Snobismus | Latent gefährlich

Der geschätzte Kollege Thomas Hoffmann schlägt vor, an einem ziemlich altertümlichen Begriff von Snobismus festzuhalten. Snobs sind demnach all diejenigen Menschen, die dazu neigen, »nach oben zu buckeln und nach unten zu treten«. Fast könnte man meinen, Kollege Hoffmann wolle damit – ganz präventiv natürlich – dem Verdacht entgehen, selbst irgendwann einmal als Snob dazustehen. Immerhin ist er dafür bekannt, nicht zu buckeln, überhaupt nichts und niemanden zu treten und erst recht nicht vertikal abwärts. Doch so leicht können wir ihm diese Sache nicht machen. Das hat allerdings keinen irgendwie gehässigen, sondern einen ganz sachlichen Grund. Denn Begriffe verändern sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte nun einmal und nehmen dabei eine andere Bedeutung an. Wie schon Ludwig Wittgenstein wusste, beruht die Bedeutung eines Begriffs auf seinem Gebrauch in der Sprache. Die gegenwärtige Bedeutung der Begriffe »Snobismus« und »Snob« beruhen folglich auf ihrem gegenwärtigen Gebrauch in unserer Sprache und nicht auf dem vergangenen Gebrauch in irgendeiner anderen Sprache.

Herausragende Lebensformen

Es scheint ziemlich klar zu sein, dass wir in der gegenwärtigen deutschen Sprache nicht einfach alle Menschen als Snobs bezeichnen, die nach oben buckeln und nach unten austreten. Dann wären ziemlich viele Behördenmenschen, Handwerksgesellen und Vorarbeiterinnen im Supermarkt solche Snobs. Als Snobs bezeichnen wir üblicherweise einen ganz anderen Schlag von Menschen. Snobs sind Menschen, die glauben, dass nur ganz wenige und herausragende Lebensformen besonders lebenswert sind. Das kann beispielsweise die Lebensform der Philosophin, des Arztes, der Managerin, des reichen Dandys oder der Künstlerin sein. Darüber hinaus glauben Snobs, dass sie selbst diese Lebensform besonders gut verkörpern. Erst wenn beides zusammen auftritt, sehen wir uns einem echten Snob der Gegenwart gegenüber.

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Wer nun glaubt, dass es nur wenige Lebensformen gibt, die wirklich achtungswürdig sind, es ihm aus persönlichen Gründen, aber nicht gelingt, so zu leben, der ist eher ein Kriecher als ein Snob. Kriecherei ist mindestens genauso ärgerlich wie Snobismus, aber auf andere Weise. Der Ärger darüber beruht eher auf Enttäuschung über das mangelnde Selbstwertgefühl und nicht auf Wut. Wer hingegen glaubt, eine Lebensform besonders gut zu verkörpern, diese Lebensform aber nicht für außerordentlich hält, der besitzt einfach nur großes Selbstbewusstsein und bringt das auch in seinem Verhalten zum Ausdruck. Solch ein Mensch kann sich zwar über sich selbst täuschen, aber das ist dann eher bedauerlich und weniger ärgerlich. Jedenfalls ist er kein Snob.

Gleiche Achtungswürdigkeit

Richtig spannend, weil wirklich snobistisch sind nur die Fälle, in denen Menschen erstens glauben, nur sehr wenige Lebensformen seien besonders lebenswert und achtungswürdig, und zweitens, sie selbst würden eine dieser Lebensformen besonders gut verkörpern. Stellt sich die Frage, was davon tatsächlich stimmen muss, damit ein mutmaßlicher Snob wirklich ein richtiger Snob ist. Der erste Teil dieser snobistischen Überzeugung kann gar nicht stimmen. Es ist schlicht falsch, dass nur wenige Lebensformen lebenswert und achtungswürdig sind. Dieser Gedanke widerspricht dem zutiefst Gedanken der prinzipiell gleichen Achtungswürdigkeit aller Menschen. Diese Achtungswürdigkeit kann man nur verlieren, wenn man selbst einer auf Missachtung beruhenden Lebensform verfallen ist, so wie die Snobs es sind. Der Snobismus als Phänomen kann also nicht an der Wahrheit der Überzeugung einer aristokratischen und exzeptionellen Achtungswürdigkeit hängen, weil es dieses Phänomen dann gar nicht geben könnte. Vielmehr ist es so, dass der Snobismus wegen dieser falschen Überzeugung und der darauf beruhenden herablassenden Haltung von Snobs ein ziemliches Laster darstellt.

Exzeptionelles Blendwerk

Wie steht es um die andere Überzeugung, dass der Snob seine Lebensform besonders gut verkörpert? Zunächst könnte man denken, dass ein Snob seine Lebensform sehr wohl gut ausfüllen muss, weil er sonst nicht arrogant, sondern nur ziemlich lächerlich wirkt. Doch das stimmt nicht. Vielmehr muss er sich nur den Anschein geben, seine Lebensform besonders gut zu verkörpern, und seine besondere Hochachtung vor sich selbst besonders gut zum Ausdruck bringen. Ich vermute, dass die meisten Snobs sogar Blender sind. Sie können ihre Selbstachtung gerade nicht aus ihrer tatsächlichen Leistung gewinnen. Stattdessen müssen sie ihre Selbstachtung aus der angeblich herausragenden Achtungswürdigkeit ihrer angeblichen Leistungsfähigkeit gewinnen. Das hat gravierende Konsequenzen. Weil sie zur Hochstapelei neigen, sind Snobs nicht nur unangenehme, sondern auch latent gefährliche Gesellen. Sie setzen alles daran, dass ihr Betrug nicht auffliegt.

Foto: http://cllctr.com/

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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