Postfaktizität | Authentischer Bullshit

In jener Nacht, als Trumps Wahlsieg ein weltpolitisches Erdbeben auslöste, schlug die Stunde der medialen Seismographen: Was genau war da eigentlich geschehen? Dass dies noch kaum jemand begriffen hatte, zeigte sich, als in den vermeintlichen Expertenrunden umgehend die Frage aufkam, ob der neue Präsident auch tatsächlich seine Wahlversprechen halten werde. Just in dem Moment hätte man da gern einen frühen spin doctor ins Spiel gebracht, der bereits im Jahre 1513 Folgendes ins Stammbuch der politischen Eliten schrieb: »Ein kluger Fürst kann und darf daher sein Wort nicht halten, wenn dessen Erfüllung sich gegen ihn selbst kehren würde (…). Ich wage zu behaupten«, so Machiavelli, »daß es sehr nachteilig ist, stets redlich zu sein«.

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Dieses politische Klugheitsgebot – zu lügen, bis sich die Balken biegen, solange es dem eigenen Machterhalt dient – findet ein Echo in der derzeit viel beschworenen Diagnose der »Postfaktizität«: An die Stelle faktenorientierter Politik soll das Bedürfnis nach »gefühlten« Wahrheiten getreten sein; wobei oft übersehen wird, dass diese gefühlten Wahrheiten nicht immer nur jene sind, die man glauben will. Viel wirksamer noch sind albtraumhafte Wahrheiten, vor denen wir uns fürchten. Nehmen wir an, die prekäre Lebenslage des Durchschnittsamerikaners fühle sich tatsächlich so an, als läge die Arbeitslosigkeit gesellschaftlich bei 40%: Die Nennung der echten Arbeitslosenquote von unter 5% mutet dann selbst wie eine Unwahrheit an. Jedenfalls würde es an dieser eingebildeten Wahrheit ebenso wenig ändern wie der Hinweis, man möge sich im Internet schlau machen. Denn im Netz, so der Medienkritiker Bernhard Pörksen, suhlen wir uns ohnehin nur in Biotopen der Selbstvergewisserung.

Das Lügner-Paradox

Nun ist das Postfaktische auf paradoxe Weise selbst zum Faktum geworden. Und es entbehrt nicht der Ironie, dass der designierte Präsident seine Gegnerin im Wahlkampf unentwegt »Crooked Hillary« (die verlogene Hillary) nannte. Damit stellt Trump nicht zuletzt auch eine philosophische Herausforderung nach dem Vorbild des berühmten Lügner-Paradox dar: »Epimenides der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner«. Nun aber war es Trump, der Lügner, der unentwegt behauptete, seine Gegnerin sei eine Lügnerin. Damit müsste Hilary Clinton aus zwingend logischen Gründen eine wahrhaftige, authentische Person sein – was natürlich auch sogenannter Bullshit ist. Aus Sicht der politischen Ethik ist jedoch eine ganz andere Frage bedeutsam: Wie kommt es eigentlich, dass der Vorwurf der Verlogenheit im Fall von Clinton tatsächlich verfing, während Trumps eigene Unwahrhaftigkeit ihm überhaupt nichts anhaben konnte? Im Gegenteil! Auf einer Kundgebung hatte Trump seinen Fans zugerufen: »Ich werde euch niemals belügen. Ich werde euch nie etwas sagen, woran ich nicht glaube.« Und mit jedem Nonsens, den er verzapfte, fanden die ihn nur umso sympathischer und jedenfalls sehr viel authentischer als seine Gegnerin.

Wenn das Postfaktische zum Faktum wird

Daraus lässt sich eine erste ethische Lehre ziehen: Eine Person kann authentisch sein, obwohl sie zugleich und unentwegt faktenwidrigen Unsinn daherredet. Sie muss nur selbst daran glauben. Der Psychiater Ronald D. Laing berichtete einst von einem Patienten, der im Rahmen einer klinischen Behandlung auf die Frage, ob er Napoleon sei, wahrheitsgemäß mit »Nein« antwortete. Doch der angeschlossene Lügendetektor zeigte an, dass er log… Derart authentische Lügner besitzen die wichtigste Gabe eines machiavellistischen Fürsten: »Ich wage zu behaupten«, sagt Machiavelli, »daß es sehr nachteilig ist, stets redlich zu sein«, und er fährt fort: »aber (…) redlich zu scheinen, ist sehr nützlich«.

Authentische Ambivalenz

So darf das Volk eine politische Authentizitätsvorstellung genießen, die das zunehmend verachtete Establishment regelmäßig vermissen lässt. Zugleich kommt die Performance der Überzeugung vieler Wählerinnen und Wähler entgegen, dass es so, wie bisher, einfach nicht weitergehen kann – ohne dass man jedoch ernsthaft befürchten müsste, auch das eigene Leben ändern zu müssen. Dies bringt die politische Ethik zu einer zweiten Lehre aus Trumps Wahlsieg: Das Volk will von der Politik zwar nicht vorsätzlich belogen werden, aber es will auch nicht immer die Wahrheit hören. Diese ethische Ambivalenz dürfte tatsächlich wahlentscheidend gewesen sein, weil Trump die Kunst des In-der-Schwebe-Haltens meisterhaft beherrscht. Der heute medial beliebte »Faktencheck« läuft da übrigens als Gegentrend genau so ins Leere wie der in der Philosophie gepriesene »Neue Realismus«, der fordert, wir sollten endlich die postmoderne Flucht vor der »harten« Realität hinter uns lassen. Wer will das schon? In der politischen Arena gefühlter Fakten lässt es sich für die mal hoffende, mal bangende Masse sehr viel besser leben.

[Dieser Beitrag ist in etwas kürzerer Form zunächst als Wochenkommentar in der Sendung »Sein und Streit« vom 13.11.2016 auf Deutschlandradio Kultur erschienen.]

Foto: Gage Skidmore (Montage: Thomas Hoffmann), https://en.wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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