Terrorkrieg | Riskante Wortgefechte

Kurz nach den jüngsten Terroranschlägen auf die einstige Stadt der Liebe bekundete Francois Hollande: »Frankreich ist im Krieg«. In die gleiche Kerbe schlug, passend zum Volkstrauertag, Bundespräsident Joachim Gauck: »Wir leben in Zeiten, in denen wir Opfer einer neuen Art von Krieg beklagen«. Und Papst Franziskus, der es wissen muss, weil er ja als unfehlbar gilt, sprach gar vom »Dritten Weltkrieg«. Doch nicht jeder wollte ihm da folgen. Die agnostische taz titelte schlicht: »Kein Krieg«. Der Historiker Paul Nolte warnte vor der Verwechselung eines »metaphorischen« Kriegs mit dem »realen«. Und der Papst der Politologen, Herfried Münkler, der gefühlte zehn Bücher zum Thema geschrieben hat, schien ungewohnt zu schlingern: »Das Eigentliche an dieser terroristischen Herausforderung ist, dass sie sich genau zwischen Krieg und Frieden ansiedelt«. Hä? Was denn nun?

Die Logik des Entweder-oder

Die neue Begriffsstutzigkeit in Kriegsangelegenheiten irritiert, war doch lange Zeit die mit Münklers »Zwischen«-These unverträgliche Auffassung führend, dass Frieden überall dort herrscht, wo kein Krieg ist. Tertium non datur. Die Kriegserklärung beendet den Frieden, wohingegen der Friedensvertrag dem Krieg ein Ende setzt. Dieses Entweder-oder vertrat schon John Locke. Im Gegensatz zu Thomas Hobbes war er der Ansicht, dass im Naturzustand gerade kein permanenter »Krieg aller gegen alle« geherrscht habe, sondern ein unbeständiger Frieden mit Hang zu bloß sporadischen Kampfhandlungen: »Der Kriegszustand ist ein Zustand der Feindschaft und Vernichtung. Wer deshalb durch Wort oder Tat einen nicht in Leidenschaft und Übereilung gefassten, sondern in ruhiger Überlegung geplanten Anschlag auf das Leben eines anderen kundgibt, versetzt sich dem gegenüber, gegen den er eine solche Absicht erklärt hat, in den Kriegszustand«.

Aus Lockes Kriegsdefinition, die auf Paris und all die anderen Orte des Terrors zu passen scheint, würde zweierlei folgen: Man sollte sich mit Blick auf den IS-Terror nicht auf das Völkerrecht zurückziehen, das den Kriegsbegriff für Konflikte zwischen Staaten reserviert, sodass der IS-Terror schon deshalb kein Krieg sein kann, weil der IS – trotz seines lächerlich prätentiösen Namens – (noch) kein Staat ist. Abgesehen davon, dass so auch der Begriff »Bürgerkrieg« hinfällig wäre, reicht es, so Locke, dass nur eine Person eine andere erklärtermaßen tot sehen will. Wichtiger aber ist, zweitens, dass Krieg nach Locke bereits dann herrscht, wenn eine der beiden Parteien eine Anschlagsabsicht »kundtut« und eben damit den Krieg erklärt. Weder müsste der Anschlag (wie in Paris) stattgefunden haben, noch müsste die zweite Partei ebenfalls der Auffassung sein, dass man sich im Krieg befindet. Wenn folglich der IS den Krieg erklärt hätte – und das hat er ja wohl – , dann wäre Krieg, selbst wenn die taz das anders sähe. Ist das plausibel?

Auf der Suche nach einer Interimslösung

Es ergäbe sich daraus eine wahnwitzige Konsequenz: Fortan würde Krieg überall dort herrschen, wo jemand eine große Klappe hat und Kriegsgeschrei auch nur von sich gibt – so wie dieser Tage das Hackernetzwerk Anonymous dem IS per Videobotschaft den Krieg erklärt haben will. Der einzige Ausweg aus diesen Wortgefechten scheint daher tatsächlich die Preisgabe des besagten Dualismus zu sein und damit die Einsicht, dass es sehr wohl etwas zwischen Krieg und Frieden gibt; eine Einsicht, auf die einst auch die Rede vom »Kalten Krieg« abzielte. Nur wäre dann eben zwischen (a) erklärten Kriegsabsichten, die den Frieden vorerst beenden, (b) der handfesten, zunächst aber einseitigen Aufnahme von Kampfhandlungen und (c) dem tatsächlich wechselseitig aktiven Kampfgeschehen zu unterscheiden – und dann nur im letzteren Fall von Krieg zu sprechen. Und entscheidend wäre dann tatsächlich, ob die Gegenseite im Übergang zu Stufe c selbst auch der Ansicht ist, im Krieg zu sein bzw. aktiv in ihn einzutreten.

Kriegerische Performanz

Genau an diesem Punkt zeigt sich die Brisanz der derzeitigen Wortgefechte, offenbart sich der rationale Kern der terminologische Kriegshysterie: Aussagen vom Typ »Frankreich ist im Krieg« werden so zu performativen Akten. Der Krieg wird begonnen, indem die erste Kriegserklärung erwidert wird und die Nation zur Tat schreitet. Spätestens dann geht es nicht länger nur um begriffliche »Definitionen« in der Frage »Wann müssen wir von Krieg sprechen?« (und übrigens auch nicht um den Unterschied von Krieg und Terror), sondern um folgenreich erwiderte »Erklärungen« des Krieges. Plötzlich wird aus einem Streit um Worte ein handfester Krieg. Solange aber diese zweite Kriegserklärung noch nicht vorliegt, ist man tatsächlich »zwischen« Frieden und Krieg. Der bloß einseitig exekutierte Terror ist vor der besagten Erwiderung (noch) kein Krieg. Aber geht der Krieg erst einmal beidseitig los, hört der Terror deshalb nicht schon auf. Vielmehr gilt dann ein Satz von Peter Ustinov: »Der Terrorismus ist ein Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen«. Aber die politischen Motive von Terrorismus und Krieg stehen auf einem anderen Blatt.

Foto: Stephen Coles, www.flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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