Populismus | Die Wirklichkeit des verdoppelten Lebens

Bei uns daheim gibt es keinen Fernseher. Serien, die mir gefallen, schaue ich hintereinanderweg im Internet an. Was hingegen im deutschen Fernsehen tagtäglich gesendet wird, dringt für gewöhnlich nicht mehr bis zu mir vor. Ich empfinde das als sehr wohltuend. Es hat mich aber wohl auch zum Mitglied von einer dieser gefürchteten Parallelgesellschaften gemacht. Dies wird immer dann offenkundig, wenn ich mit meiner Gattin verreise und wir dabei in einer Ferienwohnung oder einem Hotelzimmer nächtigen. Denn ohne eine Flachbildglotze mit mindestens anderthalb Metern Bilddiagonale und einem Minimalangebot von 50 Sendern kommt heutzutage offenbar keine Touristenunterkunft mehr aus. Und obgleich meine Gattin mir stets versichert, dass sie im heimischen Haushalt keineswegs einen Fernseher vermisse, ist unser Feriendomizil immer kurz nach unserem Eintreffen von jener Kakophonie erfüllt, die entsteht, wenn man sich im Sekundenrhythmus durch mindestens 50 Sender zappt.

Inside TV 10 Tage im Urlaubsdomizil

Anfangs habe ich noch kulturkritisch rumgenörgelt und meine bessere Hälfte für die schlechte Angewohnheit gescholten, ihre schöne Seele gleich zu Urlaubsbeginn mit diesem televisionären Schleim zu verkleistern. Dann erkannte ich jedoch, dass sich mir hier die immer wieder einmalige Chance bietet, nach langer Abwesenheit erneut Kontakt zu jener Wirklichkeit aufzunehmen, in der die meisten meiner Mitmenschen leben. Seitdem reise ich in Ferienwohnungen und Hotelzimmern investigativ durch die deutsche Fernsehlandschaft, wie sonst nur Jürgen Todenhöfer durch das IS-Kalifat. Diese Reisen sind stets faszinierend und erschütternd zugleich. Sie lassen einen aber auch erahnen, weshalb sich der rechte Populismus derzeit solch großer Popularität erfreut.

Adolf sucht Eva Gestrandet im Paradies

Wer sich jemals in einer Ferienwohnung, in einem Hotelzimmer oder wo auch immer nur eine einzige Folge von Deutschland sucht den Superstar, Frauentausch, Ich bin ein Star – Holt mich hier raus, Bauer sucht Frau, Der Bachelor, Big Brother oder Glööckler, Glanz und Gloria angeschaut hat und seinen Verstand weder zu Hause ließ noch währenddessen verlor, wird sehen, dass das gegenwärtige Phänomen des Rechtsrucks tiefer liegende Ursachen hat als die sogenannte Flüchtlingskrise oder den islamistischen Terrorismus. Macht man sich klar, dass die Wirklichkeit abendländischer Patrioten durch den allabendlichen Konsum solcher und ähnlicher TV-Sendungen geformt wird, so kann man nicht mehr wirklich darüber verwundert sein, dass die Mehrheit der Briten für etwas gestimmt hat, von dem weder Nigel Farage noch Boris Johnson noch sonst jemand weiß, worum es sich eigentlich handelt. Ebenso wenig kann man dann noch ernsthaft darüber verblüfft sein, dass ein frauen- und fremdenfeindlicher Hoppla-jetzt-komm-ich-Vollproll wie Donald Trump, der alle bisher bekannten Grenzen menschenmöglicher Peinlichkeit und Rücksichtslosigkeit mühelos übersteigt, es bis zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner geschafft hat. Auch überrascht es kaum noch, dass Frauke Petrys Vorschlag zur Wiedereinführung des Schießbefehls fast so viele Fürsprecher findet, wie Norbert Hofer Wählerstimmen. Und es haut einen leider auch nicht mehr vom Hocker, dass so viele Menschen Geert Wilders´, Marie Le Pens und Lutz Bachmanns rassistisch motivierte Gleichsetzung von Islam und Islamismus für völlig einleuchtend und selbstverständlich halten. Denn wieso, weshalb und warum erwartet eigentlich irgendwer, dass Menschen, die in den letzten Jahrzehnten unentwegt der massenmedialen Verblödungskultur ausgesetzt waren, als Wähler*_Innen nun plötzlich der Vernunft folgen und Gründen zugänglich sind?

