Pro Familia | All You Need Is Love

Nur die wenigsten Konservativen in der CDU/CSU haben je wirklich das Niveau erreicht, auf dem der legendäre Norbert Geis seinen konservativ-katholizistischen Dadaismus als eigenständige Kunstform etablierte (etwa dadurch, dass er Madonna-Konzerte als blasphemisch verbieten lassen wollte). Als Geis 2013 aus dem Bundestag ausschied, wirkte es daher fast so, als hätte der letzte große konservative Eskapist die politische Bühne für immer verlassen und seine weitgehend argumentationsfreie Folklore würde nie wieder aufgeführt werden. Doch nun hat das Warten all jener, deren politische Heimat im Komödiantenstadl liegt, ein Ende! Das CDU-Mitglied Hedwig Freifrau von Beverfoerde hat mit ihrer »Initiative Familienschutz« den konservativen Eskapismus im Geiste Geis´ zu neuem Leben erweckt, wie sie unlängst mit einem Appell an die Bundeskanzlerin unter Beweis stellte.

Yesterday

Unter dem knuffigen Titel »Ehe bleibt Ehe!« steht dort zu lesen, dass jedes Kind ein natürliches Recht auf Vater und Mutter habe, da es der Natur des Menschen entspräche, durch den Liebesakt zwischen Mann und Frau gezeugt zu werden. Der verbindliche Rahmen dieses Liebesakts sei aber seit jeher die Ehe. Denn als Keimzelle von Familie und Gesellschaft gründe sie von ihrem Wesen her in einem urwüchsigen vorstaatlichen Lebensbund zwischen Mann und Frau. Eben deshalb sei es auch so verwerflich, wenn der Staat sich nun anschicke, die Institution der Ehe für gleichgeschlechtliche Verbindungen zu öffnen. Dann müssten demnächst nicht nur alle Arten von Polygamie als Ehe anerkannt werden. Vielmehr führe die Ausweitung der Ehe auch dazu, dass gleichgeschlechtliche Ehepartner vermehrt ein Recht auf eigene Kinder geltend machen werden. Volladoptionen durch Homosexuelle, künstliche Befruchtungen und die baldige Legalisierung der Leihmutterschaft wären dann unabwendbar; wodurch das natürliche Recht des Kindes auf Vater und Mutter dauerhaft verletzt werden würde.

Hoppenstedt

Dieser Appell ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass es noch unerschrockene CDU-Mitglieder gibt, die Geis´ konservativen Eskapismus unbeirrt fortsetzen und die sich bei ihrer Flucht vor der Wirklichkeit auch nicht dadurch aufhalten lassen, dass die Gefahr des Realitätsverlusts droht. Zwar ist es nicht ganz unrealistisch, davon auszugehen, dass Menschen im Allgemeinen dadurch gezeugt werden, dass weibliche mit männlichen Menschen, aber ohne Verhütungsmittel koitieren. Allein aus diesem biologischen Faktum das natürliche Recht eines Kindes auf Vater und Mutter abzuleiten, ist allerdings mehr als nur abenteuerlich. Denn wie gelangt man vom biologischen Faktum der Zeugung zum individuellen Recht eines einzelnen Kindes? Ein Recht worauf eigentlich? Tatsächlich auf die Erzeuger, wie es die Formulierung des Appells nahelegt? (Und was sollte das nun heißen?) Oder auf deren nicht nur biologische, sondern auch soziale Elternschaft? Oder auf soziale Elternschaft an sich, die nicht notwendig an die biologische Elternschaft gebunden sein muss? Ohne dass man das Bestehen so genannter natürlicher Rechte des Menschen schlechthin bestreiten muss, scheint es sich jedoch bei dem jetzt behaupteten Recht einfach nur um Unfug auf Stelzen zu handeln, sofern nicht mehr dazu gesagt wird.

Do You Want to Know a Secret?

