Theoriefeindlichkeit | Praxisintoleranz

Neulich in meiner Sprechstunde: Ein Student kommt zur Nachbesprechung seiner Hausarbeit, die er über die menschenrechtliche Situation im Israelisch-Palästinensischen Konflikt geschrieben hat – politisch etwas einseitig, wie ich finde, im Stil recht großspurig, vor allem aber philosophisch theoriefern. Selbstbewusst kommentiert er diesen Vorwurf mit der Bemerkung, »dass die Theorie dort endet, wo die Fakten beginnen«. Und meine Erwiderung, dass dies ja wohl Quatsch mit Soße sei, kontert er: »Wie heißt es so schön bei Kant? Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenes Verstandes zu bedienen!«

Kants Konter

Abgesehen davon, dass der gewitzte Student hier eine merkwürdige Theoriefeindlichkeit an den Tag legt, die ihm, einem Studenten der Politischen Philosophie, nicht gerade gut zu Gesicht steht: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet der von ihm so feierlich zitierte Kant gewesen ist, der schon früh auf die Gefahr einer innerakademischen Theoriefeindlichkeit zugunsten einer mutmaßlich näher am »echten« Leben stehenden Praxisorientierung hingewiesen hat. In Kants berühmter Schrift »Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis« reagiert der große Aufklärer auf Vorwürfe längst vergessener Fachkollegen, seine Ethik sei allzu rigoros, viel zu abstrakt und vor allem lebensweltlich unpraktisch. Und der Angegriffene pariert diese Vorwürfe mit dem lapidaren Hinweis: »Was aus Vernunftgründen für die Theorie gilt, das gilt auch für die Praxis«.

Kant setzt dabei zu einem doppelten Gegenangriff an: Der fälschliche Eindruck, eine bestimmte Theorie tauge nicht für die Praxis, entstehe entweder dann, wenn der Leser bzw. Anwender schlicht nicht über die zur Anwendung der Theorie nötige Urteilskraft verfüge (mit anderen Worten: wenn er zu dämlich ist). Oder aber die betreffende Theorie sei noch nicht differenziert und entwickelt genug, um vernünftig angewendet werden zu können (weil sie eben nicht von Kant selbst stammt). Die Geltung der richtigen Theorie hingegen sei von diesen Mängeln nicht betroffen, und wenn diese Theorie nun einmal vernünftig ist, dann gilt sie automatisch auch für die Praxis. Daraus folgt nach Kant: »Es kann also niemand sich für praktisch bewandert in einer Wissenschaft ausgeben und doch die Theorie verachten, ohne sich bloß zu geben, daß er in seinem Fache ein Ignorant sei (…). Indes ist doch noch eher zu dulden, daß ein Unwissender die Theorie bei seiner vermeintlichen Praxis für unnötig und entbehrlich ausgebe, als daß ein Klügling sie und ihren Wert für die Schule (um etwa nur den Kopf zu üben) einräumt, dabei aber zugleich behauptet: daß es in der Praxis ganz anders laute«.

Kritik der praktischen Theorieintoleranz

Zunächst beruft sich Kant hier auf eine eher geläufige These, die auch in dieser Themenrunde bereits verschiedentlich ventiliert wurde: Wir können gar nicht ohne Theorie praktisch agieren. Wer das Gegenteil glaubt, wie etwa all die selbsternannten »Macher« in Politik und Wirtschaft, handelt intellektuell kopflos. Auch alte resignierte Reaktionäre machen sich, ähnlich übrigens wie viele junge »progressive« Studierende, gern lustig über die »Gehirnwichserei« im Elfenbeinturm, wo lebensferne Theorien entwickelt werden, die der Praxis nicht gewachsen sind. Aber Kant geht hier noch einen wichtigen Schritt weiter. Es geht ihm nicht nur um das, was man eine Kritik der »praktischen Intoleranz gegenüber der Theorie« nennen kann. Schlimmer noch dünkt ihm ein letztlich praxisferner Gestus innerhalb der Akademien, demzufolge es sich genau umgekehrt verhält: Die (nicht-ideale) Praxis ist der (idealen) Theorie nicht gewachsen. Oder anders: Was für eine Unverschämtheit, dass die Praxis nicht zu meiner schönen Theorie passt!

Kritik der theoretischen Praxisintoleranz

Was Kant hier vor Augen hat, sind akademische »Klüglinge«, die ihre Theoriearbeit als l’art pour l’art betreiben und sich um die praktischen Probleme als solche gar nicht ernsthaft scheren. Hier schlägt die praktische Intoleranz gegenüber der Theorie in eine »theoretische Intoleranz gegenüber der Praxis« um: Diese Klüglinge ziehen sich in ihre »Schule« zurück, um »den Kopf zu üben«, und sich abseits der wirklichen Welt der eigenen Theoriebestände zu vergewissern. Dies entbindet sie von der Last, sich bei der praktischen Anwendung ihrer Theorien die Hände schmutzig zu machen. Frustrierte Ethiker*innen des guten Lebens, ungesellige Moralphilosoph*innen, politische Theoretiker*innen, die im Herzen völlig unpolitisch sind – sie alle dürfen sich kess mit der berühmten Frage Max Schelers herausreden: »Geht denn der Wegweiser den Weg, den erweist?« Oder sie greifen zu dem philosophischen Trick, darauf zu bestehen, dass die Theorie ja selbst schon eine Form der Praxis ist. Das ist zwar prinzipiell richtig, dient in diesem Fall aber lediglich als Ausflucht. Man kann sich dann ganz ins Theoretisieren einigeln und sich dabei zugleich einbilden, etwas Wichtiges zu tun. Daher ist der Zweifel berechtigt (und so lag der vorwitzige Student dann doch nicht völlig falsch), ob jemand, der glaubt, eine gute Theorie zu haben, die in seinem eigenen Leben dann aber keine praktische Umsetzung erfährt, am Ende tatsächlich eine gute Theorie hat.

