Quantified Self | Ist es vermessen, sich zu vermessen?

In modernen Gesellschaften ist die Lebenserwartung bisher immer weiter angestiegen. In einigen Ländern könnte es aber nun die ersten Jahrgänge geben, bei denen das anders ist. Verantwortlich dafür ist nicht der fehlende Zugang zur medizinischen Versorgung, sondern die Zunahme der Zivilisationskrankheiten, die maßgeblich durch Verhaltensweisen ausgelöst werden, die der Gesundheit nicht förderlich sind: Viele Menschen trinken, essen und rauchen zu viel und bewegen sich zu wenig. Auch der medizinische Fortschritt kann dagegen nicht anbehandeln, und so wird hier und da ein säkularer Trend wohl kippen. Die Sorge über diese Entwicklung trifft mit der kaum überraschenden und in gewisser Weise gegenläufigen Entwicklung zusammen, dass der Schutz und die Förderung der eigenen Gesundheit immer wichtiger werden in einer Gesellschaft, in der andere Grundbedürfnisse weithin befriedigt sind. Die paradoxe Situation entsteht, dass alle immer älter werden wollen, aber viele dafür so recht nichts tun wollen. Wir sind auf der einen Seite extrem empfindlich, wenn es um unsere Gesundheit geht, auf der anderen Seite aber auch reichlich achtlos. Die richtige Mischung von Gelassenheit und Sorgsamkeit ist noch nicht gefunden.

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Diese Unentschiedenheit kennzeichnet auch den Umgang mit den neuen Technologien der Selbstvermessung. Wem gruselt es nicht vor Zeitgenossen, die demnächst alle zehn Minuten auf ihrer Apple Watch besorgt ihren Herzschlag oder ihren Blutdruck kontrollieren werden und stündlich schauen, ob sie schon ausreichend bewegt haben? Der Werbetext von Apple dazu lautet: »Es geht darum, den ganzen Tag über aktiv zu sein. Daher misst die Apple Watch all deine Bewegungen. Egal, ob du mit dem Hund rausgehst, Treppen steigst oder mit deinen Kindern spielst. Sie merkt sich sogar, wenn du aufstehst. Und motiviert dich weiterzumachen. Denn alles zählt. Und das rechnet sich.« Nein, möchte man sagen, es geht nicht darum, den ganzen Tag aktiv zu sein: Das wäre ja wie ein Leben mit ADHS im Hamsterrad. Und zählt wirklich »alles»? Gibt es schon Studien, die wirklich belegen, dass an dieser ganzen »Sitzen ist das neue Rauchen«-Hysterie etwas dran ist? Um wieviel verlängert denn jede Treppenstufe (»alles zählt«) meine Lebenserwartung? Und selbst wenn sie es tut, dürften neun entspannte Jahre besser sein als zehn Jahre, in denen man sich um nichts als um genügend Bewegung gekümmert hat.

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Nun gibt es aber auch diese dicken Kinder, die schon in früher Jugend nicht mehr richtig gehen können, vom Sport treiben ganz zu schweigen. Täte denen eine Uhr, die sie gelegentlich daran erinnert, dass sie heute nur vor dem Fernseher oder dem Computerspiel gesessen und sich noch gar nicht bewegt haben, nicht vielleicht ganz gut? Wäre das nicht wie die elterliche Ermahnung, man könne ja auch einmal rausgehen, gegen die schwerlich etwas einzuwenden ist?

Weniger ist mehr

Dass nun ein paar besonders fitte, gesundheitsbefliessene und technikaffine Jungs in den Dauerwettstreit um die täglich, wöchentlich und jährlich zurückgelegten Kilometer treten, sollten wir gelassen hinnehmen: Das ist vermutlich eine Mode, die nicht lange vorhalten wird. Sorgen sollten wir uns eher um diejenigen machen, die sich schon gar nicht mehr trauen, diese Werte zu erheben. Was die einen übertreiben, könnten die anderen gut gebrauchen. Die Selbstvermessungstechniken werden das Gesundheitsverhalten und die Gesundheitszustände vermutlich weiter ausdifferenzieren.

Auf dem Wege in die Krankheitsprämie?

»Und das rechnet sich», sagt Apple. Da kommt man allerdings ins Schleudern. Warum nicht einfach »Das hilft Dir» oder »Das tut Dir gut«? Denkt da etwa jemand an steigende Kassenbeiträge für Bewegungsmuffel? Das gäbe der Sache tatsächlich eine andere Wendung: Es ginge dann nicht mehr um die Ermutigung zu gesundheitsförderlichem, sondern um die Bestrafung von gesundheitsgefährdendem Verhalten. Allerdings sollten wir als politische Gemeinschaft das Selbstbewusstsein haben, diesen Quatsch verhindern zu können, ohne kulturkritisch-herablassend auf diejenigen hinabzusehen, die sich um ihre Gesundheit Gedanken machen. Auch insoweit müssen wir die Balance noch finden.

Foto: http://work.poolhouse.eu

Zur Person Stefan Huster

Stefan Huster ist derzeit vor allem an bioethischen Fragen der gerechten Verteilung im Gesundheitswesen interessiert. Er lehrt Öffentliches Recht, Rechtsphilosophie, Sozial- und Gesundheitsrecht an der Uni Bochum.

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