Quantified Self | Das vermessene Selbst

Endlich ist die lang ersehnte Apple Watch auf dem Markt. Aber die verwöhnte Fanbase ist entzweit. Denn neben den bereits bekannten Mankos – Iphone-Zwang, irrer Preis, schwächelnder Akku – bekommt das schöne Image nun auch noch einen kardiologischen Knacks: Wie Spiegel-Online berichtet, versagt der eingebaute Herzfrequenzmesser, wenn am Unterarm der Humanschnittstelle ein dunkles Tattoo prangt. Den lichtempfindlichen Fotodioden entgeht so die durch das Handgelenk pulsierende Blutmenge. Zum Glück ist die Apple Watch nicht auch noch rassistisch, die Hautfarbe spielt keine Rolle. Aber ein Pulsmesser, der beim Einkauf im Bio-Markt nicht vor gefährlich erhöhtem Herzschlag warnt? Das ist ja fast wie eine Uhr, die die Zeit nicht anzeigt (weil der Akku ständig leer ist) oder wie ein Gewehr, das nicht schießt, wenn es heiß her geht. Wer also seine Zugehörigkeit zum Körperschmuck-Mainstream durch ein schickes Tribal zur Schau trägt, kann fortan nicht zugleich auch mit dem Apple-Mainstream schwimmen: »When two tribes go to war/ A point is all you can score/ Score no more/ Score no more« (Frankie goes to Hollywood).

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Tatsächlich geht es bei der Apple Watch primär ums Zählen und Scoren. Die Uhr kann sehr vieles nicht, aber rechnen kann sie, und Gesundheitsdaten sammeln, direkt an die Krankenkasse weiterleiten, Kreditkartenfunktionen übernehmen. Dieser digitale Mix aus Erregungsthermometer, Petze und Portemonnaie enthüllt die tieferliegende Wahrheit hinter dem neuen Gadget aus Cupertino: Die Smartwatch steht vollends im Dienste jenes hippen panoptischen Trends namens »Self-Tracking« oder »Quantified Self«, der epidemisch grassiert und uns irgendwann ganz sicher alle umbringen wird.

Numbers count

Das Self-Tracking wird überwiegend per App exekutiert: Kalorien kalkulieren, Schritte zählen, Bewegungsmuster erfassen, Joggingrunden posten, Schlafrhythmen aufzeichnen. Der Körper wird zur Datenquelle. An die Stelle des Tagebuchs tritt die Excel-Tabelle. Aus praktischer Selbsterkenntnis wird eine Frage des Einmaleins. Irgendwann einmal lässt sich die eigene Lebensgeschichte als Zahlenkolonne darstellen. Weicht man vom Pfad der Tugend ab, bekommt man eine SMS oder auch einen »Stups« in den sozialen Netzwerken. Von diesem Potenzial digitaler Gadgets hätte nicht einmal Foucault zu träumen gewagt: Die spätkapitalistische Disziplin des Sich-ran-Haltens wird endgültig inkorporiert. Man fühlt sich unentwegt beobachtet und gemaßregelt, obgleich das in Wahrheit überhaupt niemanden interessiert. Man malträtiert das Objekt dieser Kalkulationen, den eigenen Körper, bis er analytisch sowie physisch zerlegt ist und Selbstoptimierung in Selbstzerstörung umgeschlagen ist.

Body count

Total übertrieben? Hier nur ein Beispiel: William Flint wollte einen neuen Geschwindigkeitsrekord mit seinem Rennrad aufstellen. Er nutzte das in Fitnesskreisen verbreitete Gratis-App von strava.com, um seine Leistung per Internet und in Echtzeit mit anderen Sportlern zu vergleichen und indem er GPS-Daten wie Geschwindigkeit, Steigungsgrade, Streckenlänge und Kalorienverbrauch aufzeichnete. Im Ranking »King of the Mountains« stand Flint lange Zeit an erster Stelle. Als er eines Tages von der Spitze verdrängt wurde, konnte er das nicht auf sich sitzen lassen. Die App zeigte 60 km/h an, als er in ein entgegenkommendes Auto fuhr.

An Apple a day

Aber was tut man nicht alles für seine Fitness? Sie mag nicht alles sein, aber ohne sie ist alles nichts. Und man hat das alles selbst in der Hand. Das Self-Tracking ist ein tugendethisches Gebot höchster Priorität. Unentwegt Ärzte zu konsultieren, sagt schon Platon in der Politeia, ist dagegen ein Zeichen verdorbener Sitten. Fit for Fun also? Schon Frankie goes to Hollywood wusste: Der Eintritt in den Pleasuredome des Lebens wird mit Schmerzen bezahlt. Was folglich die Apple Watch angeht: Klare Kaufempfehlung an alle, die ohnehin nicht mehr alle Megabyte auf der Platte haben!

Foto: Terry Johnston, www.flickr.comCC By 2.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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