Snobismus | Eine urbane Verteidigung

Das oft gockelhafte Gebaren des Snobs ärgert nicht nur meine Co-Autoren Hoffmann und Neuhäuser. Auch in der Volkswirtschaftslehre ist man nicht gut auf ihn und sein »abnormes Nachfrageverhalten« zu sprechen. Der sogenannte Snob-Effekt wird diagnostiziert, wenn einem potenziellen Konsumenten nur deshalb die Lust an einem Gut vergeht, weil dieses Gut von immer mehr Menschen gekauft wird. Während es beim gegenteiligen Mitläufereffekt gerade darauf ankommt, dass sich die Verbraucher genau das kaufen wollen, was alle anderen auch haben, z.B. das neueste Iphone, stöbert der snobistische Konsumer – fern der Massen – nach eher abwegigen Waren, Dienstleitungen und Events: Er besitzt ein Senioren-Handy mit extragroßen Tasten, kocht ausschließlich mit Dosentomaten von Manufactum, guckt koreanische Arthausfilme nur im Original und selbstverständlich ohne Untertitel, und wenn es um Musik geht, lautet die Parole: »I listen to bands, that don’t even exist yet«.

Müde Metropolenmenschen

Es mag so aussehen, als sei mit echten Snobs kein rechter Kapitalismus zu machen. Seine Aversion gegen Massenware lässt ihn nachfragetheoretisch als Exot erscheinen, der eher dem selbstgenügsamen Habitus britischen Landadels verpflichtet ist. Doch schon früh hat Georg Simmel darauf hingewiesen, dass es einen genealogischen Zusammenhang von Kapitalismus, Snobismus und Urbanismus gibt. Aus Simmels bahnbrechendem Essay »Die Großstädte und das Geistesleben« (1903) ist gar zu lernen, dass der Snob das historische Produkt der kapitalistischen und mithin städtischen Tauschwirtschaft zwischen Berlin, New York und Tokio ist.

Großstadt

Der besagte Essay geht den seelischen Konsequenzen einer »Steigerung des Nervenlebens« nach, die eine moderne Großstadtexistenz mit sich bringt. Simmel selbst wurde 1858 in Berlin geboren, wo sich die Verstädterung vergleichsweise früh und kondensiert vollzogen hat. Bereits in den 1920er-Jahren lebten dort mehr Menschen als heute. All die Hektik, der Verkehr, die anonymen Massen, Lärm und fremde Gerüche, episodische Beziehungen, reproduktive Sorgen, neue Freiheiten, aber auch Zwänge. Der Großstadtmensch, so Simmel, ist mehrheitlich unfähig, die urbane Reizüberflutung angemessen zu verdauen. Es gibt dagegen nur ein einziges Mittel: die »Abstumpfung«. Der Städter macht bewusst »zu«, um sich gegen diesen Tumult zu schützen. Er wird indifferent gegenüber einfachen Reizen und Differenzen, wirkt auf andere, als sei er allen Anfechtungen des Alltags entrückt. Schon beim Verlassen der Haustür, in der Begegnung mit langjährigen Nachbarn wird deutlich: Man kennt sich gar nicht, grüßt sich kaum.

Alles gleich

Dieses Phänomen großstädtischer Indifferenz nennt Simmel »Blasiertheit«. Sie ist für ihn das Kennzeichen moderner Menschen. Und sie ist, wie wir noch sehen werden, zugleich die zentrale Charaktereigenschaft des Snobs. Allerdings ist Simmel der Auffassung, dass diese urbane Abgestumpftheit nur die halbe Wahrheit ist. Mit der physiologischen Quelle der urbanen Reizüberflutung vereinigt sich ein zweiter moderner Nivellierungsschub, für den das kapitalistische Äquivalenzprinzip steht. Das Geld selbst ist der große »Nivellierer«: Es macht alles austauschbar und in dem Sinn »gleich«. So bildet sich ein perfekter Nährboden für den blasierten Städter, der gegen Unterschiede zwar nicht in dem Sinn abgestumpft ist, dass er sie, wie ein »Stumpfsinniger«, überhaupt nicht wahrnehmen würde. Aber diese Unterschiede erschienen ihm seltsam matt, grau, nichtig und wertlos.

Kontrastprogramm

Wer derart gleichgültig ist, reagiert fortan bloß noch auf starke Reize und Kontraste – womit wir beim Snob wären. In dessen Charakter steigert sich das kalte, solitäre, auf Stadt und Geldwirtschaft reflektierende Geistesleben moderner Menschen zum Idealtypus. Doch der Soziologe Simmel reagiert darauf keineswegs so verschnupft wie die Kollegen Hoffmann und Neuhäuser oder auch jene aus der VWL. Denn für Simmel steht fest: Ohne Blasiertheit keine moderne »Individualität«. Der blasierte Snob ist für ihn nur das prototypische Individuum der Moderne, das die eigene Selbstverwirklichung im inszenierten Kontrast sucht. Es will sich aus der urbanen Masse all jener hervorheben, deren Identitäten dem erwähnten Iphone gleichen: auf den ersten Blick schick und exquisit, auf den zweiten glatt und ohne jede Ecken oder Kanten, am Ende schlicht konformistische Massenware. Der den Mainstream meidende Snobismus ist der Preis, den moderne Menschen zahlen müssen, wenn sie die dörfliche Idylle bzw. Hölle, in der jeder jeden kennt, verlassen, um in der anonymen Großstadt aufzufallen. Wer ein modernes Individuum sein will, muss sich kontrastreich in Szene setzten. Wer hingegen so sein will, wie alle anderen, sollte besser gleich im Dorf bleiben. Auch die Kritik am Snobismus ist entsprechend provinziell.

Outtake

Brian: »Ihr habt das ganz falsch verstanden. Ihr braucht mir nicht zu folgen. Ihr braucht niemandem zu folgen! Ihr müsst selber denken! Ihr seid lauter Individuen.« Die Menge (einstimmig): »Ja, wir sind lauter Individuen!« Brian: „Ihr seid alle verschieden.« Die Menge (einstimmig): »Ja, wir sind alle verschieden!« Eine einzelne Stimme aus der Menge: »Ich nicht.«

Foto: Candida.Performa, www.flickr.com, CC BY 2.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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