Foto: A. Savin, www.der-postillon.comCC BY-SA 3.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

3 Kommentare

  1. Friedrich Burda · Januar 17

    Der Zugang zu diesem wunderbaren Wort-Blitz Max Schelers: Geht denn der Wegweiser den Weg, den er weist?, war für mich Anlass genug zu diesem Schreiben, schon alleine um Ihnen meinen Dank dafür auszusprechen. – Dieser Dank geht sogar so weit, dass ich mich exponiere und versuche als philosophischer Laie hier eine weitere, heute weit verbreitete, m.E. bemerkenswerte akademische Eigenart Ihren kritischen Einsichten anzufügen. Nehmen Sie bitte meine Absicht für die Tat, wenn ich scheitere. Die gewählten Begriffe entsprechen jedenfalls, wenn überhaupt, nur zufällig philosophischer Terminologie.

    Kritik an der praktischen Interdisziplinarretei
    Kant hat auch zu meiner folgenden Kritik Anstoß gegeben, indem er gemeint hat, dass man nicht beweisen könne, dass etwas nicht existiere (ich hoffe, ich habe halbwegs richtig aus dem Gedächtnis zitiert). Daher ist es noch heute in wissenschaftlichen Kreisen ein weit verbreitetes Phänomen daran zu glauben, dass es absolute Wahrheiten nicht gäbe, und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen, z.B. sehr beliebt ist: Weil man eben absolute Wahrheiten wissenschaftlich (derzeit) nicht nachweisen kann. – Das ist eine sehr interessante z.B. wissenschaftstheoretische Behauptung, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen werde, die aber gleichzeitig mit Grundlage der hier geschilderten Misere ist. Denn ich möchte meine Kritik dazu nutzen, um besonders auf die Bedeutung des „Raumes und Ortes“ für die Gültigkeit von manchen Aussagen hinzuweisen: Denn was im wissenschaftlichen Rahmen zunächst durchaus einsichtig erscheint, Stichwort: wissenschaftliche Skepsis, wird jedoch in weiterer Folge von vielen Ausgebildeten/Akademikern über die Universitäten hinaus mitgenommen ins (Berufs-)Leben – also auch mit an anderen Orten, mit in andere Räume, Bereiche! – und dann zwar individuell, aber doch oft ähnlich praktiziert, nämlich nach meiner Erfahrung i.d.R. so: Wenn wir Werte/Wahrheiten schon nicht beweisen können, also eigentlich alles gilt/nichts gilt, d.h. alles letztlich keinen Sinn hat (wissenschaftlich), dann argumentiere/handle ich zumindest so, dass es zu meinem Vorteil ist! – Dass das im heutigen Mainstream meist eine stillschweigende Direktive bleibt, versteht sich wohl von selbst, aber „an ihren Taten werdet ihr sie erkennen!“ – Damit wird die für den Bereich Forschung und Wissenschaft wohlbegründete und auch allgemein geschätzte und angesehene Skepsis also wahllos auf andere, nicht-wissenschaftliche, z.B. gesellschaftliche Bereiche reflektiert und dient so, so meine Kritik, als Vorwand für einen individuell ausgelebten Egoismus, nicht nur gegenüber sich und anderen sondern auch gegenüber der Mitwelt! – Jeder Fach-Wissenschaftler würde sich die Übernahme von Theorien, Thesen, Behauptungen aus anderen Fach-Wissenschaften für sein Fach verbitten, ist doch schon allein die Terminologie eine ganz andere; der außeruniversitäre Bereich hingegen muss offensichtlich diese meist eigennützigen und wahllosen Simplifizierungen ertragen, ähnlich, als ob es ganz selbstverständlich wäre, dass ein Elektrotechniker zunächst mit seinem Bohrer an seinen elektrischen/elektronischen Geräten herum bohrte und dann in der Folge an den Zähnen anderer Menschen.
    Trost könnten Gegner von solchen „deplatzierten“ wissenschaftlichen Argumentationen in der Praxis möglicherweise auch in dem allgemein bekannten Sachverhalt finden: Dadurch dass Akademiker oder gut Ausgebildete relativ viel Energie in ihre Ausbildung und dann in ihren Beruf stecken (Stichworte: „Überforderung“, „Beschleunigung“, „Konkurrenz“), bleibt für das Kinder-Kriegen kaum Energie über, die Maximal-Ein-Kind-Fortpflanzung wird zusätzlich mit relativ hohem Wohlstand belohnt, aber „von der Biologie“ durchs Aussterben bestraft. Daraus folgt: Wenn der (westliche) Staat seine Bürger also so wie bisher ausbildet, dann ist das ein gutes Mittel zu deren Ausrottung. – Womit sich obige Empörung und Kritik mit etwas Geduld und Optimismus hoffentlich von selbst erübrigte – zumindest in Hinblick auf die gut Ausgebildeten. –
    Für alle übrigen Egomanen, die möglicherweise auf weniger komplexe Begründungen zurückgreifen, wird man wahrscheinlich handfestere Argumente als es philosophische Kritiken sein können brauchen, um soziale Verhaltenskorrekturen zu initiieren, wie das die Historie schon so oft gelehrt hat. Hier gilt wohl und das sagte übrigens mein Mathematikprofessor dann auch immer: „Ich wiederhole für die Zurückgebliebenen“.

