Theoriefeindlichkeit | Kampf der Pseudotheorie

Menschen können vor allem Möglichen Angst haben: vor Schlangen und Plätzen, vor anderen Menschen oder Bakterien, vor dem Tod und sogar vor sich selbst. Vor Theorie hingegen – so scheint es – kann man keine Angst haben; höchstens vor der theoretischen Führerscheinprüfung. Aber dann hat man ja Angst vor der Prüfung und nicht vor der Theorie.

psycho

Weit gefehlt! Denn tatsächlich gibt es sie: die Theorieangst. Sie ist sogar allgegenwärtig. Und sie ist gefährlich. Sehr viele Menschen haben Angst vor Theorie, weil sie ihnen unheimlich erscheint. Es geht nicht darum, dass jemand einfach keine Lust hat, dicke und schwer verständliche Bücher zu lesen. Es geht auch nicht darum, dass jemand lieber etwas tun will, statt immer nur nachzudenken. Ebenfalls geht es nicht darum, dass viele Menschen die Relevanz der Theorie für die Praxis gar nicht erst einsehen. Vielmehr ist es so, dass sehr viele Menschen große Angst davor haben, eben diese Relevanz der Theorie für die Praxis einzugestehen. – Warum ist das so?

Theorie als schlechte Nachricht

Theorie ist das Bestreben, die Wirklichkeit oder zumindest einen Ausschnitt davon systematisch in ihrem Zusammenhang zu erfassen. Damit geht der Anspruch auf Vernünftigkeit und Allgemeinverbindlichkeit einher. Gute Theorien sind in der Lage, alltägliche Widersprüche, Halbwahrheiten, unbegründete Überzeugungen und bloße Wunschvorstellungen als solche aufzudecken und zu diskreditieren. Genau das ist auch der Grund, warum sie Angst machen. Sie machen das Leben oft ziemlich unbequem, denn sie zerstören liebgewonnene Gewissheiten. Theorie nötigt es den Menschen beispielsweise ab, ihre Wünsche oder Überzeugungen aufzugeben, wenn diese in einem Widerspruch zu Fakten stehen. Das kann schon mal extrem nervig werden. Also leugnet man lieber die Fakten. Denken wir nur an die vielen Leugner des offensichtlich stattfindenden und ebenso offensichtlich von Menschen beförderten Klimawandels. Oder denken wir an die Leugner eines wieder aufziehenden Nationalismus. Insgesamt scheint es wie folgt zu sein: Je unsicherer und je gefährlicher die Zeiten erscheinen, desto unliebsamer und furchteinflößender wird auch die Theorie, die genau das erfassen will. Theorieangst ist Angst vor schlechten Nachrichten.

Theorie für Angsthasen

Wir leben in Zeiten großer Theorieangst. Denn es gibt viele schlechte Nachrichten. Ein besonders gefährliches Scheinmittel, um mit der Theorieangst umzugehen, ist die Pseudotheorie. Pseudotheorie kommt im Gewande der Theorie daher. Das gilt nicht nur für lustige Verschwörungstheorien, z.B. für die Überzeugung, dass die Dinosaurier beim Bau der Pyramiden geholfen haben oder dass Yoga eine Form von Teufelsanbetung darstellt. Das gilt beispielsweise auch für dunkelrauschende Theorien eines vom Untergang bedrohten Westen á la Niall Ferguson oder Thilo Sarrazin. Auch solche Pseudotheorien finden in Büchern statt, und auch sie scheinen die Welt und das, was sie im Innersten zusammenhält, zu erklären. In Wahrheit aber macht Pseudotheorie etwas anderes: Sie beruhigt nur und verschiebt die Probleme auf übermorgen – so wie Alkohol und TV-Serien auch. Denn Pseudotheorie liefert genau diejenigen bequemen Scheinerklärungen, die Angsthasen hören wollen. Sie ist in Wahrheit keine Theorie, weil sie sich nicht kritisch selbst überprüft; weil sie unliebsame Zusammenhänge bewusst ausblendet; weil sie über keine rationale Methodik verfügt und weil sie von vornherein ausschließt, dass auch das Gegenteil von dem, was diese Angsthasen hören wollen, wahr sein könnte. Pseudotheorie ist Ideologie. Sie ist auf dem Vormarsch und scheint kaum noch aufhaltbar zu sein.

Sapere aude

Die Verteidiger der Aufklärung müssen sich gegen Pseudotheorie wehren und die Theorie in ihrer rationalen Dignität bewahren. Die Spezialisten für gute Theorie – man verzeihe mir das – sind Philosoph*innen. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Stimme in der Öffentlichkeit wieder gehört wird. Dafür müssen sie auch den Menschen die Angst vor der Theorie nehmen. Doch wie soll das gelingen, wenn diese Menschen ihren Mut verloren haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen? Offensichtlich bedarf es einer erneuten Revolution der unaufgeklärten Denkungsart. Philosoph*innen müssen den Menschen den Mut machen, sich selbst zu kritisieren, sich selbst grundsätzlich in Frage zu stellen und das wieder als Stärke und nicht als Schwäche zu sehen.

Bild: Psycho (USA 1960, Regie: Alfred Hitchcock)

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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