Theoriefeindlichkeit | Pheorie und Traxis

Das Theoretisieren ist eine der bemerkenswerten Praktiken des Menschen. Es exemplifiziert nämlich ein Tun, zu dem nur das menschliche Tier im vollen Sinne fähig ist. Das ist jenes Tun, das wir »Denken« nennen. Denken ist notwendig, um handeln zu können. Denn Handeln ist eine menschliche Aktivität, die verkörpertes Beabsichtigen ist. Beabsichtigen ist kein Wollen, das dranghafte Begierde ist, sondern ein Wollen, das die Form praktischen Schließens hat. Der Vollzug einer Handlung ist die Konklusion eines praktischen Schlusses. Der praktische Schluss ist eine Manifestation des Denkens. Ohne Denken könnte es also kein Beabsichtigen geben. Ohne Beabsichtigen könnte es kein Handeln als dessen Verkörperung geben. Und ohne Handeln gäbe es weder einzelne Praktiken noch die Praxis in toto. Als Freund des Praktischen kann man daher nur schwerlich ein Feind des Denkens sein. Trifft das aber auch auf jene Praktik des Denkens zu, die wir »Theoretisieren« nennen?

Theoretisieren

Fassen wir »Theoretisieren« in seiner allgemeinsten Bedeutung, so kann ein Freund des Praktischen auch kein Feind des Theoretisierens sein. Denn in seiner allgemeinsten Bedeutung meint »Theoretisieren« jene menschliche Praktik des Denkens, die das So-sein-Lassen der innerweltlichen Dinge und Geschehnisse ist und die sich im Beobachten, Beschreiben, Deuten, Erklären und Vorhersagen manifestiert. Derlei müssen wir praktisch ohne Unterlass tun, um als in der Welt seiende Lebewesen überhaupt etwas hinsichtlich dieses oder jenes Dings oder Geschehnisses beabsichtigen zu können. Spricht man von »Theoriefeindlichkeit«, so macht es daher wenig Sinn, sich auf »Theorie« in dieser allgemeinste Bedeutung zu beziehen. Denn dann wäre man nicht nur der Theorie feindlich gesonnen, sondern müsste auch der Vorstellung ablehnend gegenüber stehen, dass der Mensch überhaupt Akteur sein kann. Deshalb ist mit »Theoriefeindlichkeit« zumeist auch etwas anderes gemeint.

Körperschwerpunkt

Meistens meint man mit »Theoriefeindlichkeit« die mehr oder minder plakativ vor sich her getragene Überzeugung, dass man keine empirischen Theorien benötigt, um das erfolgreich zu vollziehen, was man bereits empraktisch beherrscht. Und diese Überzeugung ist oftmals richtig! So braucht es z.B. keine naturwissenschaftlichen Theorien darüber, was in und mit dem Körper eines Menschen vonstatten geht, der erfolgreich Fahrrad fährt, um als menschlicher Akteur erfolgreich Fahrrad fahren zu können. Und es bedarf auch keiner Kenntnis von Literaturtheorien, um Freude und Vergnügen an der Lektüre guter Literatur zu empfinden oder gar solche zu verfassen. Aber dies ist freilich nur die halbe Wahrheit. Bleibt es lediglich dabei, so wird der Umstand unterschlagen, dass empirische Theorien auch diejenigen unserer Praktiken verändern können, die selbst nicht die Praktik des Theoretisierens sind. Wir benötigen zwar keine empirische Theorie des Fahrradfahrens, um Fahrrad fahren zu können. Aber die Kenntnis einer empirischen Theorie der Strömungsmechanik wird unser Fahrverhalten vernünftigerweise beeinflussen, wenn es uns darum geht, besonders schnell zu fahren. Ebenso müssen wir zwar keine Literaturtheorien kennen, um die Lektüre guter Literatur genießen zu können. Kennen wir jedoch solche Theorien, so wird unsere Lektüre eines Textes reichhaltiger und spannender sein, da wir hinsichtlich seiner formalen Eigenheiten und seiner literaturhistorischen Anknüpfungspunkte allerlei Überlegungen anstellen können. Empirische Theorien verändern also auch unsere Praktiken und die in ihnen eingelassenen Erfahrungen. Daher wäre eine prinzipielle Feindlichkeit gegenüber empirischen Theorien zugleich eine Feindlichkeit gegenüber der Veränderung und somit der möglichen (wenn auch nicht garantierten) Verbesserung unserer Praktiken.

Philosophieren

Ist man der Philosophie prinzipiell feindlich gesonnen, so ist man womöglich ignorant, aber nicht unbedingt theoriefeindlich. Denn, wie schon der späte Wittgenstein anmerkte, muss aus der Philosophie alle Erklärung fort, und das Aufstellen von Theorien sollte unterlassen werden. Das mag zunächst überraschen. Versteht man unter »Theorie« jedoch empirische Theorien, so wird verständlicher, weshalb Theorien in einer gediegenen Philosophie nichts zu suchen haben. Denn die Aufgabe der Philosophie ist es nicht, irgendwelche erfahrbaren innerweltlichen Dinge und Geschehnisse als So-sein-Gelassenes zu beobachten, zu beschreiben, zu deuten, zu erklären oder vorherzusagen. Gediegene Philosophie ist vielmehr insofern stets Metaphysik, als sie uns — mit Hegel gesprochen — unsere Begriffe an und für sich näherbringen soll. Sie soll uns über die von uns empraktisch schon beherrschten Begriffe (»für sich«) aufklären, indem sie sie in der Reflexion zum thematischen Gegenstand macht und so zu den entsprechenden expliziten Begriffen (»an sich«) gelangt. Philosophie soll also nicht nur Denken mit Begriffen sein, sondern vor allem Denken über Begriffe. Das unterscheidet sie von empirischen Wissenschaften, die in ihren Theorien mit den Begriffen denken und mit ihren Forschungsergebnissen an den Begriffen arbeiten. Nicht nur deshalb sind bestimmte Vorstellungen des Theoretisierens tatsächlich die größten Feinde der Philosophie.

Philosophiefeindliches Theoretisieren

Eine dieser Vorstellungen ist gewiss die in der sogenannten Neurophilosophie verbreitete Ansicht, man könne philosophische Fragen mit Hilfe empirischer Theorien über das menschliche Gehirn beantworten. Eine andere dieser Vorstellungen ist aber auch die bei manchen politischen Philosophen beliebte Ansicht, man müsse sogenannte Nicht-ideale Theorien aufstellen, um besonders wirklichkeitsnah zu sein. Beide Vorstellungen des Theoretisierens sind Beispiele der Philosophiefeindlichkeit. Denn sie klären uns nicht über Begriffe an und für sich auf, sondern repetieren nur ausdrücklich und in extenso die unreflektierten Manifestationen von Begriffen für sich. Preist man solche Theorien als pragmatistische Überwindung der Metaphysik, so hat man längst zu philosophieren aufgehört — sofern man damit überhaupt je begonnen hatte.

Bild: http://spolex.de/

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

0 Kommentare