Reaktion | Ganz oder gar nicht!?

Vor hundert Jahren wurde erstmals die Demokratie in Deutschland heimisch – und ist es trotz aller zwischenzeitlichen Niederlagen und Demütigungen geblieben. Es gibt also allen Grund, an die revolutionären Ereignisse jener Novembertage zu erinnern, als mutige Matrosen in Kiel nicht mehr willens waren, sich am Ende eines von Anfang an sinnlosen Krieges ihr Leben von einem sturköpfigen Monarchen nehmen zu lassen. Und das nur, weil dessen vor lauter Standesdünkel schon ganz besoffenen Militärs es vorzogen, in der Nordsee kalter Fluten ihr Ehren-Heil zu suchen, anstatt das einzig Vernünftige zu tun, nämlich Frieden zu schaffen. Einigen glücklichen Fügungen sei’s gedankt, dass diese Erhebung nicht derart desaströs niederkartätscht wurde wie weiland 1848/49. Doch die Geburtsstunde der ersten deutschen Republik erstrahlte keineswegs als gleißend helle, da bereits deren mehrfache Ausrufung einen verhängnisvollen Schatten über das künftige Geschehen warf. Bereitete diese Unentschiedenheit zwischen Revolution und Reaktion letztlich den Boden für eine totalitäre Diktatur? Und folgt daraus etwas für unsere Gegenwart?

Sag’ mir, wo du stehst

Ob es sich wirklich um ein Scheitern der Demokratie handelte, liegt zunächst einmal im Auge des Betrachters und dessen politischer Einstellung. Denn es lässt sich mit prima facie überzeugenden Gründen sowohl dafür argumentieren, die Revolution sei auf halbem Wege stecken geblieben, als auch dafür, dass gerade eine ordnungserhaltende Reaktion das Volk vor den chaotischen Folgen einer ergebnisoffenen Revolution bewahrt habe. Allerdings sind solche Stellungnahmen lediglich ein erster Schritt, um dem Verhältnis von Revolution und Reaktion auf die Spur zu kommen.

Wie vertrackt eine solche Unterscheidung ist, offenbarte vor einiger Zeit in beschämender Komik der bajuwarische Mobilitätspatron Dobrindt, als er allen Ernstes von einer »konservativen Revolution« schwadronierte, womit er nicht nur im Leimtopf der Neuen Rechten rührte, sondern selbst als dicker Schmeiß auf dem Fliegenpapier der Geschichte kleben blieb. Interessant ist allemal, wie sich dergestalt reaktionäres Beharren und revolutionäres Streben in einem dialektisch verzerrten Oxymoron betrachten lassen, gar schaurig-schön anzuschauen wie in einer Reichskristallnachtkugel.

Und welchen Weg du gehst

Ein üblicher Vorwurf der Reaktion lautet, Revolutionen produzierten bloß Unordnung und seien um des Bestehenden willen tunlichst zu vermeiden. Hierauf ließe sich zweierlei erwidern: Erstens geht es in echten und von einer Mehrheit der Bevölkerung getragenen Revolutionen – das heißt ohne Lenins diktatorische Berufsrevolutionäre – um die Verwirklichung von Ideen, wie ein besseres und menschenwürdigeres Leben möglich wäre. Und das bis dato Bestehende genügt diesem Anspruch offenbar nicht. Und zweitens wird bei einer Revolution zwar in der Tat die bestehende Ordnung außer Kraft gesetzt, schließlich soll eine weitgehende Umwälzung des status quo herbeigeführt werden. Doch Revolutionäre agieren nicht vollends freihändig, sondern setzen – sofern sie klug entscheiden – in der Umbruchsituation wiederum selbst Regeln in Kraft, an die man sich während der Revolution auch hält, bevor eine Konsolidierung in verändert geordneten Verhältnissen erfolgt. Freilich, diese Dynamik von Revolutionen beschwört Ängste herauf, weil in solchen, von zahlreichen nicht planbaren Ereignissen geprägten Umbruchsituationen eine gelingende Verwirklichung revolutionärer Ideale nicht garantiert ist. Sicher ist nur: Es kommt zu Veränderungen, die letztlich alle Gesellschaftsschichten betreffen. Den einen ist das nur recht, sie wollen und ersehnen diese Veränderung, die anderen fürchten sich davor und fühlen sich von revolutionären Umtrieben unnötig genötigt.

Zurück oder Vorwärts?

Die »traditionellen« Sozialdemokraten mussten sich spätestens nach der blutigen Niederschlagung des Spartakusaufstandes mit Schützenhilfe durch rechte Freikorpsverbände die Frage gefallen lassen, wie fortschrittlich der überstürzte Versuch einer schnellstmöglichen Rückkehr zur bürgerlichen und damit besitzstandswahrenden »Ordnungsnormalität« überhaupt sein kann. Schon Engels und Marx hatten mit aller Schärfe ein bloß reformistisches Bestreben kritisiert, welches den eigenen Ansprüchen auf Veränderung der Gesellschaft nicht mit der nötigen Konsequenz und Radikalität gerecht wird. Insofern ist die erste erfolgreiche Revolution in Deutschland wohl auf halben Wege stehen geblieben, weil der progressive Schub einer umfassenden Demokratisierung nicht konsequent bis zu den wirklich basisdemokratischen Elementen einer Räterepublik geführt wurde – außer kurzzeitig im Freistaat Bayern, wo man damals noch wusste, was sich gehörte. Ob eine solche Gesellschaftsform »funktioniert« hätte, wissen wir nicht. Aber die Geschichte wäre anders verlaufen; wobei nicht auszuschließen ist, dass der Menschheit womöglich Einiges erspart geblieben wäre.

Wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zurück!

Und was geschah siebzig Jahre später? Als tausende Menschen in Leipzig über den Ring zogen und »Wir sind das Volk« riefen, weil sie die Bevormundung und den Dirigismus der Nomenklatura nicht mehr ertrugen und endlich ihre DDR selbstbestimmt mitgestalten wollten? Wie kam es, dass aus dem Bestreben, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu verwirklichen, schließlich die Forderung nach einem Volk unter dem wohlstandsverheißenden Schutz der D-Mark erwuchs? War das nicht eine reaktionäre Beruhigung des revolutionären Impulses von Bürgern eines Landes, denen im Lauf der Ereignisse doch etwas bang ums Herz wurde, wohin ihr eigener Mut sie getrieben hatte? Es scheint jedenfalls, dass damals die vorerst letzte Chance zur Verwirklichung einer Utopie vertan wurde, deren Ideen irgendwo auf dem Leipziger Ring abhanden kamen. Als Sachwalter der bestehenden Ordnung haben es die Berufsreaktionäre in den letzten Jahrzehnten erfolgreich vermocht, die Sache einer möglichen Revolution zu ihrer eigenen zu machen. Unter diesen Vorzeichen ist fraglich, ob gegenwärtig eine echte Alternative zur durchgreifenden und alle Lebensbereiche umfassenden Ökonomisierung in Angriff genommen werden kann. Aber wenn wir es schaffen sollten, die dafür nötige kritische Distanz zu finden und endlich zu handeln – dann bitte keine halben Sachen mehr!

Foto: skeeze, https://pixabay.com, CC0 1.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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