Pro Familia | Married without Children

In Irland wird die Einführung der Homo-Ehe beschlossen. Sofort bekundet der Vatikan: »eine Niederlage für die Menschheit«. Die Politik hierzulande reagiert vergleichbar schrill: »Wenn wir diese Definition öffnen«, warnt etwa die Ministerpräsidentin des Saarlands, Annegret Kramp-Karrenbauer, »sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen«. Unter dem Applaus von Grünen und Linken erstattet daraufhin eine Berliner Anwältin Strafanzeige, weil diese Äußerung »homopohob und menschenverachtend« sei. Sind denn jetzt alle völlig durchgedreht (einschließlich der katholischen Iren)?

Reaktionär sind immer die anderen

Zwar mutet KKs Einlassung unsympathisch an. Es handelt sich zudem um ein gutes Beispiel für jenes fragwürdige Diskursphänomen, das diesem Online-Magazin seinen Namen gibt und stets nach dem Motto verfährt: Wo kommen wir denn da hin? (Werden die Neuvermählten eines Tages sogar Doppelnamen tragen dürfen?) Doch interessant ist KKs Gedankenspiel deshalb, weil es weniger sie selbst als vielmehr ihre Kritiker*innen entlarvt. Denn wer empört protestiert, ein Vergleich der Homo-Ehe mit der Geschwister- oder Viel-Ehe sei »homophob und menschenverachtend«, muss sich fragen lassen: Wer, bitte schön, zementiert hier eigentlich überkommene Sittlichkeitsvorstellungen? Warum sollte man die Geschwister- oder Viel-Ehe nicht erlauben? Es ist schwer vorstellbar, dass die Anhänger der Ehe, ob hetero oder homo, hier etwas anderes als bloß piefige bis reaktionäre Argumente parat haben. Die aktuell geforderte »Ehe für alle« jedenfalls sähe anders aus.

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Man könnte meinen, den Anhängern der Ehe – darunter eben auch viele Homosexuelle – gehe es um symbolische Anerkennung oder gar um Romantik. Tatsächlich aber will man zuvorderst unter das schützende Dach des gesplitteten Steuervorteils und sonstiger Sonderrechte. Daher muss zugleich verhindert werden, dass dort alle Zuflucht finden, weil ein Privileg, das alle haben, kein Privileg ist. Daraus folgt: Nicht die Hetero-Ehe diskriminiert, sondern die Ehe als solche, sofern sich daraus rechtliche Nachteile für Unverheiratete ergeben. (Das Argument »Kann doch jeder heiraten« ist so sinnig wie »Kann doch jeder weiß etc. werden«). Benachteiligt werden Singles; Paare, die keinen Sinn in dieser bürgerlichen Institution sehen; Menschen, die bloß freundschaftlich zusammenleben; Junge, die sich um Alte kümmern usw. Man macht deren Diskriminierung kaum besser, indem man eine bestimmte Gruppe – z.B. Homosexuelle – herausgreift und dieser höhere Weihen verleiht.

Generationengerechtigkeit

Der einzig plausible Grund für rechtliche und ökonomische Privilegien ist die Versorgung von Kindern. Und um Kinder können sich wahrlich nicht bloß verheiratete Heteros kümmern (abgesehen davon, dass diese das oft auch nicht können). Es muss also nicht die Ehe – gleich welche Couleur – geschützt werden, sondern die Familie. Um aber von einer »Familie« sprechen zu können, muss ein generationsübergreifender Versorgungszusammenhang bestehen. Hier zeigt sich einmal mehr der Unterschied zwischen positivem Recht und überpositiver Moral: Ein kinderloses Ehepaar sollte selbst dann keine Steuervorteile genießen, wenn es die CSU wählt. Zwei lesbische Freundinnen hingegen, die in der Ehe ein Überbleibsel spießigen Bürgertums sehen, die aber gleichwohl gemeinsam ein Kind groß ziehen, schon. Ohnehin müsste die konservative Logik der Ehe-Schützer ganz anders lauten: Wer wahrhaft um die Ehe besorgt ist, sollte die Scheidung verbieten.

Foto: Kristina Alexanderson, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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