Recht auf Vergessen | Muppet-Show der Daten

Die netzpolitische Debatte um das »Recht auf Vergessen« dreht sich um die Suche nach einem digitalen Radiergummi: Wie kann verhindert werden, dass sich peinliche Fotos, Videos und sonstige kompromittierende Daten, die im Internet »viral« gehen, für immer und ewig in die kollektive Erinnerung globaler Server-Netzwerke einbrennen? Eine Mitschülerin wird vor laufender Handykamera gedemütigt, ein frustrierter Ex-Lover stellt pikante Fotos ins Netz, die Autocomplete-Funktion der Suchmaschine ergänzt rufschädigende Schlagwörter. Dieses digitale Kontrollproblem könnte bald schon epidemische Ausmaße annehmen und ist gelegentlich auch schon Anlass für einen Suizid. Wenn derart beschämende Daten erst einmal auf eindeutig zu identifizierende Weise mit den eigenen Personalien (Name, Adresse, Handynummer etc.) verlinkt sind, werden erste Dates unwahrscheinlicher, Bewerbungsgespräche aussichtsloser, dafür jedoch Cybermobbing-Attacken umso wahrscheinlicher.

Chaostheorie der Eigennamen

Statt jedoch auf das retrospektive Vergessen zu insistieren, sollte die besagte Diskussion viele eher die digitale Flucht nach vorn antreten. Mein eigener programmatischer Vorschlag dazu beginnt auf einem Umweg und mit dem Eingeständnis, dass ich – auch in der analogen Welt – ständig die Namen meiner Gegenüber vergesse. Gesichter kann ich mir ganz gut merken, nur eben nicht die dazu gehörigen Namen. Deshalb gerate ich oft in interaktive Bredouille: Ich will zwei flüchtige Bekannte einander vorstellen und komme ins Stottern, manchmal habe ich auch die falschen Namen abgespeichert, und wenn jemand gleich zwei Vornamen hat, ist sowieso alles aus. Deshalb war ich erleichtert, als das Bundesverfassungsgericht im Jahre 2004 eine wichtige Entscheidung traf: Es ging um die Klage einer – offenbar in den 1970er-Jahren sozialisierten – Mutter, der man es auf dem Einwohnermeldeamt untersagt hatte, ihrem neugeborenen Sohn folgende Vornamen zu geben: Chenekwahow, Tecumseh, Migiskau, Kioma, Ernesto, Inti, Prithibi, Pathar, Chajara, Majim, Henriko und Alessandro. Wenn die Mutter den Jungen zum Essen gerufen hätte, wäre die Suppe längst kalt gewesen.

Genug ist genug

Die letzte Instanz hatte jedoch genug gehört, schmetterte die Klage ab, und zwar mit der wegweisenden Begründung, dass die Namensgebung »verantwortungslos« sei. Das Kind selbst werde Schwierigkeiten bekommen, sich seine vielen Namen, zumal in der richtigen Reihenfolge, zu merken. Der Junge werde zudem wegen der exotischen Ungewöhnlichkeit seiner Namen »immer wieder auffallen«. Daher lautete das Urteil des Gerichts: Mehr als fünf Vornamen dürften es nicht sein – das müsse reichen. Zwar mutet diese höchstrichterliche Namensbegrenzung kaum weniger willkürlich als meine eigene Namenserinnerung an, die schon bei »Tecumseh« Schluss gemacht hätte, doch lässt sich aus diesem Urteil – in einem konzeptionellen Umkehrschluss – eine netzpolitische Strategie der gezielten »Erinnerungsdiffusion« durch buffer overflow ableiten.

Digitaler Mummenschanz

Ich schlage eine netzpolitische Agenda der rebellischen Desinformation vor, die ich die »Muppet-Show der Daten« taufen möchte. Deren zentrale Kampfansage wäre: Alle, die täglich im Netz unterwegs sind, legen sich die ebenso alltäglich zu erfüllende Selbstverpflichtung auf, mindestens drei oder vier Informationen über sich selbst ins Netz zu stellen, die krass unwahr oder besser noch absoluter Schwachsinn sind. Zum Beispiel: »Ich heiße Mildred Huxtetter«, »Ich bin Justin Bieber-Fan«, »liebe Camping« und »interessiere mich für Origami«. Man kann sich leicht vorstellen, wie die Cookies und Tracking-Algorithmen von Amazon, Instagram, Facebook und Zalando steil gingen und was sie uns am nächsten Tag so alles am rechten Monitorrand anbieten werden. Aber man kann sich auch vorstellen, wie NSA und BND in Schwierigkeiten geraten, wenn die gefakten Suchanfragen ganz plötzlich lauten: »Wie funktioniert Plastiksprengstoff?« oder »Wo kann ich dem IS beitreten?«.

muppets

So weit müssen wir die Muppet-Show der Daten jedoch nicht treiben. Belassen wir es bei kleineren anarchistischen Desinformationen und einer verspielten Flucht nach vorn. Wichtig ist an dieser Stelle nur, dass diese digitale »Karnevalisierung« (Michail Bachtin) zugleich auch eine praktische Lösung für das ersehnte Recht auf Vergessen brächte. Denn die Lehre des oben zitierten Verfassungsgerichtsurteils lautet: Je chaotischer die Informationen über jemanden, umso wahrscheinlicher, dass man sie vergisst. Die im Zuge der digitalen Muppet-Show hochgeladenen Daten würden heillos vervielfältigt, überkomplex und möglichst inkohärent, kommerziell und geheimdienstlich unbrauchbar. Die Profile taugten nicht länger als »Personalien«, denn sie wären viel zu bekloppt, um noch geglaubt zu werden. Eben dies wäre die Lösung: Was ohnehin niemand glaubt, verfängt auch nicht, bleibt nicht hängen – und muss so auch nicht aufwendig vergessen werden.

Bild: https://wall.alphacoders.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

Ein Kommentar