TINA | Faule Äpfel

Es war Don Vito Corleone, der den Cineasten dieser Welt einst die Lektion erteilt hat, dass es Angebote gibt, die man nicht ablehnen kann. Wer schon einmal neben einem abgetrennten Pferdekopf erwacht ist, wird gespürt haben, dass im Leben eine wichtige Entscheidung ansteht, bei der es am Ende gar nicht mehr so viel zu entscheiden geben wird. Nicht nur äußerst attraktive oder unmoralische Angebote, auch monströs unattraktive Offerten können als »Sachzwänge« daherkommen: Sie lassen dem Empfänger keine Wahl, man muss sie einfach annehmen. Und eben deshalb ist es mafiöse Ironie, von einem »Angebot« zu sprechen, da sich Angebote begrifflich dadurch auszeichnen, dass man sie auch ablehnen kann. (Den abgetrennten Pferdekopf kann man sich übrigens als plüschiges Kopfkissen im Internet bestellen. Ein Angebot, das man sehr wohl und im doppelten Sinn »ausschlagen« kann.)

Ein Pariser Hintertürchen

Allerdings sind Kinogänger oft auch mit einer wichtigen zweiten Lektion vertraut, die zu jener ersten in krassem Gegensatz steht. In ihrer Jugend haben Cineasten meist Philosophie oder Literatur studiert und schon zu Unizeiten schwarze Rollkragenpullis getragen, schwarzen Kaffee getrunken und ebenso schwarze französische Zigaretten geraucht. In diesem Dunst dunkler Rauchschwaden und existenzialistischer Sprechblasen war von Camus und Sartre zu lernen: Es gibt im Da- bzw. Sosein eigentlich immer eine Wahl. Ja, wir haben sogar stets die Möglichkeit einer »radikalen« Neubestimmung. Der Mensch »ist so frei«, schlicht jede heteronome Festlegung seiner Person durch die objektivierenden »Blicke« anderer abzulehnen – und sei es auch nur durch den Entschluss, sich dieser absurden »Uneigentlichkeit« durch Suizid zu entziehen.

Einbahn

Doch bei aller Sympathie für das existenzialistische Pathos: Sobald man nicht mehr ganz so jung ist, am Leben hängt und daher auch auf seine Gesundheit achten sollte, fällt es schwer, sich den eigenen Tod als eine »echte« Alternative vorzustellen. Und so ergibt sich neben dem begriffslogischen Problem, ob eine Entscheidung, die alternativlos ist, überhaupt noch eine Entscheidung ist, zudem auch eine vehement lebenspraktische Frage: Warum kommen uns manche Entscheidungen im Leben trotzdem alternativlos vor, obwohl sie nicht – im engeren Sinn – alternativlos sind?

Das Dilemma der Praktischen Philosophie

Aus Sicht der akademischen Ethik, die einen gewissen Hang zu allzu lebensfernen Beispielen hat, wird man zunächst an sogenannte Dilemmata denken: Soll die ins KZ deportierte und dort vor die Wahl gestellte Sophie ihren Sohn oder ihre Tochter opfern? Soll ein »dicker Mann« von der Brücke geschubst werden, um einen führerlosen Waggon zu stoppen, der sonst zwei auf den Gleisen spielende Kinder töten wird? Oder wenn ein Stier auf dich zu gerannt kommt: Möchtest du lieber vom rechtem oder vom linken Horn aufgespießt werden? Ein Dilemma im strikten Sinn zeichnet sich dadurch aus, dass alle Alternativen exakt gleich schlecht anmuten. Nur dann ist der Konflikt »unentscheidbar«. Doch echte Dilemmata – mögen diese in der Philosophie auch sehr beliebt sein – kommen im wirklichen Leben selten vor.

Lose-Lose-Situationen

Dennoch dürfte das Gefühl, keine Alternative zu haben, recht alltäglich sein. Es sind dabei zwei sehr verschiedene Konstellationen zu unterscheiden: Im ersten Entscheidungsfall hat man sehr wohl Alternativen, aber eine davon scheint unvergleichlich viel besser zu sein, sodass es unvernünftig oder gar verrückt wäre, eine andere zu ergreifen (»Der Kapitalismus ist alternativlos!“). Im zweiten Fall geht es um Entscheidungen, bei denen die Betroffenen das subjektive Gefühl haben, dass alle Alternativen derart schlecht sind – wenn auch nicht notwendig exakt gleich schlecht –, dass es im Grunde ganz egal ist, wie ich mich entscheide (»Es gibt nur Wurst- und Lachsbrötchen, aber ich bin Vegetariarin«). In diesen Lose-Lose-Situationen gibt es einfach keine »gute Lösung«. Oder wie es beim Ernährungsberater Shakespeare heißt: »There’s small choice in rotten apples«.

Die normative Kraft des Faktischen

Es ist auf Anhieb gar nicht ausgemacht, welche dieser beiden Fallkonstellationen auf politisches Handeln nach dem TINA-Prinzip (»There is no alternative«) zutrifft. Und doch steht eines fest: Wenn etwa Thatcher oder Merkel – anders als Der Pate – völlig unironisch auf die Alternativlosigkeit ihre Politik verweisen, so dient das rhetorische Ausweichmanöver primär der Selbstimmunisierung gegen Kritik. Gestaltungsunwillige Regierungen unterwerfen sich gern einem höheren Schicksal und suggerieren eine normative Kraft des Faktischen, in deren Angesicht selbst eiserne Ladys passen müssen. Dabei wissen sie ganz genau, dass Politik, ihrem ganzen Wesen nach, die öffentliche Auseinandersetzung um die richtigen Alternativen des Zusammenlebens ist. Würde man das TINA-Prinzip ernst nehmen, verkäme die Politik zur Technokratie, und eben dies wäre das Ende jeder Politik. Da die behauptete Alternativlosigkeit jedoch ein Etikettenschwindel ist, gilt bis auf Weiters: Eine andere Welt ist möglich! Und entgegen eines berühmten Mottos des kürzlich verstorbenen, Menthol-Zigaretten paffenden Orakels von Hamburg sollte wohl besser derjenige zum Arzt gehen, der keine Visionen hat.

Foto: Quelle unbekannt

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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