Roboter | Welcome to the era of cognitive business

Das Wort »Roboter« ist bekanntlich vom tschechischen Wort »robota« abgeleitet, welches im Deutschen soviel wie »Frondienst« bedeutet. Daher dürfte es auch nicht allzu gedankenflüchtig sein, die Aufgabe des Roboters darin zu sehen, dem Menschen jene Arbeiten abzunehmen, die ihm Verdruss bereiten. Ganz in diesem Sinne war auch schon Mitte der 1950er-Jahre der damalige IBM-Chef Thomas Watson der ersten großen Welle angsteinflößender Science-Fiction-Dystopien entgegengetreten. Er gab nämlich das beschwichtigende Versprechen, dass »unsere Maschinen den menschlichen Geist befreien, indem sie ihm langweilige Routinearbeiten abnehmen«.

It’s a dirty job but someone’s gotta do it

Die Welt, die Thomas Watson seinen Mitmenschen versprach, war nicht nur neu, sondern auch schön. Denn könnte irgendwer wohl etwas dagegen haben, geistig nur mäßig herausfordernde, aber dafür körperlich anstrengende Arbeiten nicht mehr selbst verrichten zu müssen? Von dieser rhetorischen Frage ist es zwar ein kurzer, aber keineswegs in die Irre führender Weg zu der Einsicht, dass die Arbeiten, die Roboter heutzutage schon verrichten, tatsächlich eine Art der Befreiung des Menschen darstellen. Wenn in den Werkhallen der produzierenden Industrie Roboter anstelle des Menschen die oftmals gesundheitsschädlichen Schraub-, Schweiß- und Lackierarbeiten übernehmen, so ist dies dem menschlichen Gedeihen zweifelsohne zuträglich. Wenn die relativ eintönige Tätigkeit des Lagerarbeiters an Roboter delegiert wird, so bedroht dies keineswegs die menschliche Kreativität. Und wenn Roboter im Krankenhaus Pillen verteilen, so kann man als Patient wenigstens darauf hoffen, dass man bei der Medikamentenausgabe vom Pflegepersonal nicht wie ein Dreijähriger angesprochen wird.

Work is (not just) a four-letter word

Übernehmen von nun an Roboter derlei Arbeiten, so liegt das damit verbundene Problem nicht in dem, was Roboter tun, sondern darin, dass im Gegenwartskapitalismus noch immer das traditionelle Konzept der Lohnarbeit hochgehalten wird. Die computationale Automatisierung physischer Arbeit wird nämlich über kurz oder lang zum massenhaften Wegfall von Arbeitsplätzen in der industriellen Produktion führen. Und daher kommen wir kaum umhin, das Verhältnis der Begriffe »Arbeit«, »Lohn« und »Einkommen« kritisch zu überdenken. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens wird deshalb für alle vernünftig denkenden Menschen in den kommenden Jahren noch mehr an Attraktivität gewinnen. Allerdings sollten wir auch nicht vergessen, dass Arbeitsplätze für viele Menschen nicht nur Stätten des Lohnerwerbs sind. Für die meisten Menschen ist ihr Arbeitsplatz auch ein wichtiger Ort der zwischenmenschlichen Begegnung. Und für nicht wenige Menschen stellt ihre Lohnarbeit auch ein sinn- und identitätsstiftendes Moment ihres Lebens dar. Der durch computationale Automatisierung verursachte massenhafte Wegfall von Arbeitsplätzen in der industriellen Produktion wird daher gewiss Auswirkungen auf die individuellen Lebensentwürfe und Selbstbilder vieler Menschen haben. Vor allem jedoch wird er auch die sozialen Bindekräfte der momentan ohnehin immer stärker divergierenden westlichen Gesellschaften schwächen, sollte es uns nicht gelingen, Sinn- und Identitätsstiftendes zu finden, das jenseits von Beruf, Karriere und Entlohnung liegt.

robbi-und-tobbi

Neben diesen gesellschaftlichen Problemen, die durch den technischen Fortschritt der Robotik zwar hervorgehoben, aber nicht von den Robotern selbst erzeugt werden, gibt es allerdings ein weiteres Problem, das originär damit zusammenhängt, was die von uns genutzten Roboter tun. Dieses Problem lässt sich bereits an jenen algorithmischen Werkzeugen beobachten, die wir schon heute tagtäglich nutzen – etwa dann, wenn wir Suchmaschinen wie Google verwenden. Und es wird noch offenkundiger, wenn wir solch hochleistungsfähige Rechnerverbundsysteme betrachten, wie jenes von IBM entwickelte System, das ironischerweise nach Thomas Watson benannt ist.

Search and destroy

Sowohl Google als auch Watson haben nicht primär die automatisierte Erledigung physischer Arbeiten zur Aufgabe, sondern die automatisierte Selektion von Informationen. Sie hierarchisieren und bewerten eigenständig bestimmte Inhalte und erzeugen so eine bereits ganz spezifische Auswahl von vermeintlichem Wissen, aufgrund derer wir dann unsere Entscheidungen treffen. Damit bergen sie aber die Gefahr in sich, das genaue Gegenteil dessen zu bewirken, was uns Thomas Watson einst versprach, als er die Befreiung des menschlichen Geistes in Aussicht stellte. Die automatisierte Selektion von Informationen beschränkt nämlich im Vorhinein und auf nicht-natürliche Weise die epistemische Freiheit des endlichen menschlichen Geistes. Dadurch beschränkt sie aber zugleich auch die Freiheit des vernünftigen menschlichen Handelns. Denn vernünftigerweise treffen wir Menschen unsere Handlungsentscheidungen aufgrund der uns vorliegenden Informationen. Sollten jedoch irgendwann ausschließlich die Roboter bestimmen, welche Informationen überhaupt noch zu uns durchdringen, so könnte es nur allzu schnell geschehen, dass wir plötzlich diejenigen sind, die den Frondienst leisten – und zwar, ohne es auch nur ansatzweise zu merken.

Foto: Michael Jaeger, www.bad-kreuznach.de

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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