Unverantwortlich | Organisierte Pflichtvergessenheit?

Verantwortung lastet nicht nur – mehr oder weniger schwer – auf all unseren Schultern. Sie ist auch in aller Munde. Ein kleiner Vergleich bei Google Ngram (dort kann man die Häufigkeit der Nennung eines Begriffs in Büchern über die Zeit hinweg ermitteln lassen) zeigt, dass der Verantwortungsbegriff ein Gewinnerbegriff ist. Der Pflichtbegriff hingegen ist klarerweise ein totaler Verliererbegriff. Das kann man auf dem Screenshot unten nachvollziehen. Den Begriffen selbst ist es wahrscheinlich ziemlich egal, ob sie sich eher auf der Siegerstraße oder in der Loserecke befinden. Für uns, die wir ja mit diesen Begriffen hantieren müssen, kann es hingegen interessant sein, darüber nachzudenken, warum Verantwortung diesen Siegeszug angetreten hat.

Verantwortungsproduktion – Verantwortungsdiffusion

Dafür gibt es sicher viele gute Erklärungen. Eine jedenfalls hat mit der Entwicklung bürokratischer Großorganisationen zu tun. Dazu gehören beispielsweise multinationale Unternehmen, Bundesministerien oder große Universitäten. Diese Organisationen sind einerseits Verantwortungsproduktionsmaschinen, weil sie viele Menschen dazu bringen, erstaunlich effektiv miteinander zu kooperieren. Diese Menschen haben in ihren funktionalen Rollen keine klar festgelegten Pflichten, sondern allgemeine Verantwortungsbereiche. Das erlaubt eine relativ reibungslose Zusammenarbeit.

Ngram_Verantwortung

Andererseits produzieren Großorganisationen aber auch Verantwortungslosigkeit, weil sie in geradezu psychopathischer Manier ausschließlich auf die Erfüllung ihrer funktionalen Ziele eingestellt sind. Sie können weder andere Ziele noch die ethische Zweifelhaftigkeit ihrer Mittel reflektieren. Besonders gut wird diese Problematik in dem praktischen Dilemma der individuellen Mitarbeiter_innen dieser Organisationen sichtbar. Sie sagen dann so seltsame Dinge wie: »Als Privatperson finde ich Entlassungen auch nicht gut, aber als Managerin muss ich mich dem Druck des Marktes beugen.« Oder: »Wenn es nach mir ginge, würde ich als Hochschullehrer viel mehr Zeit in die Lehre investieren, aber alles, was zählt, ist doch die Forschung.« Oder: »Unser Ministerium setzt, meiner Meinung nach, überhaupt nicht die richtigen Schwerpunkte, aber die Politik gibt mir als Ministerialdirigentin nun einmal die Marschrichtung vor«.

Alles nur faule Ausreden?

Wie soll man auf solche leicht schizophren anmutenden Aussagen reagieren? Soll man diesen Bürokrat_innen – denn das sind sie ja am Ende alle, egal ob sie für Universitäten oder Unternehmen oder Ministerien arbeiten – glauben? Ist ihre Verantwortung wirklich eingeschränkt? Dann sollte man das vielleicht akzeptieren und die Organisationen selbst verantwortlich machen. Das Ministerium selbst müsste dann seine Strategie ändern, Unternehmen dürften nicht ausschließlich Gewinne maximieren und Universitäten sollten gute Hochschullehrer_innen fördern. Aber die Behauptung der Ohnmacht kann für individuelle Menschen ja auch eine bequeme Ausrede sein, um sich bloß hinter ihrer Organisation zu verstecken. Sie könnten schon etwas bewegen, wenn sie nur wollten; auch wenn das vielleicht ziemlich anstrengend wäre. Verantwortung zu übernehmen, heißt aber nun einmal, sich anzustrengen. Es ist jedoch behaglicher, das nicht zu tun und stattdessen alle Verantwortung auf seine Organisation zu schieben, der man ja scheinbar hilflos ausgeliefert ist.

Hilflose Verantwortungswut

Das eigentliche Problem liegt darin, dass man das von außen überhaupt nicht richtig einschätzen kann. Manchmal besteht dieser organisationale Druck tatsächlich. Manchmal dient er eben doch als bequeme Ausrede. Deswegen weiß man als Außenstehender – und oft auch als Insider – überhaupt nicht, wen man zu Recht verantwortlich machen kann, und das macht ziemlich hilflos. Ich denke, genau diese Hilflosigkeit führt absurderweise zu jener um sich greifenden Verantwortungswut, einfach jeden und alles immer und überall verantwortlich machen zu wollen.

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

2 Kommentare

  1. Andrej Telle · Juli 15, 2015

    an wen schiebe ich die Verantwortung als Geschäftsführer eines 4-Mann Unternehmens? Auch die Organisation?

    • Chris Neuhäuser · Juli 15, 2015

      Lieber Andrej,

      Kleinstunternehmen sind natürlich nicht auf die gleiche Weise korporative Akteure wie große Konzerne. Es ist auch schwierig, genau anzugeben, wo die Grenze liegt. Aber warten wir doch, bis Du etwa zwanzig Mitarbeiter_innen hast und sich die Verantwortung dann verteilt?