Postfaktizität | Alles sinnlos

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen: Kein anderer amerikanischer Politiker trifft derart viele falsche Aussagen wie der gerade zum Präsidenten gewählte Donald Trump. Laut der Faktencheckwebsite politifact.com waren 35% der ausgewerteten Aussagen Trumps während des Wahlkampfes falsch. Bei Hillary Clinton waren es 10% und bei Barack Obama 12%. Und noch etwas: Bei keinem anderen amerikanischen Politiker waren die falschen Aussagen derart offensichtlich falsch. Dass Obama zusammen mit Hillary Clinton den sogenannten IS gründete etwa oder dass sich die Kriminalitätsrate in amerikanischen Städten auf Rekordniveau befinde, obwohl sie sich seit 1995 halbiert hat.

Wahre Torheit

Der sogenannte IS hat eine komplexe Entstehungsgeschichte. Und komplexe Entstehungsgeschichten lassen sich nicht leicht überprüfen. Kriminalitätsstatistiken dagegen schon. Das weiß auch Donald Trump. Es ist ihm jedoch egal: »I don’t care« sagte er auf den Hinweis des republikanischen Radiomoderators Hugh Hewitt, dass Obamas Ziel doch gerade die Vernichtung des IS sei. Donald Trump interessiert sich nicht für den Wahrheitswert seiner Aussagen. Ob sie wahr sind oder falsch – ihn kümmert es nicht. Trump ist ein Tor ganz im Sinne von Erasmus von Rotterdam: Er richtet sich an sein Publikum mit grotesker Irrationalität – und er findet Gehör.

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Die Wahrheit, so heißt es, sei das erste Opfer in Krisen. Wenn das stimmt, dann muss die Krise schon vor dem politischen Aufstieg Donald Trumps begonnen haben. Denn Trump hat seine Wähler nicht kreiert. Er ist bloß gekommen und hat sich an deren Spitze gestellt. Was also ist zuvor passiert? Unter anderem Folgendes: Wir sind eine Befindlichkeitsgesellschaft geworden. Begonnen hat es nach dem zweiten Weltkrieg, in den 1960er-Jahren, als Bürgerrechtsbewegungen des liberalen Westens die Anerkennungswürdigkeit von gesellschaftlicher und politischer Benachteiligung, aber auch von seelischer Verletzlichkeit durchsetzten. Die Zeit der »Political Correctness« begann. Gruppen und Einzelpersonen wurde ein Opferstatus zugesprochen, der es ihnen ermöglichte, vergangenes Unrecht aufzuzeigen, um künftiges zu verhindern. Eine Kultur des sensiblen Dialogs entstand.

Parodien des Guten

All das war richtig, und es war gut. Mittlerweile jedoch ist diese Kultur zu ihrer eigenen Parodie verkommen. Die zu Recht geforderte Anerkennung der je eigenen Verletzlichkeit im Rahmen privater und gesellschaftspolitischer Diskurse hat sich überschlagen und hypersensible Identitäten kreiert, bei denen bereits die bloße Nennung von Fakten Betroffenheit und Entrüstungsstürme hervorzurufen vermag. Beispielgebend sind hier die von Leitungen namhafter amerikanischer Universitäten geforderten Trigger-Warnungen, mit denen Dozentinnen und Dozenten die Studierenden auf den möglicherweise traumatisierenden Inhalt ihrer Veranstaltungen hinweisen sollen. Gefordert werden solche Warnungen etwa vor Vorlesungen über die Geschichte der Afro-Amerikaner in Amerika, aber auch vor literarischen Werken wie The Great Gatsby, in dem sich Passagen über häusliche Gewalt, Suizid und auch sonst unverhüllte Gewaltdarstellungen befinden.

Jargon der Befindlichkeit

Wenn selbst an Universitäten die Rede über Fakten tabuisiert wird, was bleibt dann übrig? Nun, eine Rede über Befindlichkeiten – und zwar in Ich-Form. Denn hier gilt die Autorität der ersten Person. Wie ich mich fühle, ist keinem besser zugänglich als mir. Eine solche Redeweise greift niemanden an, und sie ist selbst unangreifbar. Überträgt man diesen Jargon auf Diskussionen über Sachfragen, dann geraten auch Standpunkte zur Sache der je eigenen Befindlichkeit. »Ich empfinde das so…«, »Ich empfinde das anders…« und am Ende: »So what?«. Dieses Schulterzucken ergibt sich mit Notwendigkeit. Positionen ohne Gegenpositionen verlieren ihre Natur. Sie sind keine Positionen mehr. Um nämlich überhaupt eine Position sein zu können, muss es mindestens eine weitere Position geben, gegen die sie gerichtet ist. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass es konstitutiv zur Natur von Positionen gehört, wahrheitswertfähig zu sein. Eine Position muss wahr oder falsch sein können, es muss möglich sein, ihr einen Wahrheitswert zuzuschreiben. Die Pragmatik des Befindlichkeitsjargons in Sachfragen hat damit dramatische Konsequenzen. Eine in diesen Jargon gekleidete These, die nicht bestreitbar ist, weil sie weder wahr noch falsch ist, hat keinen erkenntnistheoretischen Status. Eine solche These führt weder zu Wissen hin noch davon weg. Aber es kommt noch schlimmer: Eine solche These hat auch keinen semantischen Status. Sie bedeutet nichts. Sie ist buchstäblich sinnlos. Mit in den Befindlichkeitsjargon gekleidete Thesen, sagt man also weder etwas Wahres noch etwas Falsches. Man sagt schlicht gar nichts.

Und wir sind schuld

Nun war Trump ganz offenkundig nicht darum bemüht, emotionale Verletzungen bei seiner Kontrahentin zu vermeiden. Gleiches gilt für seine Anhänger. Doch auch sie pflegen den Befindlichkeitsdiskurs in Sachfragen. Auch sie pflegen eine sinnlose Redeweise. Wir, die liberalen geistigen »Eliten«, gefielen uns während des Wahlkampfes im Abwenden angesichts solcher Torheit. Doch das kommt uns nicht zu. Denn unser Verdienst ist es, die Sinnlosigkeit überhaupt erst salonfähig gemacht zu haben.

Foto: Filippo Minelli, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Sarah Tietz

Sarah Tietz hat sich viel auf das Denken konzentriert und sich gefragt, welche Wesen das so können. Mittlerweile konzentriert sie sich mehr auf das Tun und den Aufbau einer Firma zur Förderung des Zusammenhalts in der EU.

Ein Kommentar

  1. Thomas Hoffmann · November 20, 2016

    Das ist rundum wahr! Und deshalb stimme ich vollends zu. Und da wir hier zum Glück nicht auf Facebook sind, muss ich zu diesem Zweck jetzt auch nicht in den Jargon der Befindlichkeit verfallen und bekunden: Thomas Hoffmann gefällt das!