Reaktion | Gegen den »Genderismus«

Teile des Feuilletons haben applaudiert und einige Biologen sekundiert angesichts des von Peter Boghossian, James Lindsay und Helen Pluckrose jüngst lancierten »Hoax«: Dem Trio war es gelungen, drei mehr oder weniger unsinnige Beiträge – einen etwa zur Frage von Vergewaltigungen unter Hunden, einen anderen zu der Praxis des »Body-Fat-Building« – in ebenfalls mehr oder weniger einschlägigen Journals der Gender Studies unterzubringen. Bei einigen mag da die Hoffnung aufgekommen sein, dass man nun das argumentativ durchsetzen könne, was Orban ihrer Meinung nach in der Sache berechtigt, aber aus falschen Gründen gerade in Ungarn gemacht hat: Die Gender Studies abschaffen.

Das Erbe der Aufklärung

Der Begriff »Genderismus« ist als Kampfbegriff vor einigen Jahren durch den Kasseler Biologen Ulrich Kutschera im Rahmen eines Radiointerviews deutlich profiliert worden – ein Interview, in dem Kutschera nicht nur die Gender Studies mit dem »Kreationismus« in einen Topf geworfen hat, sondern sich auch wenig sattelfest in der Ideengeschichte zeigte. Ironischerweise widerspricht ein solches Labeling in besonders markanter Weise dem, dessen es sich verpflichtet glaubt: dem Erbe der Aufklärung. In Variation eines Gedankens Hans-Georg Gadamers lässt sich sagen, dass diejenigen, die sich auf die Aufklärung berufen, selbst über den Sinn dieses Begriffs aufgeklärt werden müssten. Der Gedanke, dass mit der Biologie ein erstes und letztes Fundament unseres Wissens über den Menschen gefunden wäre, ist absurd. Denn nicht allein kann die Biologie sich nicht selbst mit biologischen Mitteln als Wissenschaft rechtfertigen – zu sagen, sie sei »erfolgreicher« als andere Wissenschaften, ist kein Argument, denn die Wahrheit und Rechtfertigung einer These ist nicht identisch mit ihrem Erfolg. Vielmehr wird sie dann selbst zur Ideologie, wenn sie sich zu Aussagen aufschwingt, die gar nicht in ihren Kompetenzbereich fallen. Ein Biologe, der sich zu der Geschichte des Kampfes Homosexueller um Anerkennung äußert, ohne sich in kultur- und sozialgeschichtlichen Fragen wie ihren normativitätstheoretischen Grundlagen auszukennen, ist nicht besser als eine Philosophin, die sich zur Quantenmechanik äußert, ohne zu wissen, wovon sie spricht.

In Wahrheit werden die guten Beiträge der Gender Studies nämlich viel eher dem Erbe der Aufklärung gerecht als weltanschaulich betriebene Schlüsse vom Verhalten von Ameisen auf den Menschen. Keineswegs beruhen sie auf einer Leugnung biologischer Unterschiede oder auf der absurden These, man könne sich nach der Logik eines Multiple Choice Tests irgendein Geschlecht aussuchen. Sie weisen nur völlig zu Recht darauf hin, dass aus der Tatsache, dass man eine Gebärmutter hat, nicht folgt, dass man nicht arbeiten gehen darf oder nicht wählen darf, und dass aus der Tatsache der Dominanz bestimmter Verhaltensweisen bei Männern oder Frauen kein Schluss auf ein Wesen von Mann und Frau zu haben ist.

