Pro Familia | Der Reiz der Unverfügbarkeit

Für den intellektuellen, liberalen, in einer Großstadt lebenden und besser verdienenden Weltbürger und natürlich auch für die ähnlich veranlagte Weltbürgerin ist die Sache klar: Die Ehe ist eine Institution von vorgestern. Auch Familie hat weder etwas mit Blutsverwandtschaft noch mit staatlich gestützten Institutionen zu tun. Vielmehr ist Familie das, was wir daraus machen. Wenn wir nur wollen, dann sind wir alle eine große Familie. Es ist der Staat, es sind die Kirchen und es sind ewig gestrige Spießbürger_innen, die dieser wunderbaren Utopie mit ihrer rückwärtsgewandten Konservierungspolitik entgegenstehen – so rufen es sich unsere Weltbürger_innen zu.

Lasst uns Brüder und Schwestern werden

Keine Frage, ungerechte Diskriminierungen in der Familienpolitik gehören abgeschafft. Aber es ist gar nicht so klar, was dazu gehört und dass beispielsweise Steuererleichterungen für Ehepartner_innen keinen Sinn haben. Immerhin verpflichten sich Ehepartner_innen auch, füreinander einzustehen, wenn es hart auf hart kommt. Sicher, es gilt zu überdenken, ob institutionell zugewiesene familiäre Rechte und Pflichten noch immer im richtigen Verhältnis zueinander stehen und fair verteilt sind. Und natürlich ist es richtig, dass es unabhängig von der sexuellen Neigung allen Menschen erlaubt sein muss, sich auf dieses Bündel von Rechten und Pflichten einzulassen. Einigermaßen bedenklich ist hingegen, wenn in der öffentlichen Diskussion vor allem die Rechte als vermeintliche Privilegien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Die Pflichten der Ehe, die Pflichten der Familie, beispielsweise unter Geschwistern, werden kaum je thematisiert – fast so, als würde ohnehin niemand mehr daran glauben. Was ja vielleicht auch stimmt, zumindest für Weltbürger_innen. Allerdings verbirgt sich hinter dem Verschweigen der Pflichten auch ein nicht ganz unkompliziertes philosophisches Problem.

Family

Einerseits führt unsere liberale Grundeinstellung zu der Überzeugung, dass es uns Menschen individuell überlassen bleiben muss, alle unsere Beziehungen zu anderen Menschen frei zu wählen. Es muss erlaubt sein, solche Beziehungen freiwillig einzugehen und freiwillig wieder aufzugeben. Brüderlichkeit oder Schwesterlichkeit etwa beruhen dann nicht mehr auf einer unauflöslichen Verwandtschaft, sondern auf bewussten und jederzeit widerrufbaren Entscheidungen. Andererseits besteht der Reiz so manch einer Beziehung gerade darin, dass sie sich der individuellen Willkür entzieht. Natürlich kann Verwandtschaft zur Hölle werden, wenn man ihr nicht entfliehen kann. Für viele Menschen führt Verwandtschaft aber auch dazu, dass sie ihre Zeit mit so ganz anders gearteten Menschen verbringen, mit denen sie sonst nie zusammen kämen. Für manche bedeutet Familie auch, Menschen in ihrem Leben zu haben, die irgendwie immer auf ihrer Seite stehen werden, egal was passiert. Das kann gut sein.

Kampf um Familie

Das Problem mit der Familie der Gegenwart besteht nun offensichtlich darin, dass man nicht beides zugleich haben kann. Oder leicht paradox formuliert: Die uneingeschränkte Freiheit der individuellen Beziehungswahl kann nicht die Freiheit einschließen, unverfügbare Beziehungsformen zu wählen. Was also tun? Sicherlich besteht die richtige Antwort nicht in einer Rückkehr zu Hegel mit seiner Glorifizierung der traditionellen Familie als Ort der Liebe. Die richtige Antwort kann aber auch nicht darin bestehen, alle familienartigen Beziehungsformen auf rein vertragliche Regelungen zu reduzieren. Wahrscheinlich ist es daher ganz gut, dass sich das zukünftige Bild der Familie in spannungsreichen demokratischen Kämpfen formieren wird. Auf diese Weise, so die Hoffnung, entsteht der Kompromiss einer akzeptablen Balance zwischen liberaler Beliebigkeit und traditioneller Unverfügbarkeit. Vor diesem Hintergrund lässt sich uneingeschränkt bejahen, wenn homosexuellen Menschen für Gleichberechtigung kämpfen, weil ihnen an der Ehe als einer Institution gelegen ist, die ihnen die Gelegenheit gibt, ihre Beziehung institutionell zu verfestigen, wenn sie das wollen.

Foto: John Oxley Library (State Library of Queensland), Public Domain

 

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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