hilflosigkeit, Frustration und Wut, weiß man freilich zugleich immer auch schon, dass man sich gerade unangemessen und unprofessionell verhalten hat, weil man seine Aggressionen gegen den völlig falschen Adressaten richtete.

Gerade nicht da, und jetzt schon fort

Was einem jedoch vielleicht erst etwas später klar wird, ist dies: Man wird seine Aggressionen stets nur gegen den falschen Adressaten richten können. Denn den richtigen Adressaten gibt es gar nicht mehr! Der Adressat, der für die ganze Misere verantwortlich wäre, ist nämlich im post-fordistischen Gegenwartskapitalismus zum Protagonisten der différance geworden – wie man vielleicht in diesem blumig tiefgründelnden Derrida-Sprech sagen könnte. Denn Verantwortlichkeit ist nur noch der permanente Aufschub der Übernahme von Verantwortung. Man jagt ihr stets hinterher und wird ihrer doch nie habhaft, weil sie stets beim nächsten freiwerdenden Mitarbeiter liegt, niemals jedoch bei jenem Mitarbeiter, mit dem man gerade spricht. Auch nach Myriaden von Telefonaten mit verantwortungslosen Agenten wird der Verantwortliche nicht erscheinen. Er ist eine Fiktion, eine Projektion, ein uneinholbares Heilsversprechen für all jene, die noch im Konsumismus der 20. Jahrhunderts aufwuchsen. Das Beste, worauf man heutzutage noch hoffen kann, ist allenfalls dies: Nach drei oder vier Wochen steht der Paketbote mit einem unverantwortlichen Lächeln vor der Tür und überreicht die aus dem Nichts wieder aufgetauchte Saftpresse. Allerdings weiß man dann auch gar nicht mehr genau, was man mit dem Ding noch anfangen soll. Denn im Strudel endloser Warteschleifen ist auch die Midlife-Crisis schon in die nächste Runde gegangen.

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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