    • Arnd Pollmann · Januar 17

      Ihre These, dass bei der verantwortlichen Äußerung von Meinungen und Behauptungen „Raum und Ort“ des Vortrags zu berücksichtigen wären, finde ich, in der Tat vollkommen richtig, ja, „wegweisend“ (um im obigen Bild zu bleiben). Ihre Diagnose eines akademisch grassierenden Relativismus in Wahrheits- und Wertfragen treibt mich ebenfalls um. Die Befürchtung, dass am Ende nur Egoismus bleibt (nach dem Motto: „Gerecht ist, was mir nützt“), ist zudem ungeheuer provokant. Ich würde aber noch etwas ergänzen wollen: Der besagte Relativismus, d.h. die (theoretische) Unfähigkeit, (praktische) Orientierung zu geben, lässt nicht nur das moralische Miteinander erodieren, er macht zudem auch jeweils sehr unglücklich, weil er eine gewisse „Sinnlosigkeit“ hinterlässt, oder? Ich denke, man muss auch diese latente (kollektive) Depression berücksichtigen, wenn man zu analysieren versucht, warum derzeit so viele Menschen so ungeheuer wütend sind.

      • Friedrich Burda · Januar 17

        Als Betriebswirt, der auf „Slippery Slopes“ über die Schweizer FS-Sendung „Sternstunde-Philosophie“ aufmerksam wurde, fand ich mein Ego-Beispiel weniger provokant, als es zugegebenermaßen manch Geisteswissenschaftler finden mag. Meine Kritik an den Wissenschaften und Religionen ist – trotz oft harscher Pointierung – gleichzeitig Ausdruck von Wertschätzung, Respekt und Dank. Beides sind für mich große Erzählungen der Transzendenz. –
        Der von Ihnen angesprochene Relativismus mag kopflastige Zeitgenossen, wie z.B. viele (westeuropäische) Christen es sind, irritieren, und auch partiell zu einer moralischen Erodierungen führen. Aber nicht nur Wissenschaften, auch Literaten zeigen uns oft treffende, und weil sie so treffend sind, oft schmerzhafte Begrenzungen auf, wie auch Brecht: Erst kommt das Fressen und dann die Moral. – d.h. für mich: Moral, das sind vor allem die schönen Geschichten nachher, die jene mit den vollen Bäuchen sich gegenseitig erzählen zu ihrer „Ergötzung“ (Ebenbild Gottes, Abgrenzung des Menschen vom Tier)! Brot und Spiele, das scheint den meisten wie schon zu römischen Zeiten „Sinn“ genug. Für andere wider scheint es typisch zu sein, immer dann nach dem Sinn des Lebens zu fragen, wenn es ihnen „schlecht“ geht; geht es ihnen „gut“, fragt kein Mensch danach! (außer die, die von Berufs wegen …) Insofern wird tatsächlich versucht „Unglücklich-Sein“ oft mit Sinn-Leere zu rationalisieren. – Grund für eine allgemeine latente (kollektive) Depression – außer vielleicht in moralischen Kreisen – erkenne ich folglich nicht. –
        Allerdings verspüre ich tatsächlich Einwirkungen und Verwerfungen, die man als (weltweite) Depressionen interpretieren könnte und die mit wirtschaftlichen Umständen („Brot“) allein nicht hinreichend zu beschreiben sind. Von den vielen möglichen nicht ökonomischen Erklärungen hier zwei: Ein abstrakter Grund dafür könnte das „elektronische Informationszeitalter“ sein, das ein enges globales Netz zwischen den aber auch über die Menschen legt, das m.E. die traditionellen Beziehungen und Bindungen schwächt und damit tradiertes Vertrauen zerstört. Einen anderen abstrakter Grund könnte durch ein (wertendes) Zitat des science-fiction-Literaten Isaac Asimov angedeutet worden sein: The saddest aspect of life right now is that science gathers knowledge faster than society gathers wisdom. – Gerade die Beobachtung der Entwicklungen auf Grund dieses letztgenannten Spannungsfeldes könnte möglicherweise schon in naher Zukunft für Unbeteiligte, wie Astronauten im Weltall, sehr spannend werden.