Realismus der Verantwortung

Es würde allen Kritiker*innen – und leider auch vielen Vertreter*innen des Feuilletons – gut bekommen, eine Autorin zu lesen, über die alle sprechen, ohne sie gelesen oder verstanden zu haben: Judith Butler. Denn hier kann man lernen, dass der Geschlechterunterschied ein realer ist, der aber nicht in seinen einzelnen symbolischen Repräsentationen – sei es in Biologie oder Soziologie – gänzlich aufgeht. Der Geschlechterunterschied ist nämlich keiner, der aus einer biologischen Grammatik folgt, sondern etwas, um dessen Aushandlung wir in unserem Zusammenleben nicht herumkommen. In kritischer Zurückweisung des reduktiven biologischen Naturalismus, aber auch des klassischen Differenzfeminismus, der die Geschlechterhierarchie, indem er sie umgekehrt, einfach reproduziert, machen die Gender Studies darauf aufmerksam, dass wir trotz unserer soziokulturellen Prägung für unser Handeln verantwortlich sind: Die Vergewaltigung einer Frau durch einen Mann lässt sich durch nichts entschuldigen und auch nicht durch eine Naturgeschichte der Vergewaltigung, die so tut, als würde sie einer bloßen Tatsache Ausdruck verleihen, wenn sie in Wahrheit doch eine partielle Rechtfertigung für sie liefert.

Der Hoax ist ein Hoax

Unsinn bleibt Unsinn, daran gibt es nichts zu deuten – auch wenn das eingangs genannte Trio mit seinem Body-Fat-Building-Projekt einer schönen Appropriation durch Body Artists Raum geben könnte. Peter Boghossian, der Philosoph des Trios, ist der Fachwelt bislang weniger durch eigenständige Forschungsbeiträge aufgefallen, sondern, wenn überhaupt, durch sein Engagement für die Richard Dawkins Foundation for Reason und Science – eine Institution, die nicht gerade durch ein begrifflich ausgearbeitetes Verständnis von wissenschaftlicher Praxis hervorgetreten ist. Wie ich zu zeigen versucht habe, verläuft die Linie von Rationalität, Wissenschaft und Aufklärung aber nicht zwischen der Biologie und den Gender Studies, sondern vielmehr zwischen weltanschaulich verengten Auffassungen der beiden, die immer schon wissen, was das Ergebnis zu sein hat, bevor die Frage gestellt worden ist. Die affirmativen medialen Reaktionen auf den Hoax haben die Kastrationsangst vor den Gender Studies in eine in Wahrheit selbst impotent geführte Debatte um deren Wissenschaftlichkeit verschoben. In diesem Sinne möchte man allen Beteiligten nicht allein raten, die Klassiker der Gender Studies erst einmal zu lesen, bevor man über sie urteilt. Vielmehr möchte man ihnen auch raten, durch ein Studium wissenschaftstheoretischer Fragen sensibel für die ideologische Dimension einiger ihrer Beiträge ebenso wie vieler derjenigen aus dem Umfeld der Dawkins Foundation zu werden.

Foto: René-e Yoxon, https://twitter.com

Zur Person Daniel Martin Feige

Daniel Martin Feige interessiert sich für alles, was mit Ästhetik zu tun hat. Er ist Professor für Philosophie und Ästhetik unter besonderer Berücksichtigung des Designs an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Ein Kommentar

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  1. Davide D'Alessandro · Dezember 14

    Jemand, der nicht in einer Beziehung ist, kann unmöglich die Rechte eine Frau hochpreisen, da sich die meisten relevanten Frauen nicht für solche Männer interessieren, behaupte ich aus Erfahrung. Sexualität ist ein Dominanzspiel wenn sie gut ist. Klar, es gibt da Unterschiede bei anderen, aber eben nicht bei allen.
    Je mehr ich mich mit den Grenzen einer Frau befasst habe bis hin zur Sexualität, desto gehemmter wurde ich und wem ist da also geholfen?
    Es gibt da eindeutige Fälle, das ist klar, aber eben nicht nur.
    Ich plediere dafür, dass man Männern, die nicht in einer Beziehung sind, das Recht zu gesteht, sich nicht zu sehr mit den Rechten der Frauen zu befassen, zumindest aber würde ich mir wünschen, dass man diesen Punkt mit in seine Überlegung mit einfließen lässt.