Recht auf Vergessen | Virale Videos

Im April 2015 fellationierte die aus dem Umland Neapels stammende Tiziana Cantone einen biologisch offenkundig männlichen Zeitgenossen, welcher sie bei der Ausübung dieser Tätigkeit mit seinem Mobiltelefon filmte. Als sie dies bemerkte, äußerte Cantone: »Stai facendo un video? Bravo!« (»Machst du ein Video? Gut so!«). Dass sie zu diesem Zeitpunkt der Aufzeichnung zustimmte, lag offenbar darin begründet, dass sie sich mittels der so entstandenen Aufnahmen an ihrem allzu promisken Ex-Freund rächen wollte. Allerdings bekam nicht nur besagter Ex-Freund diese Aufnahme zu sehen. Der passive Teilnehmer des oralen Stelldicheins schickte die in Bild und Ton festgehaltenen Aktivitäten per Whatsapp an einige Bekannte, die sie ihrerseits weiterverbreiteten, woraufhin sie nach nur kurzer Zeit zuhauf im Internet kursierten.

Misogyne Trolls

Vermutlich nur für Muttersprachler nachvollziehbar, gelangte dabei vor allem Cantones in neapolitanischer Mundart geäußerte Drehgenehmigung zu trauriger Berühmtheit. Sie animierte nicht nur im weltweiten Netz zahllose misogyne Trolls, unterfickte Nerds und sonstige Stubenhocker zu Unmengen von zwar hämischen, aber weitgehend humorfreien Parodien. Auch auf Tassen, Telefonhüllen, Schlüsselanhängern, Autoaufklebern, T-Shirts und Strampelanzügen fand sich »Stai facendo un video? Bravo!« nun abgedruckt. Und einige Betriebe schreckten auch nicht davor zurück, sich des Zitats zu bedienen, um für ihre Produkte zu werben. Cantone indes verlor aufgrund ihrer ungewollten Bekanntheit ihren Arbeitsplatz. Um der anhaltenden öffentlichen Demütigung zu entgehen, beantragte sie eine Namensänderung, zog in eine andere Region Italiens und verklagte jene Netzwerke, in denen die Aufnahmen veröffentlicht wurden. Ein italienisches Gericht gab ihr zwar Recht, entschied jedoch zugleich, dass Cantone die 20.000 Euro Gerichtskosten tragen müsse. Vor allem jedoch änderte das Urteil überhaupt nichts daran, dass im weltweiten Netz Hohn und Spott unvermindert anhielten. Cantone sah keinen anderen Ausweg mehr – am 13. September 2016 erhängte sie sich im Alter von 31 Jahren.

Obskure Zustände

Tiziana Cantones Schicksal ist gewiss ein besonders drastischer Fall von Cybermobbing. Aber er ist insofern paradigmatisch, als vor allem Frauen solchen elektronischen Hassattacken zum Opfer fallen – wobei die Mobber zumeist männlich sind. Wie es um den geistigen Zustand von Männern bestellt ist, deren bevorzugte Freizeitaktivität darin besteht, in sozialen Netzwerken Frauen zu erniedrigen, ist sicherlich ein Thema für sich. Allerdings kann man sich auch fragen, wie es um den geistigen Zustand von Frauen steht, die das Mittel des sogenannten »Revenge-Porn« wählen, um an irgendwem Rache zu üben. Die Frage, um die es jetzt jedoch gehen soll, lautet: Sollte es ein Recht auf Vergessen geben? Oder genauer gesagt: Sollte es ein Recht geben, vergessen zu werden? Oder noch genauer und vor allem mit Blick auf das Internet gefragt: Sollten Menschen das Recht haben, sie kompromittierende Dokumente endgültig löschen zu lassen?

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Beinhalten die fraglichen Dokumente Material, das von historischer, politischer oder sonstwie allgemeiner gesellschaftlicher Bedeutung ist, sollte es dieses Recht nicht geben. So sollten z.B. Adolf Hitler, Andreas Bader, Erich Mielke, Muhammed Atta oder Uwe Mundlos kein Recht darauf haben, dass ihre Taten zukünftig im weltweiten Netz keinerlei Erwähnung mehr finden. Und das beträfe selbst Details aus ihrem Liebesleben, sofern sie zur Erklärung ihres Tuns beitragen. Die intimen Aktivitäten und Äußerungen von Menschen wie Tiziana Cantone, die ausschließlich privater Natur sind, sollten indes ungeschränkt unter das Recht auf Vergessen fallen. Dies gilt nicht nur, aber gerade auch dann, wenn die fraglichen Menschen Opfer von Cybermobbing werden. Hier sollte nicht nur das unbedingte Recht auf sofortige Löschung personenbezogener Dokumente gelten, sondern auch das unbedingte Recht darauf, dass derartige Dokumente gar nicht erst veröffentlicht werden.

Vernünftiges Vergessen

Gewiss kann man jemandem ebenso wenig verbieten, selbst und freiwillig kompromittierende Dokumente über sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren, wie man ihm verbieten kann, in Pornofilmen oder Reality-Spielshows aufzutreten. Aber dass Menschen so frei sind, auch Torheiten zu begehen, kann nicht als guter Grund dafür herhalten, ihnen das Recht auf den Versuch abzusprechen, begangene Torheiten zu revidieren. Denn die menschliche Lebensform ist die Form der vernünftigen menschlichen Person. Und begangene Torheiten zu revidieren, ist vernünftig. Nähme man Menschen also das Recht des Versuchs darauf, so würde man sie nicht länger als das würdigen, was sie ihrer Form nach sind, nämlich vernünftige menschliche Personen. Da die Löschung personenbezogener Dokumente, welche ausschließlich privater Natur sind, Bestandteil des Versuchs sein kann, begangene Torheiten zu revidieren, sollte es daher ein allgemeines Menschenrecht sein, derartige Dokumente dem Vergessen anheim geben zu können.

Bild: Papierkorb-Symbol in Mac OS X Yosemite

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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