TINA | Notwendige Freiheit

Es ist aufschlussreich, einen Blick auf einige derjenigen Sachverhalte zu werfen, die in der Geschichte des Denkens als alternativlos angesehen wurden. Zunächst einmal galt dasjenige als alternativlos, was »höhere Mächte befahlen« (Sigmar Polke) – gleichgültig, ob es sich dabei um den Willen eines Gottes oder um Naturgesetze handelte. Da diese höheren Mächte allerdings allmächtig sind, steht eine solche Auffassung von jeher in einem Spannungsverhältnis zur menschlichen Freiheit; denn wenn es ohnehin vorherbestimmt ist, wie die Welt in Zukunft aussehen wird, dann kann ich daran durch meine Handlungen nichts ändern. Mehr noch: Selbst was ich ändern will und was nicht, ist möglicherweise vorherbestimmt – und damit dann auch mein Charakter. There is no alternative. Really!

Alternative Unvernunft

Oder doch? In der Tradition hat der Mensch die Möglichkeit, sich gegen die höheren Mächte zu entscheiden: in der Antike gegen die Vernunft – und damit für das Unglück – oder im Christentum gegen den göttlichen Willen – und damit für die Hölle. Da Gott nicht nur allmächtig ist, sondern auch gütig und gerecht, entsteht dabei allerdings ein Problem, das die Theologie von Paulus bis Karl Barth umgetrieben hat: Wie kann es ein, dass ein allgütiger Gott einen sündigen Menschen erschafft und ihn dafür auch noch verurteilt (oder aufgrund seiner Gnade letztlich doch nicht)? Wie dem auch sei: Es gibt offenbar doch eine Alternative, nämlich die, sich gegen das Gute und Vernünftige zu entscheiden. Und damit sind wir bei TINA: Eine schlechte Alternative ist eben keine.

polke

Sowohl der dialektische Materialismus als auch der hegelianisierende Liberalismus eines Francis Fukuyama, der um 1990 herum das Ende der Geschichte verkündete, stimmen darin überein, dass es ein erkennbares Endziel der Geschichte gibt, gegen das sich aufzulehnen nur in der Niederlage enden kann. Sie treten damit das Erbe der theo-teleologischen Tradition des Abendlandes an. Freiheit ist dann, wie Friedrich Engels sagte, die »Einsicht in die Notwendigkeit«; erkennt man die Gesetze der historischen Entwicklung, kann man den Mantel der Geschichte ergreifen, tut man das nicht, fällt man hinab wie die Späne beim Hobeln.

Schwundtelos Sachzwang

Heute wird meist eine Nummer kleiner gedacht: Zwar gibt es kein großes Ziel der Geschichte mehr, dafür aber stets eine Reihe von Sachzwängen, die die meisten Alternativen unattraktiv erscheinen lassen. Daher wurden Fachleute in technokratischen Ansätzen seit Helmut Schelsky für kompetent gehalten, darüber zu entscheiden, was jeweils richtig und falsch ist. Nach dem Motto: TAMBA oder There are mostly bad alternatives. Hierbei stellt sich dann allerdings nicht nur das Zwei-Experten-drei-Meinungen-Problem, sondern vor allem auch das Problem der mangelnden Problemlösungskompetenz einer komplexen Gesellschaft, die über kein Steuerungszentrum mehr verfügt. Ein Beispiel: Selbst wenn alle Professorinnen und Professoren der Volkswirtschaftslehre – mit Ausnahme der deutschen – sich darüber einig sind, dass eine Niedrigzinspolitik der EZB im Umfeld eines weltweiten Sparüberhangs alternativlos ist (Wissenschaft), kann sie möglicherweise nicht umgesetzt werden, weil zahl- bzw. einflussreiche Wählerinnen, Politiker und Beamte dies nicht glauben (Politik); weil dies die Gewinne von Banken und Versicherungen schmälert (Wirtschaft) oder weil die Europäischen Verträge es verbieten (Recht). Was dann schließlich geschieht, ist mehr oder weniger Zufall: TATA oder There are thousands of alternatives. Doch niemand weiß, wo das hinführt…

Moderne Alternativlosigkeit

Vielleicht also doch eine Nummer größer: In der Tradition war unstrittig, dass im Großen und Ganzen das, was ist, auch sein soll und umgekehrt. Oder um es im spätmetaphysischen Jargon der »Puhdys« zu sagen: »Was gut, gut, gut ist, setzt sich durch«. Diese Gewissheit haben wir verloren. Für uns ist nicht mehr der Weltlauf alternativlos, sondern nur noch der kategorische Imperativ, die Menschenrechte zu achten. Ein auf diese Weise moralisch angeleitetes politisches Handeln hat allerdings sowohl zur Voraussetzung als auch zur Folge eine Gesellschaft, deren Mitglieder von familiären, ständischen und religiösen Bindungen abstrahieren können und zur Rollendistanz in der Lage sind – eine moderne Gesellschaft also. Auch zu ihr, so scheint es, gibt es keine Alternative.

Bild: Sigmar Polke »Höhere Mächte befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!«

Zur Person Deniz Sertcan

Deniz Sertcan ist Philosoph und Ökonom. Er arbeitet im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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