Reaktion | Konservative Revolution

UKIP, Jobbik, PiS, Lega Nord, Rassemblement National, Fremskrittspartiet, Sverigedemokraterna, Dansk Folkeparti, FPÖ, AfD! Donald Trump, Jair Bolsonaro, Matteo Salvini, Viktor Orbán, Sebastian Kurz, Heinz-Christian Strache, Geert Wilders, Marine Le Pen, Alexander Gauland, Bernd Höcke, Götz Kubitschek, Martin Sellner! Vergegenwärtigt man sich, was einem momentan an politischen Parteien und Figuren so alles zugemutet wird, könnte man fast meinen, man erlebe jetzt das, wovon Alexander Dobrindt zu Beginn des Jahres im Springer-Blatt Die Welt faselte, nämlich eine »konservative Revolution«. Aber das ist sowohl begrifflich als auch begriffsgeschichtlich fragwürdig.

Oxymoröse Begrifflichkeiten

Begrifflich betrachtet, ist eine konservative Revolution das genaue Gegenteil eines weißen Schimmels, nämlich ein hölzernes Eisen. Denn der Konservative zeichnet sich als solcher gerade dadurch aus, dass er die alte Ordnung bewahren will, statt umwälzende Neuordnungen von Gesellschaft, Kultur und Staat hervorzubringen. Anstelle des Oxymorons trifft das etwas in die Jahre gekommene und ein wenig nach Rudi Dutschkes Wollpullover müffelnde Wort »Konterrevolution« die Bemühungen vieler Konservativer daher vielleicht besser. Konterrevolutionäre reagieren auf Revolutionen nämlich mit angestrengten Restaurationsbemühungen, um die vorrevolutionären Verhältnisse möglichst weitgehend wieder herzustellen. Da es in letzter Zeit aber weder eine Revolution in den USA oder Brasilien gab noch in Ungarn, Italien, Österreich, Deutschland oder sonst einem Länder, in denen die »Neue Rechte« immer stärker wird, ist auch das Wort »Konterrevolution« deplatziert. Mit einer Revolution und einer Gegenrevolution hat das alles überhaupt nichts zu tun. Das einzige, womit wir es hier zu tun haben, ist Reaktion. Und dies durchaus in einem doppelten Sinne, nämlich sowohl im Sinne des Reagierens als auch im Sinne des Reaktionärseins.

Kapitalistische Nostalgie

Statt auf eine Revolution reagiert die »Neue Rechte« nur auf die konsequent globalisierte Fortführung jener bereits seit Langem bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die das menschliche Miteinander der Moderne nahezu vollständig bestimmt. Das ist der Kapitalismus. Dem globalen Kapitalismus der Gegenwart setzt die »Neue Rechte« den reaktionären Mythos vom guten alten nationalstaatlichen Kapitalismus entgegen — selbstverständlich mitsamt des ihm eingeschriebenen Nationalismus, Protektionismus und Leitkulturalismus sowie den daraus resultierenden vielfältigen Formen gesellschaftlicher Exklusion und Diskriminierung. Darin ist die »Neue Rechte« Al-Quaida und dem IS nicht ganz unähnlich, die auf den global entfesselten Kapitalismus mit dem Mythos vom wahren und wehrhaften traditionellen Islam reagierten. Allerdings ist der Mythos der »Neuen Rechten« noch absurder. Denn obgleich islamistischer Terror mit dem traditionellen Islam ungefähr soviel gemein hat wie Nationalsozialismus mit Sozialismus, referiert dieser Terror ja immerhin noch auf etwas, das nicht schlicht eine Variante dessen ist, wogegen er kämpft. Die traditionelle islamische Glaubensgemeinschaft ist nämlich keine Variation der kapitalistischen Gesellschaft. Die »Neue Rechte« indes will bloß wieder zurück zum nationalen Kapitalismus des vergangenen Jahrhunderts. Donald Trumps ökonomische und kulturelle Sehnsüchte beziehen sich auf eine USA der 1950er und 1960er Jahre, wo noch echte weiße Männer unter Pittsburghs qualmenden Schloten das gute amerikanische Stahl schmolzen. Alexander Gaulands politische und kulturelle Träume handeln von einer Bonner Republik, in der Alfred Dregger noch frank und frei behaupten konnte, dass Hitlers Angriff auf die Sowjetunion »nicht grundsätzlich falsch« gewesen sei, während Bischof Dyba Homosexualität als krankhafte »Degeneration« und den Beratungsschein der Schwangerschaftskonfliktberatung als »Lizenz zum Töten« bezeichnen durfte.

Widerspenstige Begriffsgeschichte

Auch begriffsgeschichtlich liefert die »konservative Revolution« nicht sehr viel Stoff, aus dem sich die »Neue Rechte« einen schönen demokratischen Deckmantel schneidern könnte. Denn historisch betrachtet nahm dieser Begriff in Deutschland seinen Ausgang bei all jenen monarchistisch-feudalistisch gesinnten Bildungsbürgern, die mit Gott, Kaiser und Vaterland sowie Muttersprache und Hugo von Hofmannsthal im esoterisch verklärten Urschlamm Germaniens nach einer großdeutschen Kulturnation stocherten. Ein paar Jahre später bezeichnete dieser Begriff dann die lose Ansammlung einiger jungkonservativer Herrenreiter, die sich vor allem um Franz von Papen scharrten. Diese schnittigen Burschen preußischer Provenienz lehnten das Programm der Nazis nicht etwa deshalb ab, weil es totalitär, nationalistisch, antisemitisch, rassistisch und ganz allgemein menschenverachtend war. Vielmehr blickten sie mit Despektion auf den Nationalsozialismus herab, weil er ihrer Ansicht nach eine ordinäre Massenbewegung darstellte, die zu populistisch, kollektivistisch und irgendwie nicht edel und elitär genug war. Wir kennen diese Haltung auch von den in philosophischen Kreisen nicht ganz unbekannten politischen Irrläufern Carl Schmitt, Ernst Jünger, Arnold Gehlen und Martin Heidegger.

Die »Neue Rechte« ist indes alles andere als elitär. Sie ist populistisch. Darin liegt ja das traurige Rätsel ihres momentanen Erfolgs. Mindestens in dieser Hinsicht ist sie den Nazis viel ähnlicher als den »konservativen Revolutionären«. Was früher der Volksempfänger war, sind heute Facebook und Twitter. Die um von Papen gescharrten Jungkonservativen hätten über Martin Sellners Projekt einer identitären Pop-Rechten jedenfalls ebenso die Nase gerümpft wie über den Parvenü Götz Kubitschek, der sich erdreistet, als dahergelaufener Lümmel mit obendrein noch polnischem Familiennamen ein deutsches Rittergut in Beschlag zu nehmen. Ebenso wie man bei so manchem Neo-Nazi mitunter kaum umhin kommt zu denken, dass zuallererst dieser Volksgenosse von den Nazis sofort als asoziales Gesindel ins nächste KZ gesteckt worden wäre, hat man auch nicht selten bei Vertretern der »Neuen Rechte« das Gefühl, dass es deutlich schlechter um sie bestellt wäre, würde das, wonach sie sich in ihrer reaktionären Einfalt sehnen, wieder Wirklichkeit sein. Vielleicht wissen diese Leute letztlich gar nicht, was sie tun. Vielleicht geht es diesen Leuten bei uns Demokraten einfach zu gut.

Bild: Engelbert Reineke, https://commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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