Terrorkrieg | Wenn das K-Wort in die Irre führt

Kalaschnikow-Sturmgewehre und Handgranaten sind Kriegsgerät. Terroristen haben es in Paris gegen Rockhörer, gegen Restaurant-, Café- und Barbesucher eingesetzt. Sie wollten Sprengwesten in einem vollbesetzten Fußballstadion zünden. Sie wollten möglichst viele Menschen umbringen, mindestens 130 waren es am Ende. »Überall war Blut, überall waren Leichen«, sagte ein Überlebender des Anschlags auf das Bataclan. Die Polizei spürte den mutmaßlichen Planer in einem Pariser Vorort auf, sie gab etwa 5.000 Schüsse ab, dann war der Verdächtige tot, getroffen von mehreren Kugeln und Granatsplittern.

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Wie soll man das nennen? Es sieht aus wie Krieg, fühlt sich an wie Krieg – also? Ist es Krieg, schlussfolgerte Präsident Hollande. Eine »neue Art von Krieg«, präzisierte Präsident Gauck. Ein »dritter Weltkrieg«, befand unüberbietbar Papst Franziskus. Das ist, bei allem Respekt vor den Opfern und aller gebotenen Furcht vor dem IS, vielleicht doch etwas hoch gegriffen. Dritter Weltkrieg? Der erste kostete etwa 17 Millionen Menschen das Leben, der zweite – je nach Zählweise – zwischen 50 und 80 Millionen. Und heute? In welchem Bunker sitzt Franziskus? Ist Paris entvölkert, Berlin zerbombt, Washington verwaist? Sind uns die Schutzwesten ausgegangen? Geht keiner mehr einkaufen?

Mörderischer Mehrwert

Wenn wir die »Welt« mal weglassen, dürfen wir dann wenigstens von »Krieg« reden? Gewiss, das Wort ist schon wahlloser verwandt worden: für das Dauergezänk zwischen Diven (»Zickenkrieg«), für Vandalismus und Schlägereien an Schulen (»Krieg im Klassenzimmer«), für den Versuch Philadelphias, den Titel »Fetteste Stadt in Amerika« loszuwerden (»Krieg gegen das Fett«). Der Kriegsbegriff ist so unscharf, dass das Völkerrecht ihn vermeidet, es spricht nur von »bewaffneten Konflikten«, die international oder national sein können. Warum also sollen nicht auch Politiker jetzt von Krieg reden dürfen – statt bloß von Verbrechen und Strafverfolgung? Darum nicht: Staaten, die selbst glauben oder andere glauben machen, einen Krieg führen zu müssen, neigen zu unverhältnismäßigen Maßnahmen. Außerdem tun sie damit den Terroristen einen Gefallen. Diese wollen den Rechtsstaat durch ihre wahllos wirkende Gewalt zur Selbstaufgabe zwingen. Er soll die Maske der Regelbindung ablegen und sich als Kriegspartei bekennen. So sähen sich auch die Verbrecher in ihrem bellizistischen Selbstbild bestätigt. Dieses Bild spielt in ihrem Kalkül eine rechtfertigende Rolle. Wer sich im Krieg befindet, darf töten, weil ja auch die anderen es tun. Er kann sich auf eine Art Kollektivnotwehr berufen. Darin vor allem liegt der politische Mehrwert des Kriegsbegriffs.

Verbale Abrüstung

Natürlich ist es Irrsinn zu meinen, Besucher eines Rockkonzerts seien Kombattanten. Natürlich ist die gänzliche Entgrenzung der Feindwahrnehmung durch die Dschihadisten wahnhaft. Aber diese glauben eben, keinen gewöhnlichen Krieg zu führen, sondern einen Krieg um die gottgewollte Lebensweise der Menschheit. In diesem Krieg seien wir alle Partei, einfach weil wir leben, wie wir leben: laut, lasziv, lustbetont. Wir sollten sie in diesem Wahn nicht noch bestätigen. Rüsten wir verbal ab: Nennen wir gemeine Verbrecher gemein und monströse Taten monströs. Aber lassen wir das K-Wort weg, solange es sinnvoll geht. Sicher, es geht nicht immer und überall: In Syrien und im Irak, wo der IS über Armeen gebietet und größere Gebiete unter seine Gewalt gebracht hat, ist er tatsächlich nur mehr militärisch zu stoppen. Aber sowenig der IS eine gewöhnliche Terrororganisation ist, sowenig ist er eine gewöhnliche Kriegspartei. Er ist irreduzibel beides, und seine militärischen Rückschläge haben seine terroristische Mordbereitschaft noch stets gesteigert. Das spricht nicht zwingend gegen den Versuch, ihm das Territorium und die Armeen wegzunehmen, und schon gar nicht dagegen, den Ölschmuggel zu unterbinden, durch den er sich finanziert. Ja, es stimmt, der militante Islamismus ist heute das, was Faschismus und Nationalsozialismus im frühen 20. Jahrhundert waren: eine Geißel der Menschheit, die wohl nur die Sprache der Gewalt versteht.

Möchtegern-Krieger

Bei uns aber, in Paris, London oder Berlin, steht und fällt die Stärke des IS mit seiner Anziehungskraft auf Menschen, die sich entfremdet vorkommen. Viele von ihnen ergehen sich in Grandiositätsphantasien eines neuen Weltbürgerkriegs, mit sich als selbstlosen Kriegern. Das verkürzt zwar die Lebenserwartung erheblich, fühlt sich aber, bis zum bitteren Ende, besser an als das Schattendasein eines Schulversagers und Kleinkriminellen. Der Staat sollte solche Phantasien nicht noch nähren, indem er die Kriegsrhetorik übernimmt und sich als Rechtsstaat vergisst. Bei uns stehen keine Armeen, bei uns verbergen sich Verbrecher. Das ist beunruhigend, aber kein Grund, erst verbal und dann auch nonverbal die Nerven zu verlieren.

Foto: Mikael Colville-Andersen, www.flickr.com, CC BY 2.0

Zur Person Bernd Ladwig

Bernd Ladwig würde gerne die Sau rauslassen, weil Menschen nicht die einzigen Tiere sind, die Rechte haben. Er lehrt politische Theorie und Philosophie am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.

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