Reaktion | Reiz der Revolution

Im Herzen des einst so revolutionären Paris tobt dieser Tage ein entfesselter Mob, dessen Steuersenkungssehnsüchte auf den ersten Blick eher reaktionär als revolutionär anmuten. An die Stelle der stolzen Trikolore sind neongelbe Warnwesten getreten, deren ureigenste Funktion es ist, an Bau- oder Unfallstellen visuell Alarm zu schlagen. Und ganz offenkundig ist es hier die Bau- bzw. Unfallstelle der französischen Demokratie selbst, die von diesen »Gelbwesten« – stellvertretend auch für andere westliche Demokratien – noch weiter demoliert werden soll. Ein breites, aber politisch diffuses Bündnis, das sich dezidiert parteifern geriert, wettert und wütet gegen einen Präsidenten, der nur deshalb ins Amt kommen konnte, weil auch er sich dezidiert parteifern inszenierte (sein Wahlkampfbuch hieß »Revolution«). Ähnlich widersprüchlich fallen dann auch die Reaktionen einflussreicher Kommentatoren aus: Der Philosoph Alain Finkielkraut feiert den »würdevollen Ausdruck von Leid und Verzweifelung« auf Seiten der Demonstrant_innen, der Publizist Bernard-Henri Lévy hingegen gibt sich farbenblind und diffamiert sie als »Braunwesten«. Wer hat Recht? Ist das einfach nur Krawall? Sind das am Ende die Vorboten einer neuen demokratischen Revolution? Oder eben doch nur die Agenten einer anti-demokratischen Reaktion?

Der Griff nach den Sternen

Während sich die Revolutionäre aller Länder seit jeher einbilden, in die Zukunft zu kämpfen und die bestehende Ordnung umzustürzen, war der Begriff der Revolution schon immer klüger: Der Astronom Nikolaus Kopernikus benutzte ihn einst zur Kennzeichnung gesetzmäßig und mithin kreisförmig verlaufender Bewegungen der Himmelskörper. Ein Planet, der eine »Revolution« vollziehe, so Kopernikus, kehre berechenbar an einen bestimmten Ort zurück – so wie die Trommel eines Revolvers (lat. revolvere, »zurückrollen«). Das bedeutet: Revolutionäre Himmelskörper brechen auf, nur um am Ende wieder genau dort zu landen, wo sie zuvor gestartet sind. Folglich sind Revolution und Reaktion in diesem astronomischen Sinn immer schon zwei Seiten derselben Medaille.

Die politische Revolution will von Astronomie natürlich erst einmal nichts wissen. Sie bricht mit der bestehenden Ordnung, will ins Offene. Sie folgt »neuen Rechtregeln«, die sie im Vollzug des Bruchs mit den alten performativ »neu setzt«, wie Gunnar Hindrichs in seiner jüngst erschienenen »Philosophie der Revolution« gezeigt hat. Zwar passiert dies sehr oft gewaltsam, aber keineswegs notwendig mit Waffengewalt; wie etwa das ostdeutsche Beispiel von 1989 zeigt. Um von einer Revolution sprechen zu können, so Johann Benjamin Erhard in seiner zu Unrecht vergessenen Revolutionsschrift aus dem Jahre 1795, reicht es hin, dass es gelingt, die »Grundgesetze«, d.h. die für die bisherige Verfassung konstitutiven Rechtsprinzipien (z.B. Sozialismus, Planwirtschaft, Einparteienherrschaft, Volkseigentum) gegen neue Rechtsprinzipien auszutauschen (z.B. Gewaltenteilung, Demokratie, Menschenwürde, einklagbare Grundrechte).

Reiz-Reaktion-Schemata

Nun hat aber so gut wie jede historische Revolution stets schon die Gefahr einer – wenn auch zeitversetzten – Reaktion im Marschgepäck. Auf die Französische Revolution von 1789 folgte die Restauration der Bourbonen. Die europäischen Revolutionen von 1848/1849 entfesseln mittelfristig nationalistische Großmachtsgelüste. Die Proletarische Revolution von 1917 in Russland mündet schon bald in den stalinistischen Terror. Die deutsche November-Revolution von 1918 führt über den demokratischen Umweg der Weimarer Republik in die Katastrophe nationalsozialistischer Barbareien usw. Es scheint, als Löse der »Reiz« der Revolution fast notwendig ungute Rückstoßreaktionen aus: »l’action des unes et la réaction des autres« (Charles de Montesquieu). Stets zwingen reaktionäre Kräfte den revolutionär angestoßenen Prozess, wie einen Himmelskörper in dessen Umlaufbahn, wieder »auf Anfang« und gelegentlich, mit genügend reaktionärem Schwung, sogar weit hinter die ursprüngliche Ausgangsposition zurück.

