Terrorkrieg | Siegreiches Erbarmen

In Paris habe ich meine allererste Packung Gitanes Maïs gekauft. Die erste dieser Teerpappen rauchte ich in irgendeinem Bistro am Boulevard Haussmann. Und während ich mit zunehmendem Schwindelgefühl versuchte, nicht vom roten Lederpolster der Sitzbank zu rutschen, fühlte ich mich so frei und froh, dass ich ganz Paris hätte umarmen können. Das war vor etwas mehr als 25 Jahren. Und das verbindet irgendwie.

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Es gibt wenige Ereignisse, bei denen ich feuchte Augen bekomme. Denn obgleich ich selbstverständlich den Anspruch erhebe, höchstsensibel zu sein, bin ich im Allgemeinen nicht sehr nah am Wasser gebaut. Dennoch trieb es mir eben dieses in die Augen, als ich am 11. September 2001 sah, wie sich Menschen in den Tod stürzten, um nicht elendig zu verbrennen. Als ich am 13. November 2015 die Bilder aus Paris sah, waren meine Augen erneut wässrig. Ich war völlig geschockt, ob all der Toten und Verletzten, die etwa aus dem Bataclan geborgen wurden. Ich spürte aber auch eine unbändige Wut, als ich von dem unsäglichen ISIS-Geschwafel über Soldaten des Kalifats hörte, die in einer gesegneten Schlacht »die Hauptstadt der Prostitution und des Lasters« angegriffen hätten. Vielleicht war es ja eine ähnliche Wut, die François Hollande dazu veranlasste, »Erbarmungslosigkeit« einzufordern und zu proklamieren: »Frankreich ist im Krieg«. Mir wäre dies nur allzu verständlich. Aber kann man den Terror tatsächlich mit den Mitteln des Krieges besiegen?

Symptombekämpfung

Man kann mit polizeilichen und auch geheimdienstlichen Mitteln die Hintermänner der Pariser Anschläge verfolgen. Man kann mit ebensolchen Mitteln auch möglichst viele der in Europa vermutlich noch geplanten Anschläge zu verhindern suchen. Und all dies muss man zweifelsohne tun. Aber das sind keine militärischen Operationen. Das ist kein Krieg. Das ist die Arbeit staatlicher Sicherheitsbehörden. Und es lässt sich darüber streiten, ob es dazu wirklich einer dreimonatigen Verlängerung des Ausnahmezustands und einer Verfassungsänderung bedarf. Indes ist es zweifelsohne eine militärische Operation, wenn man Kommandoposten und Trainingslager von ISIS bombardiert. Und da ich ebenso wenig Pazifist wie Bellizist bin, scheint mir das als Ultima Ratio auch nicht prinzipiell verkehrt zu sein. Allerdings käme dies im allergünstigsten Fall wohl eher jenen Menschen zugute, die in den von ISIS beherrschten Regionen leben. Den Terror in Europa kann man unmöglich durch Bombardements in Syrien besiegen. Und auch mit polizeilichen und geheimdienstlichen Mitteln wird man bestenfalls Attentäter festnehmen und zukünftige Anschläge verhindern können. Das wäre gewiss nicht wenig, aber ein Sieg über den Terror wäre es nicht. Denn es wäre nur ein Herumdoktorn an den Symptomen, ohne die tieferen Ursachen der terroristischen Krankheit zu beheben.

Selbsterkenntnis

Wie ich bereits vor einiger Zeit in diesem Magazin andeutete, könnte die mangelnde Bereitschaft, sich mit den tieferen Ursachen des Terrors auseinanderzusetzen, ihren Grund darin haben, dass wir im Zuge dessen auf die Versäumnisse unserer westlichen Gesellschaft zu sprechen kommen müssten. Anstatt lediglich gebetsmühlenartig die Botschaft zu wiederholen, dass wir uns unsere liberale Lebensweise nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Islamisten kaputt machen lassen, müssten wir uns dann viel stärker gewahr werden, dass die meisten der jungen Männer, die solch schreckliche Anschläge verüben, keineswegs von irgendwo dahergelaufen kommen. In der Mehrzahl sind sie nämlich Kinder unserer westlichen Gesellschaft. Sie sind die ungeliebten Stiefkinder, die keiner haben wollte.

Ursachenbekämpfung

Einen Sieg über den Terror können wir nur dann erringen, wenn wir jungen Männern und Frauen nicht die Möglichkeit nehmen, in unserer Gesellschaft eine Zukunft zu haben, die ihnen erstrebenswerter erscheint als ein paar Wehrsportübungen in einem dschihadistischen Terrorcamp. Einen Sieg können wir nur dann erringen, wenn wir ihnen ein Leben ermöglichen, das ihnen mehr wert ist, als ein amokläuferischer Tod im Namen irgendeines pseudoreligiösen Ismus. Einen Sieg können wir nur dann erringen, wenn diese jungen Männer und Frauen in unserer Gesellschaft Anerkennung und Respekt erfahren, anstatt permanent Anfeindungen, Angriffen und rassistischen Vorurteilen ausgesetzt zu sein. Einen Sieg können wir nur dann erringen, wenn wir ihre Familien nicht in vorstädtische Betonghettos verfrachten, wenn wir ihnen nicht die schlechteste aller Schulbildung zukommen zu lassen, wenn wir ihnen nicht die miesesten Jobs oder gleich die Dauerarbeitslosigkeit in Aussicht stellen, wenn wir sie nicht von vornherein unter den biologistisch oder sonstwie formulierten Generalverdacht stellen, Sozialschmarotzer und Kriminelle zu sein. All das liegt bei uns – und nicht an irgendwelchen Islamisten, Dschihadisten oder Salafisten. Solange wir aber nur über die Mittel der Symptombekämpung nachdenken, solange werden wir keine wirksame Medizin gegen die Krankheit des Terrors finden. Solange irgendein sich selbst zum Imam ernannter Hassprediger die einzige Quelle der Wertschätzung für diese jungen Männer ist, solange wird der Terror in Europa bleiben.

Foto: http://hailhailboogie.blog.so-net.ne.jp

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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