Snobismus | Deutsche Normalität

Mit dem Brexit hat sich wieder ein Wort in das Licht der Öffentlichkeit geschlichen, das es zuvor nur noch selten auf die ganz große Bühne schaffte. Der geplante Austritt Großbritanniens aus der EU wurde nämlich nicht nur den »Snobs der britischen Elite« angelastet, sondern es wurde umgekehrt auch beklagt, dass »der Snobismus der EU-Befürworter unerträglich ist«. Dies wirft nun fast zwangsläufig die Frage auf, was man eigentlich unter »Snobismus« zu verstehen hat.

Schnösel

Werfen wir einen Blick in den Duden, so erhalten wir zunächst die kaum überraschende, aber ebenso wenig informative Auskunft, dass Snobismus die Haltung, Einstellung oder Eigenschaft eines Snobs ist. Nur ein paar Einträge zuvor, wird uns jedoch auch verraten, was im Deutschen unter einem »Snob« zu verstehen ist. Laut Duden ist ein Snob »jemand, der sich durch zur Schau getragene Extravaganz den Schein geistiger, kultureller Überlegenheit zu geben sucht und nach gesellschaftlicher Exklusivität strebt«. Und als Synonyme zu »Snob« werden dann »Schnösel«, »Lackaffe«, »feiner Pinkel«, »Fatzke«, »Piefke« sowie »Dandy« angeführt.

Snobismus

Expressive Extravaganz und erstrebte Exklusivität sind also zwei hervorstechende Merkmale desjenigen, der den Deutschen als Snob gilt. Und beide Merkmale sind keineswegs als Komplimente gemeint, weshalb auch »Snob« – nicht anders als seine Synonyme im Deutschen – pejorativ verwendet wird. Was das Deutsche und damit auch die Deutschen betrifft, ist dies nun überaus lehrreich. Denn das ursprünglich englische Wort »snob« war nicht derart eng mit der negativen Bewertung des Umstands verbunden, das jemand absichtlich aus der Reihe tanzt. William Makepeace Thackeray etwa, der mit seinem 1848 erschienenen The Book of Snobs den Begriff im englischsprachigen Raum entscheidend mitprägte, charakterisiert Snobs noch merklich anders. Freilich stellt Snobismus auch bei Thackeray keinen positiven Charakterzug dar, ist ein Snob doch jemand, »der Erbärmliches erbärmlich bewundert«. Anders als bei den Deutschen und im Deutschen besteht das Erbärmliche des Snobs jedoch keineswegs darin, dass er extravagant und exklusiv sein will, sondern darin, dass er »verächtlich nach unten« und »bewundernd nach oben blickt«.

Parvenü

Ein Snob, wie ihn Thackeray beschreibt, ist ein konformistischer Emporkömmling, der stets größer sein möchte, als er ist. Daher genügt sich der Snob nie selbst und giert unentwegt nach Anerkennung. Und deshalb kriecht er all jenen in den Arsch, die er für groß, wichtig und einflussreich hält, während er zugleich allen, die er als niedriger erachtet, in den Arsch tritt und verächtlich auf sie hinabblickt. Damit ist der englische Snob nicht nur das vollkommene Gegenbild zum Ideal des Gentleman, der von tugendhafter Natürlichkeit, uneitler Bescheidenheit, entspannter Weltläufigkeit und unaufdringlicher Höflichkeit ist. Der Snob ist auch — anders als uns der Duden weismachen will — keineswegs gleichzusetzen mit dem Dandy, sofern wir darunter nicht Witzfiguren wie Karl Lagerfeld verstehen, sondern Poeten wie Oscar Wilde.

Dandy

Obgleich auch ein Dandy nichts gegen Anerkennung hat, ist diese nicht das Movens seines Tuns. Anders als ein Snob ist ein Dandy kein Konformist, der anderen in den Arsch kriecht und in den Arsch tritt. Der Dandy tut das, was er für schön, gut und richtig hält, weil er es für schön, gut und richtig hält. Und findet derlei nicht die Anerkennung durch die gesellschaftlich Bessergestellten, so ist ihm das ebenso einerlei wie die Ablehnung durch die gesellschaftlich Schlechtergestellten. Im Gegensatz zum Snob genügt sich der Dandy also durchaus selbst. Sein bewundernder Blick richtet sich daher auch nicht an tradierten sozialen Hierarchien aus. Und sein verächtlicher Blick ist egalitär. Denn Verachtung gebührt allem Hässlichen, Schlechten und Falschen — und zwar ganz gleich, ob es sich in der Gesellschaft nun oben oder unten befinden mag. Der Snob hingegen hat überhaupt keinen Sinn für das Schöne, Gute und Richtige. Als ehrgeizigem Schleimer geht es ihm nämlich nie um die Sache, sondern stets nur um die effizientesten Mittel, mit denen er sich bei den Mächtigen einschmeicheln kann, um in der Hierarchie die nächste Stufe nach oben kriechen zu dürfen.

Hans Mustermann

Was hat es dann aber zu bedeuten, dass »Dandy« und »Snob« im Deutschen derart angenähert werden? Was hat es zu bedeuten, dass in der deutschen Charakterisierung des Snobs seine konformistische Arschkriecherei und Arschtreterei in den Hintergrund gedrängt wird, während expressive Extravaganz und erstrebte Exklusivität in pejorativer Absicht hervorgehoben werden? Meine Vermutung, warum dem so ist, lautet so: In all ihrer mediokren Angepasstheit sind die meisten Deutschen durch und durch Snobs. Konformistische Arschkriecherei nach Oben und Arschtreterei nach Unten werden hierzulande weder als etwas Besonderes noch als etwas Negatives wahrgenommen, sondern stellen vielmehr das allgemeine Prinzip dar, dem die meisten Beteiligten bewusst oder unbewusst folgen. Daher muss die negativ konnotierte Bezeichnung »Snob« auf etwas anderes umgelenkt werden, das man im preußisch disziplinierten Deutschland gar nicht gerne sieht. Und das ist nun einmal das extravagante und exklusive Heraustanzen des Dandys aus den fest geschlossenen Reihen der zugleich arroganten und angsterfüllten Schleimer, die im Deutschen gar nicht eine spezielle Bezeichnung benötigen, weil sie in Deutschland die traurige Normalität darstellen.

Foto: https://jjloblivion.files.wordpress.com

 

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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