TINA | Who’s that girl?

Hätte dieses Magazin eine Seite 3, so könnte jetzt neben einem anatomisch aussagekräftigen Foto die mehr oder minder aussagekräftige Auskunft stehen, dass TINA eine naturverbundene Mittdreißigerin ist, die es gerne privat mag, oft und lustvoll dereguliert, mit Exportanreizen nicht geizt, manchmal einfach alle Handelshemmnisse fallen lässt und unter alt- und junggebliebenen Reaganomics viele heißblütige Verehrer hat. Allerdings ist ein Page-Three-Girl in diesem Magazin nicht vorgesehen. Das wäre nicht nur sexistisch, sondern im Zeitalter des Internets mit all seinen einschlägigen Angeboten auch völlig redundant.

You’re a lollipop, no second prize

Aber hierzulande muss man TINA ja auch gar nicht mehr eigens vorstellen. Denn wir alle kennen sie bereits aus Funk und Fernsehen. Immer dann nämlich, wenn die Bundeskanzlerin die ihr von Amts wegen zustehende Richtlinienkompetenz verschleiern möchte, muss TINA auf dem Catwalk der Bundespressekonferenz ihre Runden drehen. Obgleich als superscharfe Allzweckwaffe aus dem Kanzleramt allseits bekannt, wissen viele aber dennoch nicht, dass TINA ursprünglich aus England stammt. TINA, die mit vollem Namen »There is no alternative« heißt, ist nämlich das Kind der eisernen Falklandkriegerin und Bergarbeiterfeindin Margaret Thatcher. Diese gebar TINA, als der real existierende Sozialismus zu sterben begann. Und von dieser Geburt sollte seinerzeit die Botschaft ausgehen, dass es keine Alternative zum neoliberalen Kapitalismus gibt.

Hey girl, whatcha doing?

Mittlerweile ist TINA jedoch längst nicht mehr nur die Frucht von Margaret Thatchers häßlicher Seele. Und auch als bequeme Rechtfertigungsfloskel von Angela Merkel jobbt sie nur noch nebenbei. Denn hauptberuflich ist sie inzwischen zum globalen It-Girl von Francis Fukuyamas »Ende der Geschichte« aufgestiegen. Oder treffender gesagt: Sie ist zum Centerfold westlicher Stagnation geworden. Diese Stagnation ist allerdings nicht »den Umständen geschuldet«, wie TINA selbst wohl sagen würde. Vielmehr ist sie hausgemacht. Denn die westliche Welt begann irgendwann nahezu kollektiv an ihre eigene Alternativlosigkeit zu glauben. Der Kapitalismus schien aus dem Wettkampf der Ideologien für immer und ewig als endgültiger Sieger hervorgegangen zu sein, weil er nun einmal der natürlichen Ordnung menschlichen Zusammenlebens entspricht. Alle gegen Alle! Jeder gegen Jeden! Und dann wird sich schon zeigen, wer hier der Fitteste ist, der überlebt. Die Natur ist grausam. Der Markt ist ein Dschungel. Die Güter sind knapp. Fressen und gefressen werden! Und da, wo es unausweichlich ist, das Gegeneinander zeitweilig außer Betrieb zu setzen, gelingt das Miteinander nur, sofern es sich auf die vertraglich abgesicherte Kooperation zweckrationaler Egoisten beschränkt, die für alle Beteiligten einen fetten Gewinn verspricht. Denn das zoon politikon ist der homo oeconomicus. Und die Politik muss naturgemäß der Wirtschaft gehorchen. It’s the economy, stupid!

Hey girl, where you going?

So wurde also aus einer rhetorischen Wuchtbrumme eine Art Naturgesetz. TINA verdrehte den westlichen Staatenlenkern dermaßen den Kopf, dass diese nur noch paralysiert auf die üppigen Auslagen des Marktes stierten. Und die westliche Welt, die noch nie ein Kind von Traurigkeit war, wurde zum adipösen Industriekapitän, der es sich am Ende seiner historischen Fahnenstange gemütlich machte, ohne das Knacken und Knarzen zu hören, das dem Splittern vorangeht. Zwei, drei Leichtmatrosen, die sich schon immer als notorische Kostverächter gerierten, glauben inzwischen zwar, ein deutliches Knarren zu vernehmen. Lauthals skandieren sie, dass die Stagnation nur unserer Resignation entspringt und dass der Kapitalismus kein Naturschauspiel ist. Emsig nutzen sie die Flaute, um am Bug des dahin dümpelnden Schiffes TINA gegen Susan Georges TATA als Galionsfigur auszutauschen. Nur ist keineswegs klar, ob TATA, die mit vollem Namen »There are thousands of alternatives« heißt, auch wirklich das Zeug hat, uns auf einen neuen Kurs zu bringen. Denn gäbe es tatsächlich tausende Alternativen, in deren Richtung es zu segeln gelte, so wäre das fast so, als gäbe es keine einzige. Mit nur einem Schiff kann man nämlich nicht zugleich in tausend Richtungen segeln. Und so scheint es, als verkörperten TINA und TATA antagonistisch ein und dasselbe Dilemma. Denn weder die selbstgefällige Rien-ne-va-plus-Stagnation des westlichen Casinos noch der westliche Alles-ist-möglich-Aktionismus gegen die hausgemachte Resignation bringt wirklich Land in Sicht.

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Vermutlich ist es eine so genannte Ironie der Geschichte, das Fukuyamas Rede vom Ende eben jener Geschichte zwar nicht als Vorhersage einer historischen Tatsache, sehr wohl jedoch als selbsterfüllende Prophezeiung westlicher Befindlichkeit gelten muss – ganz gleich, ob nun TINA oder TATA am Bug hängt. Gewiss jedoch ist es ein historischer Treppenwitz, dass es gegenwärtig noch eine ganz andere Alternative gibt, die durchaus als selbsterfüllende Prophezeiung von Fukuyamas einstigen Antipoden innerhalb der konservativen Debatte gelten kann. Samuel Huntingtons »Kampf der Kulturen« scheint nicht nur das Logbuch der Breiviks, Böhnhardts, Bachmanns, Le Pens, Wilders, Straches und Petrys dieser Welt zu sein, sondern auch von ISIS und Al-Qaida peinlich genau befolgt zu werden. Wäre dieser Kampf allerdings die einzige wirkliche Alternative, so sollte man sich besser ein Poster von TINA und TATA in die Kajüte hängen und für immer in der Koje bleiben.

Foto: www.sv-zanshin.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

Ein Kommentar

  1. Robert Lehmann · Mai 10, 2016

    TINA schützt davor Verantwortung im Öffentlichen Raum zu übernehmen und TATA rechtfertigt den grenzenlosen Egozentrismus im Privaten.