Snobismus | The Good, the Bad and the Ugly

Als junger Mensch sollte der Filmkritiker Roger Ebert den im Titel genannten Western von Sergio Leone rezensieren. Er kam zu einem mittelmäßigen Urteil. Leider sei er damals der Auffassung gewesen, dass ein »Spaghettiwestern« keine »Kunst« sein könne, schrieb Ebert später selbstkritisch, so habe er ein Meisterwerk verkannt. Eine ähnliche Beschränktheit der Perspektive ist wiederum Thema des besagten Films: Seine Figuren sehen in vielen Momenten nur so weit wie der Bildausschnitt. Was immer die Kamera verbirgt, entgeht ihnen. So sind sie oft genauso überrascht wie wir, wenn jemand unvorhergesehen ins Bild tritt.

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Der junge Ebert war ein Snob. Er hat nicht weiter gesehen als die bornierte Kunstauffassung seiner Clique. Und natürlich blieb auch der alte Ebert einer. Jemand, der bei manchen Western die Augenbrauen hochzog, andere hochjubelte. Snobs haben Ansprüche – und genau, das wirft man ihnen vor. Wo geurteilt wird, da herrschen Maßstäbe. Wo Maßstäbe herrschen, da wird verurteilt. Gerade die Philosophie in ihrem Anspruch, die Welt vor den »Richterstuhl der Vernunft« (Immanuel Kant) zu stellen, erweckt schnell Snob-Alarm.

Dialektik des Snobismus

Ist aber dieses wechselseitige Verhältnis von kritischem Anspruch und Kritik an diesem kritischen Anspruch unvermeidlich? Ist alles eine Frage des Bildausschnitts und der eingeschränkten Perspektive wie bei Leone? Ein simples »Ja« würde in einem plumpen Relativismus enden wie ein schlechter Film, der nur aus addierten Perspektiven besteht (was freilich ein Meisterwerk werden könnte, wir wollen ja nicht snobistisch sein…). Ein simples »Nein« würde verkennen, dass jede Urteilspraxis ihre impliziten Festlegungen hat, von der aus ihr Borniertheit und Vereinseitigung drohen. Wie im Film kommt es auf die richtige Montage an. Was wäre also, wenn am Snobismus im Denken nicht per se etwas auszusetzen ist? Mit Sergio Leone möchte ich vorschlagen, dass wir einen guten von einem schlechten von einem hässlichen Snobismus unterscheiden.

Die Emanzipation der Snobs

Die Idee eines guten Snobismus steht allerdings in Widerspruch dazu, wie wir den Ausdruck heute gebrauchen. Ein Blick in die Geschichte zeugt allerdings von einer aufschlussreichen Ambivalenz: Der englische Adel hat früher ärmere Schichten als Snobs bezeichnet. In Cambridge wurden jene Stadtbewohner Snobs genannt, die nicht am College studieren konnten. Später erst änderte sich die Bezugsrichtung: Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Wort verwendet, um sich über Angehörige kleinbürgerlicher Milieus lustig zu machen, die sich am Lebenswandel des Adels orientierten. Just diejenigen, die von den oberen Schichten vorher als Snobs diskriminiert wurden, eigneten sich im Snobismus das kulturelle Kapital höherer Stände an. Aus dieser Perspektive spricht die Geschichte des Snobismus zugleich von Emanzipation. Einer Emanzipation freilich, die stets in der Gefahr stand, in lächerliche Engstirnigkeit umzuschlagen.

The Bad

Nehmen wir also an, Snobismus sei ein Sidekick jeder kritischen Orientierung. Wer sich an Maßstäben orientiert, macht Unterschiede und unterscheidet Unterscheidende von Nicht-Unterscheidenden. Kritisches Denken besteht so in einem Anspruchsdenken in zweifachem Sinn: Die Erwartung ist, dass jeder andere seine Urteile auch bedenkt. Der Anspruch ist, dass auch die eigenen Urteile diesem Bedenken standhalten werden. Genau daran scheitert THE BAD: Er beruft sich zwar auf Maßstäbe der Kritik. Aber er sieht nicht, dass diese Maßstäbe stets auch Ausdruck einer partikularen Community sind. Nolens, nicht volens, missachtet er jene Stimmen, die sich nicht in seiner Sprache artikulieren. Er redet von der kritischen Kraft der Kunst, aber er verkennt jene des Pop. Er lobt den rationalen Diskurs und ist blind für dessen Vielfalt. Er spricht vom Denken und meint den Westen, liebt Godard, aber verachtet Leone usw.

The Good

Nicht die Einseitigkeit der Perspektive ist das Problem von THE BAD, sondern die Blindheit gegenüber ihrer Vielseitigkeit. THE BAD ist schlecht darin, sich überraschen zu lassen. Wie Leones Figuren lebt er nur in seinem eigenen Film. Dabei könnte er sich doch selbst betrachten! Was ihm fehlt, ist Selbstkritik. THE BAD sieht das anders. Er versteht Selbstkritik als Selbstanwendung eigener Maßstäbe. Aber das ist ein Schwindel. Wer seine eigenen Maßstäbe auf sich selbst anwendet, verändert sich nicht. Kritische Maßstäbe sind nur kritisch, wenn sie selbst kritisiert werden können. Dazu braucht es andere, die ins Bild treten. Genau das weiß THE GOOD. Er sieht, dass er für andere ein Snob ist – und lässt sich eines Besseren belehren. Die gute Nachricht ist: THE BAD ist potenziell immer auf dem Weg zu THE GOOD – aber auch umgekehrt. Kritisches Denken kommt an kein Ende. Es ist, wie es Wilfried Sellars und Robert Brandom in ihrer amerikanischen Sport- und Westernmetaphorik einmal ausgedrückt haben, ein fortdauerndes »Spiel des Gebens und Forderns von Gründen«: Nach dem Duell ist vor dem Duell!

The Ugly

Wer sich aber heimtückisch davonstiehlt, wird THE UGLY. Dieser sucht keine Konfrontation mit Anderem und Anderen, er hält diese Konfrontation nicht nur für unnötig, sondern für eine Zumutung. THE UGLY antwortet vor allem nicht auf Fragen, die er für dumm hält. Er missachtet das hermeneutische Gesetz, dass jede Frage notwendig dumm sein muss, wenn sie nicht auf ausgetretenen Pfaden daherkommt. THE UGLY ist kein echter Cowboy, sondern ein fieser Letzter-Grund-Besitzer. Vor ihm muss man sich in Acht nehmen.

Glorreiche Halunken

Die Gefahr kritischen Denkens liegt nicht im Snobismus, sondern im Solipsismus. THE GOOD & THE BAD erweisen sich als »zwei glorreichen Halunken« (dt. Titel des Films) im Geschäft des kritischen Denkens, während THE UGLY nur eine halbe Nummer ist. Es ist doch alles eine Frage der Perspektive – und ihres Zusammenspiels. Wer darauf eingeht, dass andere ihn als BAD bezeichnen, kann GOOD werden. Wer darauf beharrt, GOOD zu sein, ist UGLY. Gadamer schrieb einst: Erfahrung im Urteilen macht nicht klüger, sondern offener. Roger Ebert hätte wohl gesagt: Sehen Sie einfach mehr gute Filme!

Foto: The Good, the Bad and the Ugly (Italien u.a. 1966, Regie: Sergio Leone)

Zur Person Manuel Scheidegger

Manuel Scheidegger liebt eigentlich das Theater und versteht die Philosophie als dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. In seiner Promotion arbeitet er zum Zusammenhang von alltäglichem Handeln und Ästhetik.

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