Recht auf Vergessen | Digitale Rebellion

Als Immanuel Kant seinen langjährigen Diener Martin Lampe aus Altersgründen entlassen musste, wohlgemerkt mit einer angemessenen Pension, konnte er ihn einfach nicht vergessen. Immerhin hatten sie vierzig Jahre lang zusammen verbracht. Sogar den Nachfolger von Lampe nannte Kant häufig so, obwohl der in Wahrheit Kaufmann hieß. Solch ein unhöfliches Gebaren gehörte sich für einen gestandenen Moralphilosophen natürlich nicht und deswegen schrieb Kant in sein Notizbuch: »Lampe muss vergessen werden«. Doch das half ebenso wenig wie das eigene hohe Alter des zum Zeitpunkt dieser kleinen Anekdote schon fast achtzigjährigen Philosophen. Kant bekam seinen alten Diener nicht aus dem Kopf, und der Kaufmann musste darunter leiden.

Was man getrost vergessen kann

Vielleicht hatte Kant ja bereits eine Alltagsweisheit vergessen, die uns oder den meisten von uns wohlvertraut ist. Man kann sich nicht zwingen, etwas zu vergessen. Deswegen kann man auch nicht auf Befehl etwas vergessen. Folglich kann es auch keine Pflicht zum Vergessen geben. Ultra posse nemo obligatur. Sollen impliziert Können, wussten schon die antiken Römer. Dass es jedoch keine Pflicht zum Vergessen geben kann, führt unweigerlich dazu, dass es auch kein Recht auf Vergessen geben kann. Denn ohne Pflichten gibt es keine Rechte. Es steht also sehr schlecht um die Überschrift unserer Artikelserie.

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Zum Glück sind die meisten Menschen aber ziemlich vergesslich. Wir rechnen in unserem täglichen Handeln offensichtlich sogar mit der Vergesslichkeit – unserer eigenen und derjenigen unserer Mitmenschen. Wenn wir uns an jede kleine Verfehlung, an jeden Streit, an jede Enttäuschung und an all die Wut und all die verletzten Gefühle erinnern würden, dann wäre das Zusammenleben mit anderen und sogar mit uns selbst klarerweise ganz unmöglich. Doch wunderbarerweise verblassen die Gefühle und verschwinden die Erinnerungen. Manchmal ist es sogar so, dass wir nach vielen Jahren solche Erinnerungen mit alten Freunden oder Lebenspartnern hervorkramen und sie auf spielerische Weise wieder erinnern. Dann können wir über Dinge lachen, die uns früher wütend gemacht haben, und verträumt über solche Sachen sinnieren, die uns früher zum Heulen gebracht hätten. Wir können das auch, weil wir dann wissen, dass wir dass alles am nächsten Tag sowieso schon wieder vergessen haben werden.

Lob der Vergesslichkeit

Die Natur hat uns also keinen bösen Streich gespielt, indem sie uns Menschen so vergesslich gemacht hat, sondern sie hat uns ein großes Geschenk gegeben. Dessen sind wir uns eigentlich auch in unseren sozialen Institutionen bewusst. Straßenverkehrssünden werden von dem entsprechenden Register im Laufe der Zeit vergessen. Selbst Straftaten werden vergessen; außer die ganz schweren natürlich, die mit besonderer Anstrengung dauerhaft erinnert werden müssen. Vor diesem Hintergrund stimmt es, was der Kollege Hofmann hier schreibt: Es erscheint gar nicht wie ein Segen, dass wir mit dem Internet eine soziale Institution geschaffen haben, die einfach nicht vergessen kann, sondern in der immer alles erinnert wird. Das Cybermobbing mit seinen oft sehr traurigen und manchmal sogar tödlichen Konsequenzen, wie im Fall von Amanda Todd, ist eine der schlimmsten Folgen dieses Nicht-Vergessen-Könnens. Der Endlosspeicher des Internets widerspricht auf radikale Weise der Ethik des Vergessens, wie sie dem Menschen natürlicherweise eingeschrieben ist.

Internet-Demokratie

Was also tun? Inzwischen sollte allen klar sein: Das Internet ist kein herrschaftsfreies Paradies, sondern ein grausamer Naturzustand, in dem das Recht des Stärkeren herrscht und der endlich in eine staatliche Ordnung überführt werden muss. Die grausame Kultur des »ewigen Alles-Erinnerns« ist da eine dringliche Mahnung. Bei Menschen wäre es natürlich nicht erlaubt, ihnen aufgrund einer richterlichen Anordnung bestimmte Erinnerungen zu löschen. Das würde gegen ihre Persönlichkeitsrechte verstoßen. Glücklicherweise ist das Internet jedoch kein Mensch und keine Person. Es verstößt also nicht gegen Persönlichkeitsrechte, die Löschung bestimmter Erinnerungen anzuordnen. Doch noch einmal: Damit das überhaupt gelingen kann, muss das Internet endlich einer staatlichen Kontrolle unterworfen werden. Das ist eine gewaltige Aufgabe, handelt es sich beim Internet doch um eine globale Institution, der gegenüber einzelne Staaten ziemlich machtlos erscheinen. Hier kommt Immanuel Kant wieder ins Spiel mit seiner kosmopolitischen Vision eines globalen Republikanismus: Die globalen Bürger*innen des Internets sollten gegen dessen Herrscher und ihre Unterdrücker rebellieren – und dort eine echte Demokratie installieren.

Bild: Emil Dörstling (1892), Public domain, https://commons.wikimedia.org

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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