Roboter | Automatische Ethik

Am 7. Juli 1881 erschien in der Kinderzeitschrift Giornale per i bambini die erste Pinocchio-Geschichte von Carlo Collodi. Pinocchio ist ein aus einem unscheinbaren Holzscheit geschnitzter Hampelmann, der ganz plötzlich frech zu sprechen beginnt, und nun soll aus diesem frühen Holzroboter ein richtiger kleiner Junge werden. Doch zuvor muss ihm die Welt (des Erziehungsromans) Moral und Manieren beibringen. Erst wenn Pinocchio auf die »guten Sitten« seiner dörflichen Gemeinschaft abgerichtet ist, kann aus dem unartig daherredenden Hampelmann ein echtes Kind aus Fleisch und Blut werden. Ein möglichst braves und sittlich angepasstes Kind natürlich, das erst in dem Moment zu echtem Leben erwachen wird und damit neuerlich zur Welt kommen darf, als es in der uteralen Höhle eines Riesenhais, scheinbar wie von selbst und aus vernünftiger Einsicht, den ethischen Wert der Ehrlichkeit entdeckt.

pinocchio

Zuvor jedoch hat Pinocchio bereits hinlänglich die moralische Lektion schamvollen Ertappt-Werdens erteilt bekommen, die sich diesem kindlich unkooperativ anmutenden Holzroboter immer dann aufdrängt, wenn seine freche Nase ihn schon von Weitem bzw. aus der pädagogischen Sicht des späten 19. Jahrhunderts als einen noch unreifen Lügner zu erkennen gibt.

Kindliche Kooperation

Was Carlo Collodi übersehen haben mag: Echte Kinder, wenn sie noch sehr klein sind, kooperieren unentwegt, und wenn sie lügen, dann tun sie auch dies nur, weil sie kooperieren wollen. Der geradezu solidarische Beitrag fast all dieser kleinen Lügen besteht darin, die eigenen Eltern nicht unnötig in Aufregung zu versetzen, wütend oder traurig zu machen. Es geht dem kleinen Menschen, wenn er flunkert, keineswegs um sich selbst oder die meist erst später einsetzende Angst vor familiären Sanktionen. Es geht ihm vielmehr darum, seine gestressten Eltern zu schonen; indem das Kind zum Beispiel den bisweilen doch recht mühsamen Prozess des Zubettgehens abzukürzen sucht: »Ja, hab’ schon Zähne geputzt!«.

Herzlose Moral

Die philosophische Ethik hat meist nur wenig Verständnis für die Lüge und damit nur selten ein Herz für Kinder – oder jene, die es werden wollen. Immanuel Kant zum Beispiel war der Auffassung, dass die Lüge das allerschlimmste aller unmoralischen Vergehen und daher unter allen, auch dramatischen Umständen zu vermeiden sei – selbst wenn es einmal darum ginge, ein Leben zu retten. Entsprechend gilt umgekehrt, dass die Wahrhaftigkeit das kantische Grundgebot aller Moral ist, denn auch der berühmte Kategorische Imperativ, der die Moral geradezu automatisieren will, funktioniert nur dann, wenn wir uns entsprechend wahrhaftig auf die je konkreten Handlungsanweisungen verpflichten, die sich aus ihm ergeben. Mit anderen Worten: Nach Kant steht und fällt mit der ethischen Grundaversion gegenüber der Unehrlichkeit die Moral insgesamt.

Wir und die Roboter

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Lüge in den Geschichten von Pinocchio, diesem Kind in the (moral) making, eine so herausragende Rolle spielt. Der humanoide Reifungsprozess in Richtung Ethik beginnt mit der Austreibung der Unehrlichkeit. Wer aber kleinen Kindern das Lügen verbietet, ohne den kooperativen Sinn dieser Lügen zu erkennen, verbietet ihnen zugleich auch die menschlichste aller menschlichen Eigenschaften – die Fähigkeit zur Kooperation nämlich – und lässt sie damit ihrerseits zu gefühllosen Automaten einer roboterhaften Moral regredieren. Daher auch würde mit industriell vermarkteten Pinocchios (TV-Empfehlung: »Real Humans«), wie sie demnächst z.B. in Single-Haushalten oder Pflegeheimen zum Einsatz kommen werden, ein moralisches Paradoxon verkauft: Humanoide Roboter werden überhaupt nur deshalb gebaut und verkauft, weil sie mit Menschen kooperieren sollen. Daher, so scheint es, muss man ihnen Moral beibringen. Echte kleine Kinder jedoch kooperieren, solange man aus ihnen gerade keine moralischen bzw. kantianischen Roboter macht, die auf die guten Sitten abgerichtet sind und denen daher nicht zuletzt eben auch der zwischenmenschlich schonende Ausweg der Lüge offen stehen muss. Kleine Kinder kooperieren also, der kleine Pinocchio darf es nicht, und entgegen einer bloß oberflächlichen Lektüre von Collodis Geschichten bedeutet, ein echter Mensch zu werden und zu sein, moralisch fehlbar zu bleiben. Wir können auch das in der Fabrik oder im Labor nachzubauen versuchen und auf den Markt bringen. Aber warum sollten wir? Echte Menschen gibt es schon genug.

Foto: Alexander Parsalidis, www.flickr.com, CC BY-SA 2.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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