Lokomotive im Rückwärtsgang

Auch der politische Widerstand, der sich derzeit in Paris formiert, trägt Züge einer erheblichen Ambivalenz. So ist es bezeichnend, dass dem Sprecherrat der »Gelbwesten« ein Lastwagenfahrer, ein Immobilienmakler und eine Hypnosetherapeutin angehören: Den Ersteren zieht es weg, der Zweite will und muss bleiben und die Dritte versteht sich auf das Zwischenreich eines Weder-weg-noch-da. Doch trotz oder gerade wegen dieser Widersprüchlichkeit könnte sich dieser Protest demnächst als »revolutionär« erweisen; wenn auch nur in dem Sinn, dass es eben auch revolutionär sein kann, die historisch erkämpften, neuen Grundgesetze wieder gegen die alten auszutauschen – oder gar gegen solche, die noch älter sind. Ähnliches gilt übrigens für die reaktionären Bestrebungen, die wir aus Dresden oder Chemnitz kennen. Sie können fraglos als verspätete Reaktionen auf die Revolution von 1989 gedeutet werden: Während die einen damals, kopernikanisch gesprochen, »nach den Sternen« griffen, sieht es für viele andere »finster« aus in Dunkeldeutschland. Der dort einst so verehrte Karl Marx hatte behauptet: »Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte«. Wer hätte gedacht, dass Lokomotiven nicht immer nur vorwärts fahren?

Ein Recht auf Revolution

Revolutionen sind nicht bloß dann Revolutionen, wenn sie einem aufgeklärten Linksintellektuellen sympathisch sind. Die entscheidende Frage lautet ohnehin, ob die betreffende Revolution legitim ist: Wann aber wäre sie das? Auf eben diese Frage hat der erwähnte Erhard bereits kurz nach der Französische Revolution die entscheidende Antwort gegeben: Eine legitime Revolution wird nicht etwa, wie derzeit in Paris, im Namen von Spritpreisen oder aber, wie derzeit in Ostdeutschland, im Namen der Abschaffung des Asylrechts ausgefochten: »Eine Revolution«, so Erhard, ist rechtmäßig nur dann, »wenn durch sie eine offenbare Beleidigung der Menschenrechte aufgehoben werden soll«. Für eben diese Rechtfertigung übernehmen stets die Revolutionäre selbst die politische und historische Beweislast.

Fotomontage: Arnd Pollmann

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

2 Kommentare

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  1. Florian Jakubowski · Dezember 8, 2018

    Lieber Arnd, vielen Dank für deinen wunderbaren Beitrag. Ungewöhnlich an diesem ist, aus meiner Sicht, der Teil „Lokomotive im Rückwärtsgang“. Der blasphemische Kommentar gegenüber Marx Aussage ist sehr gewagt von dir, zumal die Geschichte mehrfach zeigt, dass vor den meisten großen Revolutionen kleinere Revolten über einen längeren Zeitraum häufig stattgefunden haben und diese thematisch nicht immer, mit der eigentlichen Revolution d’accord waren. (Bestes Beispiel die französische Revolution) Vielleicht hat also Marx gerade recht und die Revolutionslokomotive steht kurz vor dem Start. Überhaupt kann man die Ereignisse in Chemnitz und Dresden sicher nicht als gut empfinden. Es wäre aber viel zu trivial die Ereignisse nur abzutun als Aufstand von Wendeverlierern, die in deinem Artikel in einer Region leben, die du mit dem diskriminierenden Begriff „Dunkeldeutschland“ bezeichnest. Also wirklich und das als Philosoph. Die Wahrheit ist die Leute die in Dresden auf die Straße gegangen sind, sind auf keinen Fall alles Wendeverlierer. Es sind zum Teil auch sehr viele Wendegewinner und Intellektuelle, mit bei den Protesten dabei gewesen. Diese haben sicherlich nicht bei den Gewalttaten mitgewirkt aber trotz alledem ihren politischen Unmut gezeigt. Überhaupt sind Dresden und mittlerweile Chemnitz auch, Regionen in „Dunkeldeutschland“ die gerade seit einigen Jahren einen unheimlichen wirtschaftlichen Aufschwung erleben. Du solltest diese Städte vielleicht einmal besuchen. Vielmehr zeigen die Ereignisse, dass vielleicht die Demokratie vor dem Verfall steht. Nach Platon ist das sowieso der Lauf den die Demokratie langfristig nimmt. Die Proteste zeigen ganz klar, dass sich die Menschen von der Trägheit der Demokratie und des Rechtsstaates, der sich gefühlt nur mit Selbstregulation die meiste Zeit beschäftigt, nicht mehr ernst genommen fühlen. Wen wundert es bei dem politischen Kasperletheater, der gerade so gebildeten großen Koalition.

    • Arnd Pollmann · Dezember 8

      Lieber Florian, schon, von dir zu hören! Das „finster“ passte einfach so schön zu „Dunkeldeutschland“, aber vielleicht hätte ich das auch noch einmal in Anführungszeichen setzten sollen. Ich meinte an besagter Stelle übrigens nur, passend zur Themenrunde, die „reaktionären“ Kräfte in Chemnitz und Dresden. Sicher sind da auch andere Menschen dabei gewesen. Insgesamt aber scheinen mir auch deine Überlegungen („Die Proteste zeigen ganz klar, dass sich die Menschen von der Trägheit der Demokratie und des Rechtsstaates, der sich gefühlt nur mit Selbstregulation die meiste Zeit beschäftigt, nicht mehr ernst genommen fühlen“) meine eigentliche These nur zu belegen: Die Vorkommnisse sind verspätete (enttäuschte) Reaktionen auf die Revolution von 1989. Auf hoffentlich bald einmal! Und P.S. Keine Bange, war ja selbst schon oft vor Ort! Zum Beispiel auch 6 Jahre in Magdeburg :-)