Pro Familia | Die Zerstörung der Familie

Auf einmal scheint es in der Politik, in den Medien, in der Zivilgesellschaft allgemein nur um die Familie zu gehen. Hauptsache die Familie bleibt heile. Aus diesen Diskussionen wird deutlich, es gibt sie scheinbar: Die unschlagbaren Argumente und konsensträchtigen Grundlagen jeglicher Gesellschaftsvisionen und Zukunftsspekulationen, jeglicher paradiesischer Zustände und Horrorszenarien.

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Es geht um den Ausgangspunkt: »Es gibt Familie« (gleichgesetzt mit einer heterosexuellen Mutter-Vater-Kind-Familie mit traditioneller Rollenaufteilung; was auch immer »Tradition« in diesem Zusammenhang bedeuten soll). Interessant ist hier nicht primär die Karriere des Begriffes »traditionelle Familie«, sondern interessant sind die Konsolidierungen und argumentativen Selbstverständlichkeiten, die sich aus diesem Familienkonstrukt speisen (die auf romantischer Liebe basierende Familie, die nicht unbedingt generationsübergreifend lebt und Kinder nicht als Alterssicherung oder Produktionskraft, sondern als Sinn des Paarzusammenlebens und als Lebensmittelpunkt sieht, hat eine eher kurze Tradition).

Die heilige Familie

Das scheinbar universale und unschlagbare Argument lautet: »Wenn XY, dann ist die traditionelle Familie zerstört. Deshalb darf XY nicht sein«. Der Charme dieser Argumentation ist zweidimensional: (a) Es ist nicht notwendig, die Argumentationskette weiterzudenken, denn die Zerstörung der »traditionellen« Familie suggeriert das Ende der Menschheit. Die Menschen vermehren sich dann nicht mehr, also stirbt die Menschheit aus. Die Aufrechterhaltung der Menschheit scheint ein Wert an sich zu sein; (b) Da die traditionelle Familie rein rhetorisch, und nicht etwa durch historische oder anthropologische Forschung zur solchen deklariert wird, ist es immer möglich, neue »Traditionselemente« hinzuzufügen, und so kann das böse XY alles sein – ob Bildungsreformen, Frauenquote, Öffnung der Ehe für Homosexuelle oder die europäische Integration.

Wissenschaft als Werkzeug des Teufels

Selbst der soziologische Konstruktivismus kann dieses XY sein. Denn man kann ihn, so scheint es, als Mittel zur Zerstörung der Familie verstehen – so wird die Wissenschaft zu einem Werkzeug des Teufels. Ein Beispiel: Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Leisenberg kritisierte in einer Rede auf dem Forum Familie 2014 in Stuttgart (auf youtube.com auffindbar) den Konstruktivismus, den er für eine Kreation M. Foucaults, S. de Beauvoirs und – wieso auch immer – B. F. Skinners hält, als eine vorwissenschaftliche Denkweise, die das Leitbild des biologisch Festgelegten nicht akzeptiere. Dieser Denkweise gegenüber gelte es, so Leisenberg, das biologische »Geschlecht« zu retten, welches angeblich auch die Genderrollen und somit den Familienfortbestand sichert.

Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten

So wie man mich nicht an komplexe Ingenieurskonstruktionen heranlassen sollte, so sollte sich auch jener Prof. Dr.-Ing. vom sozialwissenschaftlichen Konstruktivismus fernhalten; auch wenn seine Rede eine schöne Illustration zum obigen Punkt b enthält. Die Verschwörung der Konstruktivisten dient laut Leisenberg nämlich dazu, die Menschheit durch die De-Konstruktion der Genderrollen zu desorientieren und somit zu gefügigen Bürger_innen zu machen, welche autoritäre Regierungen akzeptieren. Hier haben wir es: Die Familie mit traditionellen Genderrollen ist Garant der demokratischen Freiheit und die letzte Festung der Demokratie; freilich bedroht durch Foucault etc. Besonders schön an dieser schrägen Argumentation ist übrigens, dass eines der primären Argumente der Gender-Lehrpläne und Gegner_innen des Adoptionsrechts für Homosexuelle selbst zutiefst konstruktivistisch ist, und zwar die Überzeugung, dass Kinder eindimensionale Rollenmodelle bräuchten.

Foto: www.vfgonline.ch

Zur Person Tatjana Zimenkova

Tatjana Zimenkova fragt sich, wie aus Menschen in formalisierten hierarchischen Bildungskontexten frei partizipierende Bürger*innen werden (sollen). Sie ist Juniorprofessorin für Diversität und Differenz in Schul- und Unterrichtsforschung an der TU Dortmund.

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