Unfug deutet sich aber auch dann an, wenn die Ehe heutzutage noch als exklusive Keimzelle von Familie und Gesellschaft charakterisiert wird. Denn einerseits gibt es Unmengen von Ehepaaren, die zwar immer pünktlich zum Wochenende GV, OV, AV, CBT, BDSM usw. absolvieren, dabei jedoch keineswegs auf Reproduktion aus sind, sondern neben den erwähnten Leibesübungen auch noch steuerliche und andere geldwerte Vorteile genießen möchten. Andererseits gibt es aber auch unverheiratete trans-, homo-, bi- und hetero-sexuelle Paare, die gemeinsam Kinder auf- und erziehen, indem sie ihnen elterliche Liebe, Fürsorge und Bildung angedeihen lassen. Dies lassen zweifelsohne auch Non-Paare — sprich: Alleinerziehende — ihren Kindern zukommen, wohingegen so manches verheiratete Hetero-Paar weitgehend desinteressiert an seiner Nachkommenschaft ist oder sie gar psychisch und/oder physisch misshandelt.

All My Loving

Wenn wir keine konservativen Eskapisten sein wollen, sollten wir daher anstelle der heterosexuellen Ehe besser jegliche Form von liebevoller Elternschaft staatlich unterstützen. Und zwar einerlei, ob diese Elternschaft nun mit oder ohne Trauschein Wirklichkeit ist. Einerlei, ob die Beziehung der Eltern nun unter die Kategorie des Trans-, Homo-, Bi-, Hetero- oder Non-Paars fällt. Einerlei, ob die Eltern in mono-, poly- oder sonstwie -gamen und -amourösen Beziehungen leben. Und einerlei, ob wir die biologische Genese der Kinder nun als natürlich begreifen mögen oder nicht. Denn am Ende — und so auch jetzt — zählt doch nur eines: die Liebe!

Foto: © Radio Bremen

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

Ein Kommentar

  1. K. Wojke · Juli 2, 2015

    Natürlich ist es unsinnig, ein Recht auf Elternschaft begründen zu wollen, noch dazu auf Bio-Elternschaft der natürlichen Erzeuger. Es ist auch irgendwie lustig, denn unser lieber Vater Staat kennt beinahe nur Empörung, wenn sich Eltern nicht um ihre Kinder kümmern oder nicht einmal Unterhalt zahlen. Die Ehe schützt vor diesem Nichtwahrnehmen der natürlichen Elternpflicht jedenfalls nicht. Und nein, sie fördert auch nicht, dass Menschen diese Pflicht wahrnehmen. Und ja, es wäre komisch zu behaupten, bloß natürliche Bio-Eltern könnten dieser Pflicht nachkommen. Faktisch kümmern sich so allerlei Menschen – in Partnerschaften, allein, wechselweise, mit Bekannten, Freunden, in Patchworksituationen – um Kinder, die demnach nicht immer die „eigenen“ sind. Aber ich frage mich, ob man dieser Tatsache schon genug Rechnung getragen hat, indem man auf ihr Bestehen verwiesen hat oder die Konservativen Bio-Elternschaftsverfechter der Blindheit bezichtigt, als würden sie nicht sehen, wie diese postmodernen Menschen so leben – vielmehr WOLLEN diese es ja nicht sehen! Noch fragwürdiger erscheint mir, ob diese wahren Kinderkümmerer wirklich unterstützt würden, wenn die Ehe geöffnet und aus ihrem heterosexistischen Korsett entlassen würde. Wie also kann man die Lebensgemeinschaften mit Kind wirklich unterstützen? Lebensgemeinschaften mit Kind bedürfen eines besonderen Schutzes. Wie steht es jedoch um diverse Zeugungsformen? Auch hier gibt es so allerlei Praktiken, wie Menschen zu Eltern werden und Kinder zu Eltern kommen. Es ist nicht einzusehen, warum die Bio-Zeugungssex-Variante die beste sein soll. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er offenbar auch andere Weisen der Zeugung praktizieren und ersinnen kann, als die sogenannte natürliche. Die eine Frage ist, was begrenzt den Begriff der Elternschaft bzw. der Familiarität? Die andere Frage ist, welche Weisen der Zeugung vernünftig sind? Ich befürchte, es ist noch zu wenig darüber nachgedacht worden, was aus der biologismuskritischen Diskussion des Familienbegriffs für die Problematik der Zeugungsweisen folgt. Ich wünsche mir auch an dieser Stelle mehr Diskussion dazu.