Germany’s Next Topnazi

Anlass zur Überraschung böte es doch wohl eher, würden sich diese Menschen, wenn es um Politik geht, auf einmal ganz anders verhalten als sie leben und denken. Das tun sie aber eben nicht! Dem einfältigen Top-oder-Flop-Prinzip einer schäbigen Casting-Show folgend, bevorzugen sie auch als politische Subjekte simple Lösungen für komplexe Probleme. Das stumpfe Freund-Feind-Schema einer ranzigen Reality-Soap nachahmend, verdammen sie auch als politische Subjekte alles und jeden, der nicht so ist, wie sie selbst. Der neureichen Bildungsferne irgendwelcher höhensonnengegerbter C-Promis hinterher hechelnd, versuchen sie mit Bauernschläue und Bauchgefühl auch für sich die nach Möglichkeit dicksten Kartoffeln abzustauben. Und bar aller Tugend sowie jeglicher Skrupel, prügeln sie auf alles ein, was sie als Bedrohung ihrer kleinen nationalen Vorabendserienwelt ansehen. Daher müssen wir uns hierzulande eigentlich noch glücklich schätzen, dass Dieter Bohlen bisher nicht auf die Idee kam, in die AfD einzutreten. Denn dann wäre ziemlich klar, welche Partei den nächsten Kanzler stellte und wie der hieße.

IronSky

Wem das nun alles nicht nur zu kulturpessimistisch, sondern auch zu antidemokratisch klingt, dem sei gesagt, dass ich mich hier keineswegs gegen das Prinzip gewendet habe, wonach Politisches dadurch seine Legitimation erfährt, dass die Betroffenen über das, was sie betrifft, abstimmen. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass es bei anhaltender massenmedialer Verblödung der Bevölkerung keine Überraschung sein kann, wenn die Ergebnisse solcher Abstimmungen auch dementsprechend verblödet ausfallen. Das mag zwar arrogant klingen, antidemokratisch ist es jedoch nicht.

Foto: Iron Sky (Finnland/Deutschland/Australien 2012, Regie: Timo Vuorensola)

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

Ein Kommentar

  1. Bernhard H. Winck · Juli 10, 2016

    Dieser Beitrag ist in erster Linie nicht kulturpessimistisch oder anti-demokratisch, sondern einfach nur einfallslos. Darüber kann auch die pseudo-satirische Zuspitzung nicht hinwegtäuschen. Durch Massenmedien verblöden die Menschen – das ist ja echt eine originelle These. Die war ja noch nirgendwo zu lesen. Man kann ja an den genannten Sendungen eine Menge kritisieren. Aber dass sie ausgerechnet eine rechte Einstellung befördern sollen, klingt wenig überzeugend. Da bekommt man eher Zweifel, ob der Autor sich die Sendungen jemals wirklich angeschaut hat. Der Zusammenhang zwischen den massenmedialen Angeboten und rechter Gesinnung ist eine haltlose Behauptung, die durch nichts belegt wird. Gibt’s auch nur eine Studie, die diesen Zusammenhang bestätigt? Damit werden nur die Vorurteile von Leuten bestätigt, die ebenso wie der Autor ihre dumpfen Ressentiments zum einen gegen die Massenmedien und zum anderen gegen AfD/Pegida pflegen und das für eine kritische Einstellung halten. Bei nüchterner Betrachtung ist das doch ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Mit der Behauptung dieses nicht begründeten Zusammenhangs bewegt sich dieser Beitrag letztlich auf demselben intellektuellen Niveau wie die Argumentationen der Pegida-Dumpfbacken. Die machen auch nichts anderes als haltlose Zusammenhänge zu behaupten. Damit unterbietet der Beitrag zugleich das Niveau der kritisierten Sendungsformate um Längen.