Quantified Self | Slogan der Erbsenzähler

Die mit allen begriffsanalytischen Wassern gewaschene Philosophin der Gegenwart fragt sich, wenn sie die ihr zuvor noch völlig unbekannte Formel vom „Quantified Self“ hört, als erstes, was das – verdammt noch mal – überhaupt heißen soll. Was ist das, dieses Ding, das ein quantifiziertes Selbst genannt wird? Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung. Ok, ich verstehe ja, dass einige Menschen gerne all die Schritte zählen, die sie pro Tag, pro Woche oder von mir aus auch pro Jahr tun. Ich verstehe auch, dass sie es lustig finden, in Erinnerung an frühkindliche Doktorspiele, ständig und überall ihren Puls zu messen. Von mir aus können sie auch ihre tägliche Kalorienaufnahme mit akribischer Genauigkeit zählen. Doch was hat das mit dem Selbst oder gar seiner Quantifizierung zu tun?

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Man könnte meinen, es gäbe da eine philosophische Tradition, die in diese Richtung geht. Immerhin ist schon der Erzmaterialist Ludwig Feuerbach für sein Bonmot „Der Mensch ist, was er isst!“ berühmt. Doch natürlich war der Spruch poetischer gemeint, als die großen Kalorienzähler und Selbstquantifizierer es zu träumen – pardon, zu berechnen – wagen. Immerhin ging es schon Feuerbach und nicht erst Marx bei diesem Satz um soziale Verhältnisse und ihre Kritik.

Die wissenschaftliche Rettung des Selbst

Vielleicht hilft es bei der Suche nach der Bedeutung des zu quantifizierenden Selbst, sich an denjenigen sozialen Feldern zu orientieren, in denen die Quantifizierung üblicherweise den Ton angibt. Das sind klarerweise die Naturwissenschaften und die Ökonomie. Da muss alles quantifizierbar sein, denn sonst ist es nicht berechenbar. Was nicht berechenbar ist, kann nicht strengen wissenschaftlichen Analysen unterworfen werden. Was nicht strengen wissenschaftlichen Analysen unterworfen werden kann, das existiert im Zweifelsfall auch gar nicht. Aha, rufen wir Selbstsucher dazwischen, hier haben wir das Grundmotiv für die Selbstquantifizierungsbewegung gefunden. Es geht um viel, wenn nicht gar um alles. Es geht um die wissenschaftliche Rettung des Selbst!

Selbstlose Wissenschaften

Blöd nur, dass so etwas wie ein Selbst in den Naturwissenschaften gar nicht auftaucht. Da gibt es nur Materie und Energie, in unserem Fall also nur Körper, Kalorien und Hirnströme. Das war es dann auch schon. Mit Selbst ist da nichts. Im ökonomischen Denken gibt es zwar noch den homo oeconomicus. Aber auch der fällt vor allem durch seine Selbstlosigkeit auf – ok, nicht gerade im moralischen, aber dafür umso stärker im metaphysischen Sinne. Er hat gar kein Selbst, sondern ist nur eine Nutzenmaximierungsmaschine und kann deswegen natürlich auch nicht ausnahmsweise mal selbstlos handeln. Ist die Quantifizierung des Selbst also ein Kind der Ökonomisierung der Lebenswelt? Müssen wir unseren Foucault jetzt doch noch einmal auspacken und die totale Verinnerlichung der Subjektivierung durch Objektivierung mittels der Selbstquantifizierung diagnostizieren? Ich weiß, das klingt einerseits total abgefahren, andererseits aber irgendwie auch komisch. Das ist halt Foucault. Zum Glück aber können wir ihn getrost wieder einpacken…

Graf Zahl

Denn ganz ehrlich: Es lohnt sich nicht, noch weiter nach dem Selbst im quantifizierten Selbst zu suchen. Das ist doch nur ein Werbeslogan einer Bewegung von Erbsenzählern, die sich gerne wichtigmachen möchten. Solch eine plakative Angeberei sollte man nicht unterstützen. Mag doch jeder zählen, was, wen und wie viel er oder sie will. Viele Leute zählen die Sessel und Lampen im Theater, wenn sie sich mal wieder total langweilen. Manche Leute versuchen auch ihre Haare oder Leberflecke zu zählen. Fast alle zählen ihr Geld. Ein paar Leute zählen halt gern noch andere Dinge. Mögen sie doch zählwütig sein. In einer liberalen Gesellschaft, die noch die absurdesten Lebensentwürfe gutheißt, können sie das so handhaben, wie sie wollen. Es gibt doch unendlich viel seltsamere Persönlichkeitstypen als Graf Zahl – z.B. Theaterregisseure und Fußball-Ultrafans. Die muss man ja auch respektieren. Und eine unbequeme Mahnung für die Kulturpessimist_innen zum Schluss: Es gibt auch Kontexte, in denen diese Zählerei wirklich hilfreiche Informationen liefert, zum Beispiel bei chronisch kranken Menschen.

Foto: Barry Stock, www.flickr.com, CC BY-SA 2.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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