Theoriefeindlichkeit | Blinde Praxis

Es ist ein verbreitetes Klischee, dass Theoretiker*innen in praktischen Dingen unbeleckt sind. Schon von Thales von Milet ist die Legende verbreitet worden, dass er, den Blick in den Sternen, ins Wasser gestürzt sei. Theoretiker*innen sind solche, die Denken und Sprechen. Wer denkt, handelt nicht. Und wer zu viel denkt, der hat das Handeln verlernt.

Dieses Klischee der Theorie geht mit einer bestimmten Auffassung dessen einher, was in Theorien erkannt wird. Es wird in Theorien gar nichts über die Praxis erkannt, sondern es werden bloß abstrakte Aussagen formuliert, die an der Praxis vorbeigehen. Mehr noch: Im Medium des Denkens und Sprechens ist prinzipiell überhaupt nichts über die Praxis zu erkennen, gerade weil es Denken und Sprechen ist. Friedrich Nietzsche hat diese Auffassung zugespitzt und gegen die Philosophie als solche gewendet: Die Theorie rächt sich am Leben gerade weil sie lebensuntüchtig ist.

Eine Unterscheidung?

Dass die Theorie immer schon an der Praxis vorbeiredet, liegt dem skizzierten Klischee nach just daran, dass sie ein Reden und kein Tun ist. Über eine Sache zu reden, ist etwas anderes, als diese Sache zu machen. Diese Unterscheidung ist nicht ganz unplausibel, wenn man sie nicht als wertende Aussage verzeichnet. Bertrand Russell hat vorgeschlagen, theoretisches Wissens und damit etwas, das ein Denken und Reden ist, von praktischem Wissen und damit etwas, das ein Tun ist, zu unterscheiden. Die gängige Auffassung besagt dabei, dass theoretisches Wissen sich in höherstufigen Sätzen ausdrückt und sich dabei in Form von Dass-Sätzen angeben lässt. Praktisches Wissen hingegen artikuliert sich in Formen des Handelns und ist damit immer ein Können. Klavier zu spielen, einen Gegenstand des Industriedesigns zu entwerfen oder ein Gemälde zu malen sind Formen des Wissens, aber es sind Formen des Wissens, die sich darin artikulieren, dass sie bestimmte Dinge hervorbringen – gelungene oder nicht so gelungene Interpretationen musikalischer Werke, Entwürfe und Gemälde. Sind Kriterien theoretischen Wissens solche etwa der logischen Konsistenz, der Klarheit, der Informativität usf. wären vergleichbare Kriterien angesichts von praktischem Wissen Kategorienfehler. Über das Fahrradfahren oder Fußballspielen zu reden, ist etwas anderes, als Fahrradfahren oder Fußballspielen zu können.

Keine Unterscheidung

Vor allem Martin Heidegger hat geltend gemacht, dass die skizzierte Unterscheidung allerdings doch nicht so robust ist, wie sie zu sein scheint. Genauer gesagt muss sie anders verstanden werden, als sie gemeinhin verstanden wird. Denn nicht allein gründet Theorie in Praxis, sondern vielmehr ist Theorie selbst eine bestimmte Praxis. Theorie gründet derart in Praxis, dass jede Theorie einen Zusammenhang von kollektiven wie alltäglichen Praktiken voraussetzt, die unsere Welt in vorgängiger Weise erschließen. Darüber hinaus ist aber vor allem Theorie selbst auch eine Praxis. Dieser Gedanke darf nicht so verstanden werden, dass alle Theorie externe Anwendungen in der Praxis kennen würde – wie etwa aus der Ermittlung der Gesetze der Aerodynamik als Nebenprodukt die Flugfahrt zu verbessern. Der Gedanke muss vielmehr stärker verstanden werden: Theorie kann nicht allein gekonnt oder weniger gekonnt betrieben werden, sondern die Fähigkeit, gute Theoriebildung zu betreiben, ist nichts, was sich wiederum »theoretisch«, also durch das Lernen abstrakter Grundsätze o.ä., erwerben ließe. Was es heißt, dass ein Gedanke klar oder unklar formuliert ist, dass eine Überlegung erhellend ist oder nicht, ist etwas, das sich nur am konkreten Fall ausweisen lässt. Wie bei jeder Praxis geschieht auch der Erwerb der Fähigkeit zur Theoriebildung durch das, was im Anschluss an Überlegungen Ludwig Wittgensteins als hinweisendes Lernen und Lehren genannt wird: Durch den Verweis auf exemplarische Fälle, durch Blicklenkungen und Akzentuierungen. Theorie will, wie das Klavierspielen, das Gestalten von Designgegenständen und das Herstellen von Kunst, gelernt sein.

Vom Nutzen und Nachteil der Theorie für die Praxis

Obzwar auch Theorie als Praxis verstanden werden muss, heißt das natürlich nicht, dass der eingeklagte Unterschied von theoretischem und praktischem Wissen obsolet wäre. Aber theoretisches Wissen muss selbst als Sonderform praktischen Wissens erläutert werden und damit als ein Können; als ein Sich-Verstehen-auf. Ein Sonderfall ist dieses Wissen in Form der Theorie deshalb, weil diese dem Zwecke der Reflexion von Praxis dient. Was aber hat diese Auffassung für Konsequenzen für das Verhältnis von Theorie und Praxis? Sie hat zur Konsequenz, dass eine Theorie, die abstrakt über die Konturen der Praxis, über die sie zu sprechen und nachzudenken vorgibt, hinweggeht, überhaupt keine Theorie ist, sondern ein leeres Sprechen und Denken; »abstrakt« im Sinne Hegels und damit eine Privation des Denkens und Sprechens. Sie hat zugleich zur Konsequenz, dass eine Praxis, die sich nicht im Lichte ihrer reflexiven Thematisierung durch Theorie partiell zur Disposition stellen kann, eine schlechte, weil blinde Praxis ist. Theoriefeindlichkeit ist also irrational. Ebenso irrational ist es aber, darauf zu verzichten, schlechte Theorie wie schlechte Praxis zu kritisieren.

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Zur Person Daniel Martin Feige

Daniel Martin Feige interessiert sich für alles, was mit Ästhetik zu tun hat. Er ist Juniorprofessur für Philosophie und Ästhetik unter besonderer Berücksichtigung des Designs an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Ein Kommentar

  1. Anna Torus · Januar 23

    Schöne Themenreihe und schöner Text. Noch ein passendes Zitat von Kant dazu, das ihn einmal mehr von seiner pragmatischen Seite zeigt: „Die praktische Wissenschaften bestimmen den Wert der theoretischen; was keinen Gebrauch hat, ist unnütz. Sie sind in der Intention die ersten, die Zwecke gehen vor den Mitteln vorher, aber in der Exekution sind die theoretische die erste.“ [sic!] (AA XIX, S.110)