Recht auf Vergessen | Liberale Schlitzohren

Vielleicht waren Jugendsünden oder einmalige Verfehlungen nie zuvor so fatal wie heute. Ein Blick in die Schaufenster von Tattoo-Studios, die neben der Verewigung der neuesten Trends auf nackter Haut auch die rückstandslose Entfernung erschlaffter Arschgeweihe und anderer geschmacklicher Verirrungen anpreisen, zeigt, dass jugendliche Prognosen über dauerhafte Schönheit und spätere ästhetische Korrekturbedürfnisse nicht selten in einem, sagen wir, ungünstigen Verhältnis zueinander stehen. Doch während man peinliche Tattoos unter Schmerzen entfernen lassen (oder an den meisten Stellen des Körpers zumindest vor unerwünschten Blicken verhüllen) kann, sind andere Jugendsünden, Torheiten oder private Informationen, wenn sie erst einmal den Weg ins weltweite Netz gefunden haben, fast nicht mehr aus der Welt zu schaffen, und sie entwickeln dort nicht selten eine unkontrollierbare Eigendynamik. Fälle wie der Suizid von Tiziana Cantone, deren privates Liebesspiel als Video zum »viralen Hit« wurde, zeigen auf dramatische Weise, wohin das führen kann und werfen die Frage nach einem Recht auf Vergessen auf.

jugendsuende

Die Antwort auf die Frage nach der Begründung eines Rechts auf Vergessen muss sich am Respekt vor der Autonomie von Personen orientieren. Bereits der Respekt vor ihrer aktuellen Autonomie gibt uns einen moralischen Grund, den Schleier des Vergessens über eine Sache zu legen, wenn es der ausdrückliche Wunsch einer Person ist. Darüber hinaus ist das Vergessen unter bestimmten Bedingungen Voraussetzung ihrer zukünftigen Autonomie. Schließlich impliziert ein moralisches Recht auf Vergessen die Vorstellung, dass niemand ewig unter den Folgen einer verzeihlichen Fehlhandlung leiden sollte. Für liberale Kulturen der Autonomie ist diese Vorstellung, anders als für Kulturen der Ehre, zentral.

Das Ende der Ehrlosigkeit

Weißt Du, liebe Leserin, lieber Leser, was ein Schlitzohr ist? Es handelt sich nicht etwa um jemanden, der an diesem Körperteil ein besonders extravagantes Piercing trägt, sondern um eine Person, die sich listig und trickreich haarscharf an der Grenze des moralisch Erlaubten bewegt. Doch das Wort ist alt und ein Beispiel für die radikalen Verneinung eines Rechts auf Vergessen. Ein Schlitzohr im ursprünglichen Wortsinne ist nämlich ein Schandmal: Handwerksgesellen, die auf Wanderschaft gingen, trugen einen goldenen Ring im Ohr, und zwar nicht allein zum Schmuck, sondern damit im Fall des Todes fern der Heimat die Bezahlung eines anständigen Begräbnisses garantiert war. Verstieß ein Mitglied in massiver Weise gegen die Regeln der Zunft, war es üblich, dass ihm seine Zunftbrüder den Ring aus dem Ohr rissen – ein roher Akt, der den besagten Schlitz im Ohr hinterließ und damit ein Zeichen der Ehrlosigkeit, das deren Vergessen durch die Sichtbarkeit an einer kaum zu verdeckenden Stelle auf immer verhindert. In einer liberalen Kultur der Autonomie hingegen spielt es für das Recht auf Vergessen keine Rolle, ob eine Verfehlung in irgendeiner Weise ehrverletzend ist. Wenn keine Gefahr für dritte besteht, wird sogar der Mörder, der seine Strafe verbüßt hat, in bestimmten Fällen mit einer neuen Identität in die Freiheit entlassen, damit ihm die Chance auf eine offene Zukunft erhalten bleibt.

Der letzte Wille

Aber zurück zum Umgang mit unseren Daten: Will man die aktuelle sowie die zukünftige Autonomie von Personen achten, muss zumindest für alle Daten, die in den Bereich der Privatsphäre gehören, gelten, dass sie in der Verfügungsgewalt der Person bleiben – ihre Veröffentlichung gegen deren Willen muss widerrufen werden können, und private Unternehmen müssen auf Wunsch auch freiwillig auf ihren Servern gespeicherte private Daten löschen. Neben solchen moralischen Gründen können aber auch andere Gründe ins Spiel kommen und zum Respekt vor der Autonomie in Konkurrenz treten. Hat etwa Max Brod richtig gehandelt, als er die nachgelassenen Schriften seines Freundes Franz Kafka veröffentlichte, obwohl dieser in zwei Testamenten unmissverständlich seinen Wunsch nach deren Vernichtung zum Ausdruck gebracht hatte? Hätte er Kafkas Wunsch respektiert, wäre das Erbe der Weltliteratur um einen Schatz ärmer. Aber gab ihm dieser ästhetische Wert das Recht dazu, Kafkas letzten Willen nicht zu respektieren? Wer an dieser Stelle meint, dass die Wünsche einer Person nach deren Ableben sowieso egal sind, dem sei eine relecture von Aristoteles’ Nikomachischer Ethik empfohlen, wo nachzulesen ist, warum auch Dinge, die nach dem Tod einer Person geschehen, für die Bewertung des Gelingens ihres Lebens ins Gewicht fallen können.

Für eine Kultur der Gelassenheit

Doch es bleibt ein Problem: Das geforderte Vergessen, das das Löschen sämtlicher persönlicher Daten im Netz voraussetzt, wird sich in vielen Fällen kaum realisieren lassen. Deshalb müssen wir neben einem moralischen Recht auf Vergessen, das diesen Anspruch trotzdem betont, eine neue Kultur des Umgangs mit Jugendsünden und anderen Verfehlungen einüben. Wenn das Netz nichts vergisst und wir immer gläserner werden, kommt es in vielen Bereichen schlicht darauf an, eine größere Gelassenheit im Umgang mit eigenen vergangenen Peinlichkeiten zu entwickeln. Denjenigen, die sich nur zu gerne der Lust an der öffentlichen Empörung über die Jugendsünden anderer hingeben, sollte das alte Sprichwort, dass Glashausbewohner nicht mit Steinen werfen sollten, als Mahnung genügen – auch mit Blick auf die Leichen im eigenen Keller. Letzteres ist allerdings keine Regel der Moral, sondern eine der Klugheit.

Foto: minimalniemand, www.flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0

Zur Person Sebastian Laukötter

Sebastian Laukötter forscht, lehrt und lebt in Münster. Er kennt sich ein wenig mit der Ethik von Krieg und Frieden und mit philosophischen Theorien globaler Gerechtigkeit aus.

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