Quantified Self | Vergessen im Vermessen

»Man muss fit sein«, »Man muss produktiv sein«, »Man muss flexibel sein«, »Man muss mobil sein«, »Man muss effizient sein«, »Man muss sozial kompetent sein«, »Man muss kreativ sein« usw. usf. Wir kennen all das längst. Aber es hört leider nicht auf. Denn derlei Geschwafel, das so typisch für die vergangenen post-fordistischen Dekaden war, hat in der eigentümlichen Subkultur der Self-Tracker einen neuen Klangkörper gefunden, der sich gerade anschickt, zum Mainstream zu werden – kräftig unterstützt von der Industrie, die einen riesigen Absatzmarkt für allerlei Quantified Self-Apps, Quantified Self-Tools und sonstigen Quantified Self-Firlefanz wittert. Über Struktur und Wirkungsweise dieses Geschwafels klärte uns allerdings bereits Martin Heidegger auf, als er seinerzeit in Sein und Zeit über das Dasein und das »Gerede des Man« nachdachte.

WasBinIch

»Oh, Heidegger nun also… gewagt, gewagt«, mögen die Leser_innen jetzt denken. Ganz besonders dieser Tage scheint es nämlich recht wahnwitzig zu sein, sich affirmativ auf das Denken Heideggers zu beziehen. Denn all diejenigen, die nicht mehr aus dem Lehnstuhl hochkommen, um auf eine Antifa-Demo zu gehen, haben jetzt Heideggers Schwarze Hefte als eine bequeme Möglichkeit entdeckt, ihre Sofa-Kartoffeligkeit zu kompensieren. Und daher gehört es nun offenbar zum guten feuilletonistischen Ton, auf Heideggers Antisemitismus zu verweisen, um so sein gesamtes philosophisches Œuvre zu verdammen. Aber das ist echt billig! Denn freilich ahnte man auch schon vorher, dass Heidegger politisch und menschlich recht abstoßend gewesen sein muss (siehe seine Freiburger Rektoratsrede). Und natürlich fällt es immer wieder schwer, sich vorzustellen, dass ein skrupelloser Opportunist und megalomaner Nazi-Bewunderer zugleich einer der brillantesten und tiefsten philosophischen Denker des 20. Jahrhunderts war. Aber möglich ist derlei durchaus. Und mit Blick auf Heidegger ist es nicht nur möglich, sondern eben auch der Fall.

Seinsvergessenheit

Heidegger hatte einst festgestellt, dass das Dasein (das wir jetzt einmal, nicht ganz korrekt, aber dafür behelfsmäßig hilfreich, mit »menschliche Person« übersetzen wollen) nicht wie anderes innerweltlich Seiendes ist. Vielmehr ist das Dasein von seinem Wesen her ein solches In-der-Welt-Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht. Heidegger nennt ein solches Sein »Existenz« und sagt dementsprechend, dass das Dasein existiert. Weil das Dasein existiert und es ihm also in seinem Sein um dieses Sein selbst geht, ist es auch immer schon insofern (vor-)ontologisch, als es nicht nur das Sein des innerweltlich Seienden, das es nicht selbst ist, auslegt, sondern auch sein je eigenes Sein, das Existenz ist, zu verstehen sucht und dadurch auf seine Möglichkeiten hin entwirft. Nun hat das Dasein allerdings die Tendenz, dieses wesentlich praktische Moment seiner Existenz selbst zu verschleiern, zu verdecken und zu vergessen. Denn es deutet sein Sein zumeist wie das Sein von innerweltlich Seiendem, das nicht Dasein ist. Infolgedessen neigt es dazu, sich als ein Seiendes im Seinsmodus der Vorhandenheit vorzustellen. Es begreift sich dann als ein bloß Vorhandenes, indem es sich selbst, wie aus praxisferner Beobachter-Perspektive, nicht anders betrachtet als z.B. Tische, Tulpen oder Tauben. Und dabei folgt das Dasein dann auch noch den gewohnten Kategorien und tradierten Vor-Urteilen, die im »Gerede« des »Man« zum Ausdruck kommen, wie Heidegger sagt.

Seinsvermessenheit

Vor dem Hintergrund von Sein und Zeit mutet es nun fast so an, als hätten die Jünger der Quantified Self-Bewegung eben diese Ausführungen Heideggers Wort für Wort gelesen, aber leider als Ratgeber-Literatur missverstanden. Denn offenbar haben sie die gerade zuvor beschriebene Seinsvergessenheit des Daseins zu ihrem Programm gemacht. Als seien sie sich selbst Tische, Tulpen oder Tauben, vermessen sie die Zustände ihres Körpers als ein bloß Vorhandenes. Und dabei folgen sie blind und stumpf und bar aller Kritik nur dem gewohnten Gerede des Man. Dass Self-Tracker sich so weder selbst »quantifizieren« noch »qualifizieren« noch »optimieren«, geschweige denn, überhaupt verstehen können, liegt auf der Hand. Denn sie selbst geraten hier gar nicht in den Blick. Aber vermutlich ist es ja genau das, was sie ausmacht und was sie wollen.

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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